Anja und Englmair mussten daraufhin ebenfalls grinsen.
»Das kannst du laut sagen, Partner«, meinte Englmair.
Anja nickte. »Und die Sache ist noch nicht zu Ende, denn es sieht danach aus, als hätte der Widersacher erneut einen willigen Psychopathen gefunden, der für ihn die Drecksarbeit erledigt, damit er weiter sein hinterhältiges Spielchen mit mir treiben kann. Ich hatte gehofft, er gönnt mir diesmal eine längere Pause, sodass wir eine Chance bekommen, ihm endlich auf die Schliche zu kommen. Aber er ist uns wie immer mal wieder einen Schritt voraus und treibt uns vor sich her.« Sie seufzte laut und sah sich um. »Gibt es sonst noch etwas, das ich über den Mord an der Psychiaterin wissen sollte?«
»Da ist tatsächlich noch etwas«, sagte Englmair.
Anja wandte den Kopf und sah ihn fragend an. »Was denn noch?« Insgeheim hatte sie allerdings bereits geahnt, dass das noch nicht alles gewesen war und Englmair noch eine Überraschung für sie parat hatte.
»Sieh dir einfach das nächste Tatortfoto an.«
Sie tat, was er ihr geraten hatte. Die Aufnahme zeigte die Rückseite der Visitenkarte. Darauf war ein roter Fingerabdruck zu sehen, vermutlich aus Blut. Ein derart deutlicher und vollständiger Abdruck war vermutlich der Traum jedes Kriminaltechnikers. »Wessen Abdruck ist das?«, fragte Anja, hob wieder den Kopf und sah Englmair an.
»Das wissen wir nicht«, sagte er. »Wenn es dein Fingerabdruck wäre, hätten wir dich bereits festnehmen und in einem Verhörzimmer befragen müssen, aber er stammt definitiv nicht von dir, denn das haben wir bereits überprüft. Im Übrigen auch nicht von unserem Mordopfer, was natürlich unser zweiter Gedanke war. Und es gibt auch keine Übereinstimmung mit den gespeicherten Fingerabdrücken im AFIS.« Dabei handelt es sich um das automatisierte Fingerabdruck-Identifizierungs-System beim Bundeskriminalamt, das es der Polizei ermöglicht, unbekannte Fingerabdruckspuren mit bekannten Fingerabdrücken zu vergleichen. Im AFIS sind die Fingerabdrücke von mehr als fünf Millionen Personen und die Handflächenabdrücke von über zwei Millionen Personen gespeichert.
»Vielleicht ist es ja der Fingerabdruck des Mörders oder Ihres mysteriösen Widersachers«, schlug Plattner vor.
Doch Anja schüttelte entschieden den Kopf. »Das halte ich für unwahrscheinlich. Der Mörder meines Vaters würde sich vermutlich eher die Hand abhacken, als an einem Tatort einen Fingerabdruck zu hinterlassen. Und wieso sollte der Täter so etwas tun? Das ergibt überhaupt keinen Sinn.«
»Von wem ist er dann?«
Anja überlegte. »Wie ich schon sagte, liebt es der Widersacher, seine perfiden Spielchen mit uns zu treiben. Deshalb gehe ich davon aus, dass es sich auch hier wieder um eine seiner niederträchtigen Gemeinheiten handelt. Ihr solltet daher alles daransetzen, so schnell wie möglich herauszufinden, wessen Fingerabdruck das ist.« Sie sah erneut auf die oberste Fotografie des Stapels in ihren Händen. »Besteht der Abdruck tatsächlich aus Blut, oder ist das nur rote Farbe?«
»Blut«, antwortete Englmair und fuhr, da er ihren Gedankengang und ihre nächste Frage bereits erahnte, fort: »Es handelte sich eindeutig um menschliches Blut der Gruppe A Rhesus positiv, also um die in Deutschland häufigste Blutgruppe. Das Ergebnis der DNA-Analyse steht allerdings noch aus.«
Anja ließ sich diese Information durch den Kopf gehen.
»Was denkst du jetzt?«, fragte Englmair.
»Er spielt wieder mit uns«, sagte Anja nachdenklich. »Außerdem ist das hier sicherlich noch nicht alles, was Jack für uns auf Lager hat. Es ist nur die Spitze des Eisbergs, die er uns sehen lässt. Ich könnte mir daher vorstellen, dass sowohl der Fingerabdruck als auch das Blut vom nächsten Opfer stammen.«
»Das denke ich nicht«, widersprach Englmair.
Anja sah ihn überrascht an. »Wie kannst du dir da so sicher sein?«
Englmair seufzte. Bevor er ihr eine Antwort gab, streckte er die Hand aus, nahm ihr den Stapel mit den Tatortfotos ab und steckte sie wieder ein. »Das wollten wir dir ohnehin als Nächstes zeigen«, sagte er dann. »Komm mit!« Damit wandte er sich ohne ein weiteres Wort um und marschierte in Richtung Tiefgaragenausfahrt.
Anja sah Plattner fragend an. Doch der zuckte nur mit den Schultern und grinste, bevor er seinem Partner folgte. Anja blieb erneut nichts anderes übrig, als ihnen hinterherzueilen, während sie sich fragte, welche Überraschung dieser Tag noch für sie bot.
Von alldem, was noch kommen sollte, ahnte sie zu ihrem Glück nichts.
Plattner setzte sich erneut hinter das Steuer des BMW. Und da Englmair auf dem Beifahrersitz Platz nahm, blieb für Anja nur die Rückbank übrig.
Sobald sie losgefahren waren, rief Englmair den Hausmeister des Gebäudes an, das sie soeben verlassen hatten. Er teilte ihm mit, dass sie in der Tiefgarage fertig seien und er das Tor schließen und die Zeitschaltuhr der Beleuchtung wieder einschalten könne. Die restliche Fahrt hüllten sich die drei Kriminalbeamten in Schweigen; jeder hing seinen eigenen mehr oder weniger düsteren Gedanken nach.
Zwanzig Minuten später erreichten sie ihr Ziel im sogenannten »Franzosenviertel«. Es lag im Stadtteil Haidhausen und seine Straßen und Plätze waren nach französischen Städten benannt. Plattner parkte den Wagen in einer Seitenstraße in der Nähe des Bordeauxplatzes verbotswidrig vor einer Ausfahrt, und sie stiegen aus.
Anja folgte den beiden Männern. Schon nach wenigen Metern blieb Englmair stehen und deutete auf die Überreste eines teilweise bereits verwischten Kreideumrisses mitten auf dem Bürgersteig. Außerdem waren auch hier getrocknete Blutspuren zu sehen. In unmittelbarer Nähe, direkt vor der Hauswand, hatten Anwohner Blumen abgelegt und brennende Kerzen aufgestellt, um des Toten zu gedenken.
»Hier starb das zweite Opfer«, sagte Englmair.
Das überraschte Anja nicht. Aufgrund des Verhaltens der beiden Kollegen hatte sie bereits befürchtet, dass es noch einen Todesfall geben musste.
»Wurde er wie das erste Mordopfer ebenfalls mit einem einzelnen Dolchstoß ins Herz getötet?«, fragte Anja, die nach einem Zusammenhang zwischen den beiden Todesfällen suchte, denn andernfalls wäre sie jetzt nicht hier.
»Nein«, antwortete Plattner. »Er stürzte aus dem Fenster seiner Wohnung im vierten Stock.« Er deutete mit dem Zeigefinger himmelwärts.
Anja folgte der Bewegung unwillkürlich mit den Augen und sah nach oben. Das Fenster, aus dem der Mann gefallen sein musste, war geschlossen. »Was ist passiert?«, fragte sie und richtete ihren Blick wieder auf Englmair.
Doch erneut war es Plattner, der die Aufgabe übernahm, sie über die Hintergründe des Falls zu informieren. »Der Tote heißt oder besser gesagt hieß …« Er zuckte mit den Achseln, als wäre er sich unsicher, welche Zeitform nun korrekt war und ob ein Leichnam weiterhin seinen Namen behielt. »… Ralf Kohler. Ein riesiger Kerl, mindestens zwei Meter groß, noch dazu Bodybuilder mit einem Körper wie ein Schrank. Von Beruf war er Personenschützer, was bei seiner Statur sogar naheliegend war.«
»So ein Kerl fällt doch nicht einfach so mir nichts, dir nichts aus dem Fenster«, sagte Anja kopfschüttelnd. »Außer natürlich, er wollte das Fenster putzen und ist dabei abgerutscht.«
Plattner lachte, wurde aber rasch wieder ernst.
»Das ist eher unwahrscheinlich«, meinte Englmair. »Wer putzt schon spätabends seine Fenster. Außerdem hatte Kohler eine Putzfrau, die zweimal in der Woche kam.«
»Also ist er entweder selbst gesprungen, weil er seines Lebens überdrüssig war«, sinnierte Anja. »Oder jemand hat nachgeholfen.«
»Eindeutig Letzteres«, sagte Plattner.
»Weswegen seid ihr euch da so sicher?«
»Das Fenster, aus dem Kohler gefallen ist, wurde hinterher wieder geschlossen«, sagte Englmair. »Das kann er unmöglich selbst getan haben, wie du zugeben musst. Und in der Wohnung gibt es eindeutige Spuren einer tätlichen Auseinandersetzung. So ging beispielsweise der Glastisch im Wohnzimmer zu Bruch. Außerdem wurden Blutspuren des Opfers auf dem Parkettboden, an der Wand unter dem Fenster und auf dem Fensterbrett gefunden.«
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