Zum Glück war sie auf das Geld nicht angewiesen. Sie hatte nach dem Tod ihres Mannes nicht nur dieses Haus, sondern auch sein Vermögen geerbt. Außerdem hatte Fabian, ohne dass sie davon wusste, ein paar Jahre vor seinem Tod eine Risikolebensversicherung abgeschlossen, deren Begünstigte sie gewesen war. Sie litt also zumindest keine materielle Not.
Schwerer wog die Suspendierung. Anja war mit Leib und Seele Ermittlerin in der Vermisstenstelle, deshalb fehlte ihr die Arbeit auch sehr. Um sich gegen die drohende Beendigung des Beamtenverhältnisses zur Wehr zu setzen, hatte sie sich einen Anwalt genommen. Doch der hatte ihr aufgrund ihrer Vergehen bislang nur wenig Hoffnung machen können, dass das Disziplinarverfahren zu ihren Gunsten ausgehen könnte.
Anja seufzte erneut. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, bevor sie sich umdrehte und das Arbeitszimmer verließ. Sie hatte bereits die Farbroller und Pinsel gereinigt und den Farbeimer sorgfältig verschlossen. Außerdem hatte sie die alten Klamotten, die sie beim Malern getragen hatte, ausgezogen, sich Gesicht und Hände gewaschen und war in ihre Joggingsachen geschlüpft. Sie wollte nicht herumhocken, Däumchen drehen und darauf warten, dass Yin endlich nach Hause kam, sondern verspürte den Drang, sich zu bewegen. Deshalb hatte sie beschlossen, im Westpark ein paar Runden zu drehen. Ihre Armmuskeln schmerzten zwar von der ungewohnten Malertätigkeit am heutigen Tag – vor allem das Streichen der Decke war in die Arme gegangen –, aber schließlich lief sie nicht mit den Armen, sondern mit den Beinen. Die Schmerzen taugten daher ihrer Meinung nach nicht als Entschuldigung.
Da die Küche momentan unbenutzbar war, hatte sie in einer Ecke des Esszimmers eine kleine Ersatzküche eingerichtet. Dort stand ein kleiner Kühlschrank, der die Ausmaße einer Minibar in einem Hotelzimmer hatte. Daneben ein Tisch mit einer Doppelkochplatte und ihrer Kaffeemaschine. Vor allem auf Letztere konnte und wollte sie auf keinen Fall verzichten. Außerdem standen hier auch Yins Näpfe. Da sie nicht warten wollte, bis das Tier sich endlich dazu bequemte, nach Hause zu kommen, füllte sie einen der Näpfe im Bad mit Wasser und einen zweiten mit Katzenfutter aus der Dose. So musste der Kater wenigstens nicht hungern, wenn er während ihrer Abwesenheit nach Hause kam.
Danach verließ sie das Haus umgehend, schloss die Tür hinter sich und sperrte gewissenhaft ab.
Nur wenige Schritte von der Tür entfernt stand ein Gestell mit den restlichen Fenstern, die am nächsten Tag eingebaut werden sollten. Unmittelbar daneben befand sich ein Bauschuttcontainer, in den die Arbeiter die alten Fenster und den entstandenen Schutt geworfen hatten.
Anja ging darum herum und an ihrem weißen MINI Cooper vorbei, der vor der geschlossenen Garage stand, die vom Porsche ihres verstorbenen Mannes in Beschlag genommen wurde. Kaum hatte sie den Wagen passiert, bog ein dunkelblauer BMW in ihre Einfahrt. Anja blieb stehen und sah dem Fahrzeug teils neugierig, teils argwöhnisch entgegen. Sie kannte das Auto nicht, und außerdem erwartete sie ohnehin keinen Besuch.
Der BMW kam hinter ihrem MINI zum Stehen. Ohne den Motor abzustellen, öffnete der Fahrer die Tür und stieg aus.
»Was will denn der Kriminaldauerdienst von mir?«, fragte Anja, sobald sie den Mann erkannt hatte.
»Von wegen Kriminaldauerdienst«, entgegnete Kriminaloberkommissar Andreas Plattner grinsend. »Ich bin jetzt beim Mord.«
Plattner war einunddreißig Jahre alt, ein Meter einundachtzig groß und schlank. Er hatte blassgrüne Augen, kurzgeschnittenes rotbraunes Haar und einen rotbraunen Vollbart. Jedes Mal, wenn Anja ihn sah, erinnerte er sie unwillkürlich an den irischen Schauspieler Michael Fassbender. Anja hatte ihn – den Kollegen, nicht Michael Fassbender! – vor wenigen Wochen kennengelernt. Damals hatte er mit Kriminalhauptkommissarin Melissa Schubert ein Team des kriminalpolizeilichen Dauerdienstes gebildet, dem Bereitschaftsdienst der Kripo. Allerdings hatte er Anja schon damals erzählt, dass er gern zur Mordkommission wechseln wollte, sobald dort eine Stelle frei werden sollte, weil ihn Todesfälle interessierten. Nicht nur das hatte Anja, die nach Möglichkeit einen großen Bogen um jede Leiche machte, an ihm irritiert, sondern auch seine nervige Angewohnheit, ständig, selbst in den unpassendsten Momenten, breit zu grinsen.
»Glückwunsch«, sagte Anja, trat näher und schüttelte ihm die Hand. »Dann hat es ja endlich geklappt, und Ihr Traum wurde wahr.«
»Ja.« Er lächelte mit stolzgeschwellter Brust, doch dann verschwand das Lächeln jäh aus seinem Gesicht und machte einer betroffenen Miene Platz. »Allerdings gibt es bei der Geschichte auch einen Wermutstropfen. Denn es musste erst ein Kollege sterben, bevor ich endlich zur Mordkommission wechseln konnte.«
»Ach.« Anja riss überrascht die Augen auf. »Sie meinen Anton Krieger. Dann haben Sie also seine Stelle und arbeiten jetzt mit Peter Englmair zusammen?«
Plattner nickte. »Ich hoffe, das macht Ihnen nichts aus.«
Anja schüttelte den Kopf. »Wieso sollte es?«
»Na ja, Sie kannten Krieger doch und haben oft mit ihm zusammengearbeitet. Da dachte ich …« Er ließ den Rest ungesagt, als wüsste er nicht, wie er den Satz beenden sollte.
»Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Ich kannte Anton Krieger und schätzte ihn auch als Polizisten, aber wir waren nicht unbedingt die besten Freunde.« Was sogar noch gewaltig untertrieben war, aber mehr musste Plattner Anjas Ansicht nach nicht wissen. »Außerdem ist er tot, so traurig das auch ist, und irgendjemand musste die freie Position übernehmen. Warum also nicht Sie, wenn das ohnehin Ihr Herzenswunsch war?«
Das Grinsen kehrte auf Plattners Gesicht zurück. »Da fällt mir aber ein Stein vom Herzen«, meinte er. »Ich befürchtete schon, Sie würden mich nicht als Peter Englmairs neuen Kollegen in der Mordkommission akzeptieren.«
»Im Gegenteil, ich freue mich für Sie. Außerdem kann Englmair Ihre Hilfe bestimmt gut gebrauchen. Aber was hat denn Ihre bisherige Kollegin beim KDD dazu gesagt?«
Plattner schnitt eine Grimasse. »Als ich es ihr erzählte, war sie natürlich im ersten Moment ganz schön angefressen und wollte gar nicht mehr mit mir reden. Aber dann hat sie es schließlich doch akzeptiert. Sie hat jetzt einen neuen Partner, der vorher beim Einbruchsdezernat war. Und wie ich hörte, kommen die beiden prima miteinander aus, sodass Melissa mir mittlerweile verziehen hat.«
»Und wie lange sind Sie jetzt schon beim Mord?«
»Seit drei Wochen«, sagte Plattner grinsend. »Ich bin also in Sachen Mord gewissermaßen noch grün hinter den Ohren.«
»Das wird sich schnell ändern, da bin ich mir sicher«, entgegnete Anja. »Und in Peter Englmair haben Sie einen guten Lehrmeister. Aber was führt Sie zu mir?« Sie hob Einhalt gebietend die Hand, als der frischgebackene Mordermittler antworten wollte. »Lassen Sie mich raten: Sie kommen natürlich wegen eines Mordfalls.«
Plattner wiegte den Kopf hin und her. »Sozusagen.«
»Was heißt hier sozusagen?«
»Lassen Sie sich überraschen.«
Anja hatte schon bei ihrer ersten Begegnung bemerkt, dass der Kollege sich gern geheimniskrämerisch gab. »Und was heißt das?«
»Mein Kollege hat mich hergeschickt. Er hat mir aufgetragen, Sie abzuholen. Sie sollen sich etwas ansehen.«
Eine ungute Ahnung befiel Anja. In der Regel hatte es für sie nichts Gutes zu bedeuten gehabt, wenn die Kollegen der Mordkommission sie in letzter Zeit zu einem Tatort gerufen hatten. Außerdem erschauderte sie schon allein bei dem Gedanken, dass sie es heute noch mit einem Leichnam zu tun bekommen könnte. »Ich wollte zum Joggen gehen«, wandte sie daher ein.
»Das kann warten.«
»Kann ich mich wenigstens vorher noch duschen und umziehen?« Das würde das unangenehme Erlebnis zwar nur hinauszögern, aber immerhin hätte sie mehr Zeit, sich mental darauf vorzubereiten.
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