»Und dann?«
»Sie parkte den Mercedes auf ihrem Stellplatz und ging mit ihrer Handtasche und zwei Einkaufstüten zum Aufzug. Hier hat sie dann ihren Mörder getroffen. Als er auf sie losging, ließ sie alles fallen. Er tötete sie anschließend mit einem einzigen Stich ins Herz.«
»Die Tatwaffe?«
»Vermutlich ein Dolch mit einer beidseitig geschliffenen und spitz zulaufenden Klinge.«
»Wurde sie vergewaltigt?«, fragte Anja, was zunächst einmal naheliegend war.
Doch Plattner schüttelte verneinend den Kopf.
»Raubmord?«
»Ebenfalls Fehlanzeige«, schaltete sich Englmair ein. »Von ihren Sachen fehlte absolut nichts. Geldbörse und Schmuck waren unangetastet.«
»Was ist mit dem Ehemann? Hat er ein Alibi?«
»Das hat er in der Tat«, sagte Plattner. »Sogar ein absolut überzeugendes, denn er hat zu dem Zeitpunkt, als seine Frau umgebracht wurde, eine Schönheitsoperation durchgeführt. Dafür gibt es ungefähr ein halbes Dutzend Zeugen.«
Anja seufzte. »Wäre nicht das erste Mal, dass ein Ehemann jemanden mit dem Mord an seiner Frau beauftragt und dafür sorgt, dass er selbst ein hieb- und stichfestes Alibi hat.«
»Das ist natürlich durchaus möglich«, sagte Englmair. »Aber in dem Fall müsste er ein hervorragender Schauspieler sein, denn er erlitt einen Schwächeanfall und kippte einfach um, als wir ihn über den Tod seiner Frau informierten. Ich dachte schon, er hätte einen Herzinfarkt und würde ebenfalls sterben. Der Notarzt, den wir gerufen hatten, gab ihm dann ein Beruhigungsmittel. Außerdem informierten wir seine Schwester, die sich seitdem um ihn kümmert. Es geht ihm zwar noch immer schlecht, doch inzwischen konnten wir ihm zumindest ein paar Fragen stellen. Dabei haben wir erfahren, wo er zum Zeitpunkt ihres Todes war und dass weder seine Frau noch er irgendwelche Feinde haben.«
Anja zuckte ratlos mit den Schultern und sah sich um. »Wenn es der Ehemann nicht war, und sowohl ein Sexualverbrechen als auch ein Raubmord ausscheiden, warum wurde sie dann getötet?«
»In den letzten drei Jahren gab es vier nahezu identische Mordfälle«, ließ Englmair die Katze endlich aus dem Sack. »Allerdings nicht hier in München, nicht einmal in Bayern, sondern in Norddeutschland. In allen vier Fällen wurden sowohl weibliche als auch männliche Psychiater und Psychotherapeuten ermordet. Und jedes Mal wurden sie mit einem einzigen gezielten Dolchstoß ins Herz getötet.«
»Ein Serienkiller also«, sagte Anja.
»Sieht ganz danach aus.«
Anja überlegte fieberhaft. Obwohl sie bei der Vermisstenstelle arbeitete und im Grunde nur nach vermissten Personen suchte, hatte sie es in den letzten Jahren mehrere Male mit Serienmördern zu tun bekommen. Deshalb war sie allerdings noch lange keine Expertin auf diesem Gebiet. Es musste daher noch einen anderen Grund für ihr Hiersein geben, auch wenn dieser nicht sofort ersichtlich war. »Wann geschah der Mord eigentlich?«
»Gestern Abend«, sagte Plattner.
»Gestern Abend?«, echote Anja erstaunt. »Und warum habt ihr mich erst jetzt hierher gebracht?«
»Wir waren anderweitig beschäftigt«, sagte Englmair, ohne näher darauf einzugehen, was sie in der Zeit getrieben hatten.
»Okay«, sagte Anja und nickte nachdenklich. »Jetzt bin ja hier. Aber ich weiß immer noch nicht, was ich hier soll.« Sie sah Englmair erwartungsvoll an. »Entweder du sagst mir endlich, was dahintersteckt, oder ich schwöre dir, ich verlasse auf der Stelle diese Tiefgarage, fahre mit dem Taxi nach Hause und schicke dir dann die Rechnung.«
Englmair lächelte. »Das glaube ich dir sogar. Es wird aber nicht nötig sein.« Er griff in die Innentasche seiner Jacke, holte einen Stapel Fotografien heraus und reichte ihn Anja. »Das sind die Tatortfotos. Tu mir bitte den Gefallen und sieh sie dir an.«
Anja seufzte, senkte den Blick und sah sich das oberste Foto an. Es war in der Tiefgarage, allerdings aus einiger Entfernung aufgenommen worden, sodass die Frauenleiche im Hintergrund kaum als solche zu erkennen war. Sie nahm das Foto und steckte es nach hinten. Bei der nächsten Aufnahme war der Fotograf schon näher dran gewesen, doch noch immer war von dem Leichnam kaum etwas zu erkennen. Man konnte allerdings die beiden bunten Einkaufstüten und die Handtasche sehen, von denen Plattner gesprochen hatte und die inzwischen weggeräumt worden waren. Sie besah sich aufmerksam ein Bild nach dem anderen. Da sich der Fotograf dem Leichnam immer mehr angenähert hatte, nahm dieser immer mehr Raum auf den Aufnahmen ein, wodurch auch immer mehr Details erkennbar waren, bis die Leiche schließlich in Großaufnahme und all ihrer Schrecklichkeit zu sehen war. Anja erschauderte bei dem Anblick, doch es war nichts gegen das Angstgefühl, das sie stets hatte, wenn sie sich in direkter Gegenwart einer menschlichen Leiche befand.
Langsam arbeitete sie sich durch den Stapel in ihrer Hand und beäugte eine Aufnahme nach der anderen aufmerksam. Doch nichts, was sie darauf sah, erklärte, warum sie hier war. Doch dann war auf einer der letzten Aufnahmen in Großaufnahme eine rechteckige weiße Karte zu sehen. Die Karte war ihr bereits vorher aufgefallen, denn sie hatte in der Nähe der einzelnen Stichwunde auf dem Leichnam gelegen, Anja hatte ihr aber keine besondere Bedeutung beigemessen. Doch nun, aus unmittelbarer Nähe, erkannte sie, dass es sich um eine Visitenkarte handelte. Und nicht etwa um irgendeine Visitenkarte, denn Anjas Name, ihr Dienstgrad und ihre dienstliche Telefonnummer standen darauf.
Jäh überkam sie ein Gefühl von Déjà-vu, als sie sich unwillkürlich daran erinnerte, dass schon einmal Visitenkarten von ihr an mehreren Tatorten zurückgelassen worden waren. Damals hatte ihr Widersacher mit der Hilfe eines Serienkillers versucht, ihr mehrere Morde an Menschen, die sie in ihrer Kindheit gekannt hatte, in die Schuhe zu schieben. Beinahe wäre ihm das auch gelungen. Zeitweise hatte Anja sogar selbst geglaubt, sie hätte die Morde im Alkoholrausch begangen, und deshalb sogar Beweismittel beiseitegeschafft, die sie belasteten. Der Anblick der Visitenkarte weckte in Anja nun zahlreiche ungute Erinnerungen, denn es war damals ausgerechnet Krieger gewesen, der sie aufgrund der Spurenlage der Morde verdächtigt hatte. Nachdem schließlich der wahre Täter getötet worden war, hatte sich Krieger bei ihr entschuldigt; allerdings war er seitdem stets besonders misstrauisch ihr gegenüber gewesen. Er war davon überzeugt gewesen, dass Anja ihren Kollegen wichtige Informationen vorenthalten hatte und insgeheim ihr eigenes Süppchen kochte. Und damit hatte er nicht einmal unrecht gehabt, auch wenn er ihr dabei kriminelle Motive unterstellt hatte, die sie nicht besaß.
»Jetzt wissen Sie, warum Sie hier sind«, sagte Plattner.
Anja hob den Blick und sah ihn an. »Aber ich kannte die Frau doch gar nicht.«
»Sind Sie sich sicher?«
Sie nickte. »Absolut! Ich bin dieser Psychiaterin noch nie im Leben begegnet.«
»Warum hat der Täter dann Ihre Visitenkarte auf die Leiche gelegt?«
»Das kann ich Ihnen auch nicht sagen.« Anja seufzte. »Aber wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass dahinter derselbe Kerl steckt, der meinen Vater, meinen Mann und Krieger umgebracht hat. Anscheinend hat er wieder damit begonnen, seine Spielchen mit mir zu treiben.«
Englmair nickte. »Das dachte ich mir auch gleich, als ich die Visitenkarte sah. Deshalb hielt ich es für das Beste, dass du von der Sache erfährst.«
»Wovon redet ihr zwei eigentlich?«, fragte Plattner irritiert.
»Das ist eine lange Geschichte«, erwiderte Anja und sah Englmair fragend an.
Der zuckte mit den Schultern. »Vielleicht ist es besser, wenn wir ihn einweihen. Schließlich spielt er jetzt in unserem Team.«
»Einweihen in was?«
Anja nickte und sah Plattner an. »Es gibt da jemanden, der es auf mich abgesehen hat und mir seit einiger Zeit immer wieder das Leben schwermacht, indem er Leute umbringt oder umbringen lässt. Anschließend verwickelt er mich dann in diese Mordserien, indem er mir Nachrichten schickt oder es so aussehen lässt, als hätte ich die Taten begangen. Fragen Sie mich aber bitte nicht, warum er das tut, denn das weiß ich nicht. Ich nenne diesen Mann den Widersacher. Wenn er allerdings im Darknet mit anderen Psychopathen kommuniziert, dann lässt er sich von ihnen Jack nennen.«
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