Der Dirigent trocknete sich das magere, vor Erschöpfung bleiche Gesicht ab und verbeugte sich wieder und wieder. Als aber der Beifall nicht enden wollte, deutete er mit ausgebreiteten Händen auf das Orchester. Diese Bescheidenheit war offenbar geheuchelt und erweckte Allans unausrottbaren Argwohn gegen Künstler, die er nie für volle Menschen nehmen konnte und, offen herausgesagt, für unnötig hielt. Maud aber schloß sich dem neuen Beifallssturm hingerissen an.
„Meine Handschuhe sind geplatzt, sieh, Mac! Was für ein Künstler! War es nicht wunderbar?“ Ihre Lippen waren verzückt, ihre Augen leuchteten hell wie Bernstein, und Mac fand sie ungewöhnlich schön in ihrer Ekstase. Er lächelte und erwiderte, ein wenig gleichgültiger als er wollte: „Ja, das ist ein großartiger Bursche!“
„Ein Genie ist er!“ rief Maud und klatschte begeistert. „In Paris, Berlin, London habe ich nie so etwas gehört —“ Sie brach ab und wandte das Gesicht der Türe zu, denn Hobby, der Architekt, trat in ihre Loge.
„Hobby!“ schrie Maud, immer noch klatschend, denn sie wollte, wie tausend andere, den Dirigenten nochmals herausrufen. „Klatsche, Hobby, er muß nochmals heraus! Hip! Hip! Bravo!“
Hobby hielt sich die Ohren zu und ließ einen ungezogenen Gassenbubenpfiff hören.
„Hobby!“ schrie Maud. „Wie kannst du dich unterstehen!“ Und sie stampfte empört mit dem Fuß auf. In diesem Moment ließ sich der Dirigent, schweißtriefend, das Taschentuch im Nacken, nochmals sehen, und sie klatschte von neuem rasend.
Hobby wartete, bis der Lärm nachließ.
„Die Leute sind vollständig verrückt!“ sagte er dann mit einem hellen Lachen. „So etwas! Ich habe ja nur gepfiffen, um Lärm zu machen, Maud. Wie geht es dir, girl? And how are you, old chap?“
Erst jetzt hatten sie Muße, sich richtig zu begrüßen.
Die drei verband in der Tat eine aufrichtige und selten innige Freundschaft. Allan kannte recht wohl die früheren Beziehungen Hobbys zu Maud, und obwohl nie ein Wort darüber gesprochen wurde, verlieh dieser Umstand dem Verhältnis zwischen den beiden Männern besondere Wärme und einen eigenen Reiz. Hobby war noch immer ein wenig in Maud verliebt, war aber taktvoll und klug genug, es sich nie merken zu lassen. Allein Mauds sicherer weiblicher Instinkt ließ sich nicht täuschen. Sie genoß Hobbys Liebe mit leisem Triumph, der zuweilen in ihren warmen braunen Augen zu lesen war, und entschädigte ihn mit einer aufrichtigen schwesterlichen Zuneigung. Sie hatten sich alle drei in verschiedenen Lebenslagen, voller Freude, sich nützlich sein zu können, Dienste erwiesen, und besonders Allan fühlte sich Hobby gegenüber zu großem Danke verpflichtet: hatte doch Hobby ihm vor Jahren zu technischen Versuchen und zur Errichtung seiner Fabrik fünfzigtausend Dollar verschafft und für diese Summe persönliche Bürgschaft geleistet. Hobby hatte ferner in den letzten Wochen Allans Interessen vor dem Eisenbahnkönig Lloyd vertreten und das bevorstehende Rendezvous vermittelt. Hobby hätte alles für Allan getan, was überhaupt möglich war, denn er bewunderte ihn. Schon in der Zeit, da Allan nichts geschaffen hatte als seinen Diamantstahl Allanit, pflegte Hobby zu all seinen Bekannten zu sagen: „Kennen Sie übrigens Allan? Der das Allanit erfand? Nun, Sie werden noch hören von ihm!“ Die Freunde sahen einander jährlich einigemal. Die Allans kamen nach New York oder Hobby besuchte sie in Buffalo. Im Sommer verlebten sie regelmäßig drei Wochen zusammen auf Mauds bescheidenem Landgut Berkshirebrookfarm in den Berkshire-Hills. Ein jedes Wiedersehen war für sie ein großes Ereignis. Sie fühlten sich um drei, vier Jahre zurückversetzt, und alle jene fröhlichen und vertrauten Stunden, die sie zusammen verbracht hatten, wurden irgendwie lebendig in ihnen.
Diesen ganzen Winter hindurch hatten sie sich nicht gesehen, und ihre Freude war um so lebhafter. Sie musterten einander von oben bis unten wie große Kinder, und beglückwünschten sich in heiterem Ton zu ihrem Aussehen. Maud lachte über Hobbys dandyhafte Lackschuhe, die auf den Kappen wahre Rhinozeroshörner aus glänzendem Leder trugen, und Hobby begutachtete wie ein Modekünstler Mauds Kostüm und Allans neuen Frack. Wie bei jedem Wiedersehen nach längerer Zeit mischten sie hundert rasche Fragen und rasche Antworten durcheinander, ohne über irgend etwas eingehender zu plaudern. Hobby hatte, wie immer, die sonderbarsten und unglaublichsten Abenteuer erlebt und deutete das eine und das andere an. Dann kamen sie auf das Konzert, Tagesereignisse und Bekannte zu sprechen.
„Wie gefällt euch übrigens der Konzertpalast?“ fragte Hobby mit einem triumphierenden Lächeln, denn er wußte schon, was die Freunde antworten würden. Allan und Maud hielten mit ihrem Lob nicht zurück. Sie bewunderten alles .
„Und das Foyer?“
„Grand, Hobby!“
„Nur der Saal ist mir ein wenig zu prunkvoll,“ warf Maud ein. „Ich hätte ihn gern intimer gehabt.“
Der Architekt lächelte gutmütig. „Natürlich, Maud! Das wäre richtig, wenn die Leute hierher kämen, um Musik zu hören. Fällt ihnen gar nicht ein. Die Leute kommen hierher, um etwas zu bewundern und sich bewundern zu lassen. ‚Schaffen Sie uns eine Feerie, Hobby,‘ sagte das Konsortium, ‚der Saal muß alles bisher Dagewesene totschlagen!‘“
Allan stimmte Hobby bei. Was er aber in erster Linie an Hobbys Saal bewunderte, war nicht die dekorative Pracht, sondern die kühne Konstruktion des freischwebenden Logenringes.
Hobby blinzelte geschmeichelt. „Das war keineswegs einfach,“ sagte er. „Es machte mir viel Kopfzerbrechen. Während der Ring genietet wurde, schwankte die ganze Geschichte bei jedem Schritt. So ...“ Hobby wippte sich auf den Fußspitzen. „Die Arbeiter bekamen es mit der Angst —“
„Hobby!“ rief Maud übertrieben ängstlich aus und trat von der Brüstung zurück. „Du erschreckst mich.“
Hobby berührte lächelnd ihre Hand: „Keine Angst, Maud. Ich sagte den Burschen: wartet nur, bis der Ring ganz geschlossen ist — keine Macht der Welt, höchstens Dynamit ist noch imstande ... hallo!“ rief er plötzlich ins Parkett hinab. Ein Bekannter hatte ihn durch das zusammengerollte Programm wie durch ein Sprachrohr angerufen. Und Hobby führte eine Unterhaltung, die man durch den ganzen Saal hätte verstehen müssen, wenn nicht gleichzeitig überall Gespräche in dem gleichen ungeniert lauten Ton geführt worden wären.
Allenthalben hatte man Hobbys auffallenden Kopf erkannt. Hobby hatte die hellsten Haare im ganzen Saal, silberblonde, glänzende Haare, die peinlich gescheitelt und glattgestrichen waren, und ein leichtsinniges schmales Spitzbubengesicht von ausgesprochen englischem Typus, mit einer etwas aufwärts gebogenen Nase und nahezu weißen Wimpern. Im Gegensatz zu Allan war er schmal und zart, mädchenhaft gebaut. Augenblicklich richteten sich von allen Seiten die Gläser auf ihn, und aus allen Richtungen klang sein Name. Hobby gehörte zu den populärsten Erscheinungen New Yorks und zu den beliebtesten Männern der Gesellschaft. Seine Extravaganzen und sein Talent hatten ihn rasch berühmt gemacht. Es verging kaum eine Woche, ohne daß die Zeitungen eine Anekdote über ihn brachten.
Hobby war mit vier Jahren ein Genie in Blumen, mit sechs ein Genie in Pferden (er konnte in fünf Minuten ganze Heere rasender Pferde aufs Papier werfen) und nun war er ein Genie in Eisen und Beton und baute Wolkenkratzer. Hobby hatte seine Affären mit Frauen gehabt und mit zweiundzwanzig Jahren ein Vermögen von hundertundzwanzigtausend Dollar in Monte Carlo verspielt. Jahraus, jahrein stak er bis über seinen weißblonden Scheitel in Schulden — trotz seinem enormen Einkommen — ohne sich eine Sekunde darüber zu bekümmern.
Hobby war am hellichten Tag auf einem Elefanten durch den Broadway geritten. Hobby war jener Mann, der vor einem Jahre „vier Tage Millionär spielte“, in einem Luxuszug nach dem Yellowstonepark fuhr, um als Viehtreiber heimzufahren. Er hielt den Rekord im Dauer-Bridge, achtundvierzig Stunden. Jeder Trambahnführer kannte Hobby und stand mit ihm nahezu auf Du und Du. Unzählige Witze Hobbys wurden kolportiert, denn Hobby war Spaßvogel und Exzentrik von Natur. Ganz Amerika hatte über einen Scherz gelacht, den er anläßlich der Flugkonkurrenz New York — San Franzisko in Szene setzte. Hobby hatte den Flug als Passagier des bekannten Millionärs und Sportmanns Vanderstyfft mitgemacht und über alle Menschenansammlungen, die sie in einer Höhe von achthundert oder tausend Meter passierten, Zettel ausgestreut, auf denen stand: „Komm herauf, wir haben dir was zu sagen!“ Dieser Scherz hatte Hobby selbst derart entzückt, daß er ihn während der ganzen Reise, zwei Tage lang, unermüdlich wiederholte. Vor wenigen Tagen erst hatte er New York wiederum durch ein ungeheures, ebenso geniales wie naheliegendes Projekt verblüfft: New York — das Venedig Amerikas! Er, Hobby, schlug nämlich vor (da der Boden im Geschäftsviertel einfach nicht mehr zu bezahlen war), in den Hudson, East River und die New York-Bai riesige Wolkenkratzer, ganze Straßen auf Betonquader zu stellen, die mit Klappbrücken verbunden waren, so daß die großen Ozeanfahrer bequem passieren konnten. Der „Herald“ hatte Hobbys faszinierende Zeichnungen veröffentlicht und New York war von dem Projekt berauscht.
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