»Jack?« Plattner lachte. »Wie in Jack the Ripper etwa? Echt jetzt? Ihr wollt mich bloß verarschen, oder? Das ist ein Streich, den man den Neulingen in der Mordkommission spielt. Und gleich kommen die Kollegen hereingestürmt, lachen sich scheckig, weil ich euch auf den Leim gegangen bin, und rufen: ›Hereingelegt, Grünschnabel!‹«
»Schön wär’s«, sagte Englmair und sah Anja an. »Wieso sind wir nicht auf diese Idee gekommen?«
Anja zuckte mit den Schultern. »Vermutlich, weil man mit so etwa, vor allem an einem Tatort wie diesem, keine Scherze treibt.«
»Daran wird’s wohl liegen«, stimmte Englmair zu.
»Ihr meint das also wirklich ernst?«, fragte Plattner noch einmal nach. Das Grinsen war ihm scheinbar vergangen, denn er guckte reichlich konsterniert aus der Wäsche.
»Todernst!«, versicherte ihm Anja. »Außerdem haben wir uns den Namen nicht ausgedacht, den hat er selbst gewählt. Vermutlich ist die Assoziation mit dem berühmtesten Serienmörder aller Zeiten dabei durchaus beabsichtigt. Der Widersacher ist allem Anschein nach sehr von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt. Und dazu hat er auch allen Grund, denn bislang ist es niemandem gelungen, ihn für seine Taten zur Rechenschaft zu ziehen oder auch nur seine wahre Identität zu enthüllen.«
»Und was hat dieser mysteriöse Jack so alles angestellt?«, fragte Plattner.
»Soweit wir wissen, begann alles vor annähernd sechsundzwanzig Jahren. Damals wurden hier in München drei Mädchen entführt, die bis auf ihr langes dunkelbraunes Haar, das Geschlecht und die Altersgruppe kaum etwas gemeinsam hatten. Ich kannte sogar eines der Mädchen; sie hieß Helena und ging mit mir in eine Klasse. Mein Vater war damals für die Vermisstenfälle zuständig und leitete zusammen mit seinem Partner die Sonderkommission, die gebildet worden war. Doch noch während der Ermittlungen starb mein Vater. Ich fand damals seine Leiche, als ich nach Hause kam und die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnete. Der Widersacher hatte ihn getötet, weil mein Vater ihm vermutlich auf die Schliche gekommen war und zur Rede gestellt hatte. Er hatte den Mord allerdings erfolgreich als Selbstmord inszeniert, sodass jahrelang alle – auch ich – davon ausgingen, er hätte Suizid begangen.« Anja verstummte und verdrängte die schmerzhaften Erinnerungen an damals, die sie noch heute gelegentlich in furchtbaren, immer wiederkehrenden Albträumen quälten.
»Und was passierte dann?«, fragte Plattner neugierig.
»Danach geschah erst einmal lange Zeit gar nichts«, sagte Anja. »Vielleicht trieb Jack woanders sein Unwesen, möglicherweise im Ausland, denn ich kann nicht glauben, dass jemand wie er von heute auf morgen einfach mit dem Morden aufhört.«
»Und die drei verschwundenen Mädchen?«
»Sind nie wieder aufgetaucht«, antwortete Englmair, den Anja nach Kriegers Tod in alles eingeweiht hatte.
»Stattdessen ist vor fast etwa zweieinhalb Jahren der Widersacher wieder in Erscheinung getreten«, fuhr Anja fort. »Allerdings nicht persönlich, sondern mithilfe einer Reihe anderer Killer, die er als Werkzeug benutzte. Außerdem schickte er mir Nachrichten, sodass ich in die Mordfälle involviert wurde. Auf diese Weise erfuhr ich auch, dass mein Vater sich nicht selbst getötet hatte, sondern von Jack ermordet worden war. Und dass der Widersacher sich noch im Haus aufhielt, als ich den Leichnam meines Vaters fand. Darüber hinaus ermordete er meinen Mann und ließ es ebenfalls wie einen Suizid aussehen, um ihm die Schuld an mehreren Morden in die Schuhe zu schieben, die in Wahrheit eines seiner Werkzeuge begangen hatte.« Anja verstummte und schüttelte den Kopf. Sie hatte nicht vor, Plattner hier und jetzt alles haarklein zu erzählen. Es genügte, wenn er die groben Umrisse der Geschichte kannte. »Seitdem versuche ich herauszufinden, wer der Widersacher ist, um ihm endlich das Handwerk zu legen.«
»Und was ist mit den Morden vor ein paar Wochen, als ich noch beim KDD war und meine Kollegin und ich von Ihnen zu zwei Tatorten gerufen wurden?«, fragte Plattner.
»Auch hinter diesen Fällen steckte in Wahrheit der Widersacher. Er bediente sich dabei der Hilfe des Mannes, der sich selbst Regenmann nannte.«
Plattner nickte mit gerunzelter Stirn, als er nun die Zusammenhänge erkannte. Über den Regenmann, der nur bei Regenwetter zugeschlagen und mehrere Menschen ermordet hatte, wusste er Bescheid. Allerdings hatte er bislang natürlich nicht die wahren Hintergründe der letzten Morde dieses Mannes gekannt.
»Am Ende tötete der Widersacher nicht nur den Regenmann , als er ihn nicht mehr benötigte«, sagte Anja, »sondern auch Kriminaloberkommissar Anton Krieger, der mir zum Haus des Regenmanns gefolgt war.«
»Und er ermordete darüber hinaus eine Malerin und ihren Vater in Fürstenfeldbruck«, ergänzte Englmair.
»Aus welchem Grund?«, fragte Plattner.
»Durch ein Notizbuch meines Vaters, das meine Mutter im Auto gefunden und dann wieder vergessen hatte, stieß ich auf ein Grundstück in der Nähe von Fürstenfeldbruck, das mein Vater unmittelbar vor seinem Tod überprüft hatte. Vermutlich hatte der Widersacher das Grundstück damals gemietet und die Leichen der drei Mädchen dort vergraben. Allerdings wurden die Leichname später wieder entfernt und an einen bislang unbekannten Ort gebracht. Als ich den damaligen Eigentümer befragte, der an beginnendem Alzheimer litt und in einem Seniorenheim lebte, wurde er ermordet, während ich ihn kurz allein ließ, um Wasser zu holen. Kurze Zeit später wurde auch seine Tochter in meiner Gegenwart getötet. Allerdings gab sie mir vorher eine Fotografie, auf der vermutlich das Auto des damaligen Grundstücksmieters und ein Teil des Kennzeichens zu sehen sind.«
»Und?«, fragte Plattner. »Hat sich mithilfe dieses Fotos eine neue Spur ergeben?«
Anja und Englmair schüttelten gleichzeitig den Kopf.
»Und dabei haben wir alles versucht, um den damaligen Halter des Fahrzeugs zu ermitteln«, sagte Englmair zerknirscht. »Aber es ist einfach schon zu lange her. Außerdem kennen wir nur einen Teil des Kennzeichens, was die Sache zusätzlich verkompliziert.«
»Also seid ihr noch immer keinen Schritt weitergekommen?«
Auch das mussten die Kollegen zähneknirschend bejahen.
»Habt ihr dann wenigstens einen vagen Verdacht, wer es sein könnte?«
Englmair sah Anja fragend an. Von dem Verdacht, den sie insgeheim hegte, hatte sie nicht einmal ihrem Vorgesetzten, sondern nur ihm erzählt.
Anja seufzte, bevor sie sagte: »Ich habe tatsächlich jemanden in Verdacht. Ich ließ diese Person sogar von einem Bekannten meines Vaters, einem ehemaligen Kollegen, zeitweise überwachen. Allerdings hat diese Überwachung nichts ergeben, das meinen Verdacht erhärtet hätte, sodass ich den Namen des Mannes momentan lieber für mich behalten möchte. Schließlich kann ich mich auch täuschen, und diese Person hat nichts mit der Angelegenheit zu tun und ist unschuldig. Deshalb möchte ich sie nicht grundlos verdächtigen.«
Bei dem Verdächtigen handelte es sich um ihren Onkel Christian Kramer. Er war unmittelbar nach der Beerdigung seines Bruders nach Südafrika ausgewandert und unmittelbar vor dem erneuten Auftauchen des Widersachers wieder nach Deutschland zurückgekehrt, was ihn in Anjas Augen verdächtig genug machte. Außerdem konnte sie sich gut vorstellen, dass ihr Vater damals beschlossen hatte, jemanden wie seinen Bruder erst zur Rede zu stellen, als er ihn in Verdacht hatte, bevor er anderen davon erzählte.
Plattner nickte nachdenklich. Er schien den Grund für ihr Schweigen über die Identität ihres Verdächtigen nachvollziehen zu können, denn er bohrte nicht nach. Nach ein paar Augenblicken kehrte das obligatorische Grinsen auf sein Gesicht zurück. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Mannomann! Was für eine abgefahrene Scheiße.«
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