»Hmhm.« Ciernick blickte Less in die Augen und reflexartig wich dieser seinem Blick aus.
»Es ist nur... «, begann Less und wurde sich gewahr, dass er sehr laut sprach. »Es ist nur«, flüsterte er weiter, »wir sind jetzt schon länger als zwei Wochen unterwegs, seit Tagen fahren wir durch diese endlose Landschaft. Kommt dir das nicht auch komisch vor?«
Der Mann blickte erneut in die Glut, nahm sich dann ein Stöckchen und stocherte ein wenig darin herum. »Du solltest nicht an Amal zweifeln.«
»Ich zweifle weniger an ihr als an der ganzen Unternehmung hier.«
»Nun, du bist jung. Ich schätze, das ist normal.«
Seine Worte schürten Less‘ Zorn. Er hasste es, wenn seine Jugend ihm vorgehalten wurde, nur um einer Antwort zu entgehen. »Ich mag jung sein, aber nicht naiv«, zischte er.
Ciernick sah ihn abschätzend an, Less konnte seine Abneigung gegen sich förmlich sehen.
»Jeder ist naiv, wenn er jung ist«, brummte der Mann.
»Ich weiß eine Menge mehr als andere in meinem Alter.«
Wieder sah Less diesen herablassenden, beinahe gelangweilten Blick in Ciernicks Augen, was ihn innerlich zur Weißglut trieb.
»Allein, dass du diese Tatsache so vehement verteidigst, zeigt doch, wie wenig du wirklich weißt oder verstanden hast. Und ich sehe die Wut in deinen Augen.«
»Du bist scheußlich und arrogant!«
»Ich bin ein Säufer. Natürlich bin ich scheußlich und arrogant.«
»Herrgott!«, rief Less aus und stand auf.
»Der hat damit gar nichts zu schaffen«, hörte er Ciernick hinter sich brummeln.
Wütend drehte Less sich zu ihm und starrte auf ihn nieder. »Ich weiß nicht, was dein Problem ist und warum du mich nicht magst, aber ganz ehrlich? Dich mag auch niemand. Du bist kaltherzig, du bist mürrisch und unfreundlich. Dein einziger Freund ist der Alkohol. Ich verstehe wirklich nicht, warum man dich mit auf diese Expedition genommen hat!« Less stapfte davon zu seinem Zelt.
»Du hast Angst« Ciernick war aufgestanden und hatte den Stock beiseite geworfen. »Du schlotterst ja beinahe.«
Rasend drehte Less sich ein weiteres Mal um. »Ich habe keine Angst!«
»Was ist hier los?« Amal stand vor ihrem Zelteingang. Sie hatte ihre Haare streng zusammen gebunden und einen dicken Mantel an. »Warum schreist du hier so herum?«
Less zeigte auf Ciernick. »Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit.«
»Er mag mich nicht und ich ihn nicht«, erklärte Ciernick mit dunkler Stimme.
Amal schüttelte genervt den Kopf. »Lasst diese unreifen Geschichten. In ein paar Tagen sind wir wieder in der Siedlung, dann könnt ihr euch aus dem Weg gehen. Bis dahin haltet einfach euren Mund!« Sie warf Ciernick einen vernichtenden Blick zu, den er nur mit einem leichten Lächeln erwiderte. Ihre Kälte schien völlig an ihm abzuprallen. Less hingegen wich ihrem Blick aus. Er fühlte sich furchtbar klein, unerfahren und vor allem unreif. Er hatte sich nicht zügeln können und war aus der Haut gefahren, im Gegensatz zu Ciernick, der ruhig geblieben war. So etwas geschah nur naiven jungen Leuten, da musste Less ihm Recht geben.
In dieser Nacht verdrängte er seine Gedanken an die Verfolgung und an die Schuld, die er womöglich am Tod des Mannes trug. Er beschäftigte sich nur mit den Gedanken daran, dass ihm Teile für das Puzzle, das hier gelegt wurde, fehlten. Um jeden Preis wollte er diese Teile bekommen. Er nahm sich vor zu lernen, zu fragen und zu wissen. Mehr zu wissen als alle in der Siedlung.
Ganz tief in seinem Inneren wuchs ein Wunsch heran, ein Plan und ein Ziel, das erst in vielen Jahren ein Gesicht bekommen würde.
»Ich brauche deine Unterlagen bis spätestens vierzehn Uhr. Und am besten schreibst du dazu, was genau das sein soll. Keine Formeln, keine Zahlen. Gib mir einen Grund, warum es die Leute interessieren soll.« Mit ihren hohen Absätzen stakste Ria davon. Julian hörte, wie sich die Aufzugtür öffnete und sich schließlich hinter seiner Schwester wieder schloss.
Ruhelos strich er sich durch das unordentliche schwarze Haar. Solche Tage empfand er als äußerst unangenehm und lästig. Nicht genug, dass er sich mit Menschen unterhalten musste, was noch nie seine Stärke gewesen war, nun musste er seine Arbeit auch noch erklären. Und dazu einem Publikum, das keine Ahnung davon hatte.
Julian dachte kompliziert. Es fiel ihm unglaublich schwer, einfach und geradeaus zu denken und deswegen konnte er seine Gedanken auch schlecht in Worte fassen. Die meiste Zeit übernahm Ria diese Aufgabe für ihn, aber es gab Tage wie diesen, an denen auch sie erst einmal verstehen musste, um was es ging. Seufzend schrieb er sich ein Memo, diese Sache möglichst schnell zu erledigen. Eigentlich brauchte er dieses Memo nicht, er konnte sich alles merken, jedoch ging auch er gern auf Nummer sicher.
Auf seinem Schreibtisch, der extra für ihn angefertigt worden war, damit er effektiver und effizienter arbeiten konnte, leuchteten ein paar 3D-Simulationen seiner neusten Softwareprodukte. Ein Wirrwarr aus Zahlen, Gleichungen, Pfeilen, Vierecken, Kreisen und hellen Verbindungen. Natürlich wusste niemand etwas damit anzufangen, wenn er die Materie nicht kannte.
Julian drehte das Konstrukt ein paar Mal hin und her, betrachtete die feinen Linien, die korrekt berechneten Algorithmen. Unglaublicher Stolz erfüllte ihn, betrachtete er vor sich doch unzählige Stunden Arbeit. Außerdem konnte er sich jedes Mal darüber erfreuen, dass er es fertig gebracht hatte, virtuelle Verbindungen, Software, quasi Nicht-Anfassbare-Programme, optisch darzustellen. Auch wenn das beinahe niemand verstand.
Nachdem er sein Werk genug gewürdigt hatte, schob er es in einen Ordner und schaltete die Simulationsplatte aus. Was er nun brauchte, war ein starker Kaffee, anders würde er die Kreativität, die er benötigte, um sein Programm in einfachen Worten zu beschreiben, nicht aufbringen.
Während sich der Kaffeebecher füllte, schickte Julian dem General und Mr. Warrick zwei Uhrzeitvorschläge für eine Besprechung noch an diesem Tag. Er wollte es so schnell wie möglich hinter sich bringen. Auch weil bereits ein neues Projekt auf ihn wartete. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
»Julian, ich brauche deine Beschreibung in spätestens einer Stunde. In zwei Stunden ist der Pressetermin«, erklang Rias kühle Stimme in seinem Ohr. Unwillig riss er den Knopf heraus und schleuderte ihn auf seinen Schreibtisch.
Der Kaffee belebte seine Sinne ein wenig. Kurze Zeit später öffnete er ein vorgegebenes Dokument und versuchte, das neue Programm in Worte zu fassen. Rias Fragen, die sie ihm hinein geschrieben hatte, halfen ihm dabei, das Wesentliche im Auge zu behalten.
Was ist das für ein ‚Produkt‘?
Eine Software für Satelliten, die nicht nur die Fernsteuerung sondern auch die gezielte Erfassung von Gegenständen verbessert.
Ja, dachte Julian, das hörte sich doch schon ganz vernünftig an. Obwohl er noch tausend Informationen hinzufügen wollte, zügelte er sich rechtzeitig.
Was haben die Bürger der Westlichen Zonen davon?
Das war eine schwierige Frage, denn eigentlich war das Programm nicht für die Bürger gedacht, sie hatten überhaupt nichts davon. Eigentlich bedeutete es sogar das Gegenteil: Mehr Überwachung. Aber das konnte Ria ihnen unmöglich sagen.
Staatsfeinde können besser unter Kontrolle gehalten werden (?), schrieb Julian und machte Ria eine Anmerkung, dass sie sich selbst ein passendes Argument suchen sollte. Schließlich war das ihre Aufgabe.
Wie viel Geld wird für die Einführung dieses ‚Produktes‘ benötigt werden?
Julian hatte die Zahlen im Kopf: Nicht mehr als fünfzig Millionen GE.
GE stand für Geld-Einheiten, eine neue, globale Währung, die wenige Jahre nach dem Atomkrieg eingeführt worden war. Und fünfzig Millionen bedeutete ein Schnäppchen, gemessen an anderen Investitionen, die sie gemacht hatten.
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