Seine Mutter versuchte zu lächeln. Aron wusste, was hinter diesem Lächeln steckte. Die Ungewissheit, ob ihr Sohn derselbe sein würde, wenn er wiederkam. Diese Ungewissheit, die ihn selbst so sehr plagte und die er so gerne abgeschüttelt hätte.
Sein Vater ging durch den Flur zur Haustür, er würde ihn bis zum Landeplatz begleiten.
In der Tür drehte Aron sich noch einmal um. »Ich hab euch lieb«, sagte er und schenkte ihnen ein letztes Lächeln. »Wir dich auch«, antworteten sie alle und erwiderten sein Lächeln, nicht ohne weitere Tränen zu vergießen.
Aron winkte ihnen zu, dann schloss sich die Tür hinter ihm. Sein Magen fühlte sich flau an, er hoffte, dass er sich nicht übergeben musste.
Schweigend ging er neben seinem Vater her. Sie überquerten ein paar bekannte Plätze, auf denen unbekümmerte Kinder spielten und Frauen den neuesten Klatsch austauschten. Die künstlichen Bäche plätscherten friedlich und glitzerten in der Sonne. Auf den Treppen saßen ein paar Teenager zusammen, aßen Eis, genossen die schulfreie Zeit. Wie gerne hätte Aron sich zu ihnen gesellt, anstatt an einen Ort zu fliegen, der ihm völlig unbekannt war.
Nach ein paar Minuten erreichten sie den offenen Platz auf einer der Anhöhen der Stadt. Eine große, runde Terrasse mit blau leuch-tenden Verbindungen im Boden, damit man ihn auch in der Nacht ansteuern konnte. Auf ihm stand bereits ein schwarzer Jet, ähnlich dem, den Griffins Vater besaß, und neben ihm stand Griffin, bereit zum Aufbruch. Er lachte Aron entgegen.
»Ich kann das nicht gutheißen, Aron, das weißt du«, sagte sein Vater und wandte sich ihm zu.
»Ja, ich weiß.«
»Und ich verstehe deine Gründe nicht. Es fällt mir schwer, das zu begreifen, wirklich. Vielleicht muss ich das auch nicht, aber…« Er sah seinen Sohn nachdenklich an. Dann drückte auch er ihn fest an sich. »Komm zurück, wenn du es dir anders überlegst. Das Haus steht dir immer offen.«
»Ich weiß… danke, Dad.«
Sein Vater schob ihn von sich weg und sah Aron in die Augen. »Und steh dazu, wenn du es dir anders überlegt hast. Es ist dein Leben, nur du hast darüber zu entscheiden.«
»Ja, das weiß ich. Danke.«
Sein Vater seufzte und in seinen Gesichtszügen lag tiefe Trauer. »Mach’s gut, mein Sohn!«
Aron nickte. Er umarmte ihn noch einmal, dann hob er seine Tasche auf und ging auf Griffin zu, der noch immer lächelte. Ein enges Band hatte sich um sein Herz geschnürt, jeder Schritt wog unendlich schwer. Traurig sah er Griffin an, er konnte dessen Fröhlichkeit einfach nicht erwidern.
»Willst du das wirklich, Griff?«
Sein Freund nickte und wurde plötzlich ernst. »Ja, das will ich.« Er legte Aron eine Hand auf die Schulter. »Und ich bin dir so dankbar, dass du mit mir kommst.«
Für die Freundschaft, dachte Aron und bekam ein schiefes Grinsten zustande.
»Für dich immer, Griff.«
Und gemeinsam bestiegen sie den Jet, der sie weiter Richtung Süden bringen sollte, in ein neues Leben.
Der Jet wurde automatisch gesteuert, es gab also niemanden, den Aron und Griffin über ihre zukünftige Arbeit hätten ausfragen können. Er brachte sie aus Tiska heraus. Sie ließen die weiße Stadt und die Solarparks hinter sich. Trotz der Jetausflüge, kam ihnen die Umgebung noch immer unbekannt vor. Die kleinen Ortschaften, die weniger großen Städte, die Felder und Wiesen, die unbebauten grauen Steinflächen, das alles hob sich nun umso deutlicher von ihrer vertrauten Stadt ab. Durch das Sichtfenster schien eine warme Septembersonne. Sie flogen nach Süden.
»Was liegt weiter südlich?«, fragte Griffin, doch Aron wusste keine Antwort.
Dieser Kontinent war zu groß, um sagen zu können, was dort lag. Entweder Regenwald, breite Flüsse, Krater, die Steppe. Es wäre sinnlos zu spekulieren und Aron hatte auch keine Lust darauf. Je weiter sie sich von Tiska entfernten, desto unruhiger wurde er.
Griffin hingegen schien zufrieden zu sein. Aron verstand das sogar. Für ihn konnte es ein neuer Anfang sein, neue Möglichkeiten, neue Chancen. Dass er sich deswegen gut fühlte und optimistisch dachte, konnte Aron ihm nicht verdenken.
Doch trotz seines Unbehagens fühlte Aron, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Der Jet flog weiter Richtung Süden und machte dann einen kleinen Schlenker nach Westen. Den Boden konnten sie schon lange nicht mehr sehen, nur weiße Wolken befanden sich unter ihnen.
Griffin setzte sich seine VR-Brille auf und sah sich ein paar Serien an, Aron hingegen starrte aus dem Fenster und betrachtete das Blau des Himmels. Beiden war nicht nach Sprechen zumute.
Die Stunden vergingen. Zwischendurch schlief Aron kurz ein. Als er erwachte, war eine Stunde vergangen, die sich nach wenigen Minuten anfühlte. Außerdem war er nicht wirklich ausgeruht. Griffin schlief nicht. Er war zu unruhig, um Schlaf zu finden. Ständig spielte er mit seinem Tablet herum, schnippte mit den Fingern oder summte vor sich hin, bis Aron ihn sehr unfreundlich anfuhr, nun endlich einmal still zu sitzen.
Nach vier Stunden merkten sie, dass der Jet an Höhe verlor und zwanzig Minuten später konnten sie wieder das Land unter sich sehen. Ein dichter Wald mit veinzelten Lichtungen lag vor ihnen. Als sie näher kamen, erkannten sie kleinere Städte, ein paar Dörfer und befestigte Häuser. Sie versuchten den Bordcomputer zu fragen, wo sie waren und wie viele Menschen hier lebten, doch er verweigerte ihnen eine Antwort.
Sie streiften beinahe die tropischen Baumkronen, die mehr als vierzig Meter hoch wuchsen, und schließlich landete der Jet lautlos auf einem gläsernen Gestell. Langsam bewegte es sich nach unten.
Als der Jet auf dem Boden ankam, öffnete sich seine Tür automatisch.
Feuchte Hitze schlug ihnen entgegen und in den ersten Sekunden rang Aron nach Luft. Er war die trockene, warme Luft in Tiska gewöhnt. Dieses Klima würde ihm wohl noch zu schaffen machen.
Griffin hingegen sog die Feuchtigkeit in sich auf, bevor er aus dem Jet stieg. Ihn erwartete ein neues Leben.
Aron sprang nach Griffin aus dem Jet und sah sich um. Er stand auf einem Platz, dessen Durchmesser etwa dreißig Meter messen durfte. Darum herum wuchsen die dichten Bäume des Regenwaldes, nur hier und dort führten schmale Wege ins Dickicht hinein. Aron sah keine Häuser und keine Hütten.
Der Lärm war ohrenbetäubend. Hunderte von Vogelarten zwitscherten, schrien und flatterten umher. Er hörte das Zirpen von irgendwelchen Insekten, Zischen von Reptilien und tausend andere, sich vermischende Geräusche. Aron musste sich davon abhalten, sich die Ohren zuzuhalten.
Einige Meter entfernt von ihnen stand ein Mann, nicht viel älter als Aron und Griffin. Er trug ein loses weißes Hemd und lange Jeans und hatte leicht gewellte, helle Haare. Seine Gesichtszüge waren freundlich, und als Aron und Griffin auf ihn zugingen, lächelte er.
»Willkommen bei der R.P.U.«, sagte er und streckte ihnen seine Hand entgegen, »ich bin Bernhard Poirer.« Aron konnte einen feinen französischen Akzent wahrnehmen.
»Wir sind - «, begann Griffin, doch Bernhard unterbrach ihn.
»Aron und Griffin aus Tiska, ich weiß.«
»Bist du unser … Trainer oder Vorgesetzter oder wie man das nennt?« Aron schrie ihn beinahe an, so sehr hatte er das Gefühl die unglaubliche Geräuschkulisse übertönen zu müssen. Es kam ihm seltsam vor, so leger begrüßt zu werden. Er hatte sich das irgendwie militärischer vorgestellt. Er konnte kaum atmen. Die Luftfeuchtigkeit verdrängte den Sauerstoff. Außerdem: Wo waren die anderen Neuankömmlinge? Konnte es sein, dass sie in eine Falle getappt waren und es gar keine R.P.U. gab? War das alles ein großer Schwindel, ein PR-Gag, ein politischer Schachzug?
Bernhard schüttelte den Kopf. »Ich bin ebenso neu wie ihr.«
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