»Ich verstehe nicht«, sagte Wimmer verwirrt.
»Was ist daran denn so schwer zu verstehen, wenn ich Ihnen recht gebe?« Der dicke Mann schüttelte den Kopf. »Also wirklich, Ihnen kann man es auch gar nicht recht machen. Und irgendwie machen Sie es einem damit verdammt schwer, Sie zu mögen. Aber was soll’s. Ich werde es Ihnen erklären.« Er kam noch einen Schritt näher, sodass sie nun so eng zusammenstanden, dass sie sich beinahe berührten. Als er fortfuhr, sprach er unwillkürlich leiser, als befürchtete er, sie könnten belauscht werden: »Selbst wenn das Essen und der Service perfekt gewesen wären, was Sie natürlich nicht waren, wie Sie selbst zugeben müssen, hätte ich kein gutes Haar daran gelassen und an allem herumgemeckert.«
»Aber warum tun Sie das?«
»Einfach nur, um Sie zur Weißglut zu bringen.«
»Um mich zur Weißglut zu bringen? Aber wieso?«
»Ich brauchte schließlich einen vernünftigen Grund, um das zu tun, was ich mit Ihnen vorhabe. Und den haben Sie mir gegeben, als Sie mich widerlich nannten. Denn das kann ich Ihnen bei allem Verständnis leider nicht verzeihen.«
Wimmer hatte gar nicht bemerkt, wie die Hand des Mannes in seiner Jacke verschwunden war, von wo er plötzlich wie ein Bühnenzauberer ein langes Fleischmesser zum Vorschein brachte.
»Was …?«
Wimmer konnte die letzte Frage nicht beenden, denn der dicke Mann riss die Hand mit dem Messer blitzschnell nach oben und fuhr damit über den Hals des Kellners. Im ersten Augenblick empfand Wimmer gar nichts und dachte, der Kerl hätte ihn verfehlt. Doch dann spürte er jäh, dass eine warme Flüssigkeit über seine Brust und in seinen Hals lief. Wimmer gurgelte hilflos. Seine Beine knickten ein, und er sank auf die Knie. Das Blut spritzte und sprudelte aus dem Schlitz in seinem Hals und schien jegliche Wärme und Energie mit sich zu nehmen, denn rasch breiteten sich eisige Kälte und Kraftlosigkeit in seinem ganzen Körper aus. Er kippte zur Seite und rollte dann auf den Rücken. Mit den bloßen Händen wollte er den Blutstrom stoppen, doch sein Lebenssaft sprudelte zwischen seinen Fingern hindurch und ließ sich nicht aufhalten. Er starrte zu dem dicken Mann empor, der lächelnd auf ihn herunterblickte, das Messer mit der blutigen Klinge noch immer in der Hand. Dann verließ ihn jegliche Kraft und Wärme. Seine Hände sanken herab und blieben reglos liegen. Die letzte Atemluft entwich durch den tiefen Schnitt, der seinen Hals durchtrennt hatte, und ließ das Blut Blasen werfen. Dann trübte sich sein Blick, und Edgar Wimmer nahm nichts mehr wahr.
Der Mörder wartete geduldig, bis der Blutfluss zum Erliegen kam.
»War viel einfacher, als ich dachte«, sagte er zu seinem Hund, der erwartungsvoll neben ihm saß und die Leiche ebenfalls ansah. »Ich habe insgeheim mit etwas mehr Gegenwehr gerechnet. Aber so ist es natürlich viel besser. Ein Kampf hätte nur den Adrenalinspiegel erhöht und sich negativ auf das Fleisch ausgewirkt.« Er lächelte.
In diesem Moment erinnerte er sich an die Verpflichtung, die er übernommen hatte, und holte mit seiner freien Hand einen Tiefkühlbeutel aus einer der Taschen seiner blutbefleckten Outdoorweste. Er entnahm dem Beutel den kleinen Gegenstand, der sich darin befand, und steckte ihn in die linke Socke der Leiche, wo er nicht vom Blut befleckt werden konnte, das dem Toten über die Brust gelaufen und sein Hemd durchtränkt hatte. Nachdem er den Klarsichtbeutel zusammengeknüllt und wieder eingesteckt hatte, wandte er sich erneut an seinen Hund: »Was meinst du, Hannibal? Wollen wir uns nach dem miserablen Wirtshausfraß heute Nacht noch ein Stück gebratene Niere gönnen?«
Der Yorkshire Terrier bellte und wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanz.
»Gut. Dann werde ich mich mal ans Werk machen.«
Der dicke Mann ging laut ächzend neben der Leiche in die Knie und machte sich dann fachmännisch mit dem Fleischmesser an die Arbeit.
ERSTER TEIL
DER LEBENDE TOTE
Das Haus sah aus wie eine Baustelle.
Die Mitarbeiter der Fensterfirma hatten im Laufe des Tages sämtliche alten Holzfenster im Obergeschoss und sogar schon einen kleinen Teil im Erdgeschoss ausgebaut und durch neue hochmoderne, energiesparende Kunststofffenster ersetzt. Der Rest der Arbeiten – die Fenster im Wohnzimmer, im Esszimmer und im Gäste-WC – sollte dann am darauffolgenden Tag durchgeführt werden.
Und da Anja Spangenberg schon mal dabei war, das Häuschen zu renovieren, das sie von ihrem verstorbenen Ehemann Fabian geerbt hatte, hatte sie sich spontan dazu entschlossen, eine neue Küche einbauen zu lassen und die Innenwände zu streichen.
Die alte Küche war ebenfalls an diesem Tag abgebaut und abtransportiert worden. Sie war mindestens fünfunddreißig Jahre alt und noch von Fabians Großeltern angeschafft worden, denen das Haus einst gehört hatte, bevor es nach ihrem Tod an den einzigen Enkel gegangen war. Wenn alles wie geplant klappte, was sie inständig hoffte, erwartete sie am kommenden Tag den Fliesenleger, um die alten, im Laufe der Jahre unansehnlich gewordenen braunen Fliesen zu entfernen, die anschließend durch eine moderne Küchenrückwand aus Acryl ersetzt wurden. Außerdem musste der Elektriker die Stromleitungen überprüfen und gegebenenfalls neue verlegen, während der Klempner die Überprüfung und eventuelle Erneuerung der vorhandenen Wasseranschlüsse durchführen sollte. Das Anstreichen der Wände übernahm Anja anschließend selbst, bevor dann endlich die neue Küche eingebaut werden konnte.
Sie hatte vor, nach und nach sämtlichen Innenwänden einen neuen Anstrich zu verpassen, was ihrer Ansicht nach ebenfalls längst überfällig war. Mit dem Arbeitszimmer hatte sie am heutigen Tag den Anfang gemacht. Sie wollte es bei der Gelegenheit auch neu einrichten, um nicht ständig, sobald sie den Raum betrat, daran erinnert zu werden, dass sie an diesem Ort den Leichnam ihres Mannes gefunden hatte.
Anja seufzte. Sie verdrängte die schmerzhaften Erinnerungen an ihren ermordeten Ehemann und die Bilder, die diese unwillkürlich mit sich brachten, und besann sich stattdessen wieder auf das Hier und Jetzt.
Die Handwerker hatten ihre Arbeit für heute bereits beendet und waren gegangen. Sie war daher allein im Haus, denn nicht einmal ihr Mitbewohner Yin war da. Als am frühen Morgen die Invasion der Arbeiter eingesetzt hatte und kurz danach lautes Bohren und Hämmern durchs Haus geschallt war, hatte der schwarze Kater vor dem Lärm und dem Aufruhr die Flucht ergriffen und das Haus verlassen. Seitdem war er nicht mehr zurückgekehrt. Aber vermutlich würde ihn der Hunger alsbald wieder in sein Zuhause zurückführen. Vor allem, nachdem nun fürs Erste wieder Ruhe eingekehrt war.
Anja hatte für den heutigen Tag ebenfalls Feierabend gemacht. Sie musste morgen nur noch die Fensterseite streichen, die sie wegen der Erneuerung des Fensters heute ausgelassen hatte, dann wäre sie zumindest schon mal mit dem Arbeitszimmer fertig. Sie erledigte das Malern aber nicht nur deshalb selbst, um Geld zu sparen. Bei den Unsummen, die allein die neuen Fenster und die Küche kosteten, käme es auf das Geld für einen professionellen Maler ihrer Meinung nach auch nicht mehr an. Sie tat es, weil sie momentan zu viel Zeit hatte und ihr ansonsten sterbenslangweilig wäre.
Nach dem Tod des Mordermittlers Anton Krieger, der aller Voraussicht nach von demselben Mann ermordet worden war, der auch schon ihren Vater, ihren Ehemann und zahlreiche andere Menschen auf dem Gewissen hatte und den sie den Widersacher nannte, war Anja nichts anderes übriggeblieben, als ihren unmittelbaren Dienstvorgesetzten bei der Vermisstenstelle der Kripo München, Kriminalrat Alexander Zumbruch, über all die Dinge in Kenntnis zu setzen, die sie bislang beharrlich verschwiegen hatte, um selbst gegen ihren Widersacher ermitteln zu können. Da sie dadurch nach Meinung ihrer Vorgesetzten die offiziellen Ermittlungen behindert hatte, was schlussendlich auch zum tragischen Tod des Kollegen von der Mordkommission geführt hatte, war wegen des Verdachts eines schwerwiegenden Dienstvergehens ein Disziplinarverfahren gegen sie eingeleitet worden. Gleichzeitig war sie vorläufig ihres Dienstes enthoben und angeordnet worden, dass fünfundzwanzig Prozent ihrer Dienstbezüge einbehalten wurden.
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