»Und du hast Recht gehabt. Ich glaube, ich hätte ihr in dem Moment ein paar Zähne ausgeschlagen. Lass uns nochmal nach dem kleinen Kerl sehen.«
Sie sahen nach dem Säugling, der in einem Bettchen neben Mary lag und wie sie selbst tief und fest schlief. Andrew betrachtete ihn, untersuchte auch ihn noch, dann sah er seine Tochter an.
»Er ist kerngesund.«
Auf dem Weg zurück zum Gut hielt Andrew unvermittelt an.
»Sarah … wegen heute Morgen … es war nicht besonders feinfühlig von uns …«
Sie winkte ab.
»Papa, du hast ein Recht darauf, wieder zu lieben. Genau wie Tante Margret. Es hat nichts mit euch zu tun … nur … ich möchte mich endlich auch offen zu dem bekennen, was ich fühle. Es fühlt sich so an, als ob die ganze Welt nur darauf aus ist, mir ihr Glück unter die Nase zu reiben!«
Er nickte.
»Das verstehe ich. Nun ja, ich hoffe, dass wir bald Nachrichten aus London bekommen und dass ich diesen Kerl dann endlich mit dir zum Altar schleifen kann … und vielleicht auch …«
Sarah riss die Augen auf.
»Du meinst …?«
Er zuckte mit den Schultern.
»Sie tut mir gut, weißt du? Sie ist die erste Frau …«
Sarah grübelte. Sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, ob ihr Vater mit einer Frau schlief. Nach Hause gebracht hatte er nie jemanden, aber Sarah war immer davon ausgegangen, dass er vielleicht eine Frau zu Hause besuchte. Kontakte hatte er in London schließlich genug gehabt, aber scheinbar war er ihrer Mutter bis weit nach ihrem Tod treu geblieben. Und sie fühlte sich irgendwie schuldig daran.
»Papa … willst du mir erzählen, dass du in all den Jahren … keusch geblieben bist?«
Er nickte.
»Es gab für mich keine andere Frau als deine Mutter. Ich will keine Ausreden gebrauchen. Ich liebe Victoria immer noch. Aber mittlerweile ist auch Platz für die Liebe zu einem lebenden Menschen. Und ich würde gerne im Alter jemanden an meiner Seite haben.«
»Wenn du so empfindest … dann lass uns zusehen, dass wir diese Herzensbrecher in Ketten legen, bevor sie noch mehr Unheil anrichten. Und Tante Margret direkt mit!«
Jetzt musste Andrew lachen.
»Nun, das ist noch etwas anderes. Ich habe mit deiner Tante vor vielen Jahren gewettet. Sollte sie jemals heiraten, gehe ich zum Neujahrstag nackt im Meer schwimmen.«
Sarah konnte ein Kichern nicht unterdrücken.
»Tja, ich fürchte, diese Wette wirst du verlieren.« Sie legte ihre Hand auf seine. »Lass uns meine vielleicht zukünftige Stiefmutter abholen. Ich würde sie gerne näher kennen lernen.«
Sarah saß kerzengerade im Bett. Ein Baby hatte geweint. Mit angehaltenem Atem lauschte sie. War etwas mit Marys Baby? In die nächtliche Stille erklang erneut das schwache Wimmern. Es war so merkwürdig ruhig. Sarah erhob sich von dem Lager, das sie sich im Gebärzimmer aufgeschlagen hatte, und ging die paar Schritte zu Marys Bett hinüber. Ein Mondstrahl fiel durchs Fenster und erhellte ihr Gesicht. Das silberne Licht ließ sie merkwürdig bleich wirken, und Sarah erschrak. Hatte Mary in der Nacht wieder zu bluten begonnen und war weggestorben, ohne dass sie überhaupt etwas davon bemerkt hatte?
Die Rothaarige streckte eine zittrige Hand aus, um nach der Halsschlagader zu tasten, aber als sie nur Millimeter davon entfernt war, die Haut der Frau vor ihr zu berühren, zuckte Marys Gesicht zu ihr herum und sie riss die Augen auf.
»Er ist weg!«
Sarah erschrak so sehr, dass sie aufschrie und das Gefühl hatte, die Beine versagten ihr ihren Dienst, aber sie fing sich wieder, beugte sich keuchend über Marys Bett.
»Wer ist weg?«
»Mein Baby.«
Die Augen der jungen Mutter wanderten verstört durchs Zimmer, und das Gewimmer des Säuglings schwebte wieder im Raum. Sarah runzelte die Stirn.
»Er ist nicht weg, ich höre ihn doch!«
Sie richtete sich auf und wandte sich um, um Mary ihren Sohn zum Stillen zu geben. Doch das Babybett war leer. Fassungslos starrte Sarah hinein, als Mary neben sie trat und wiederholte: »Er ist weg!«
Das Wimmern verstärkte sich, steigerte sich langsam zu dem Weinen eines Neugeborenen, das nach Nahrung verlangte.
»Ich finde ihn, ich bringe ihn dir zurück!«
Sarah hetzte aus dem Zimmer, drehte sich orientierungslos auf dem Flur nach links und rechts. Das Geschrei hallte durch den Gang, war nicht zu lokalisieren. Wer konnte das Baby geholt haben, und wohin hatten sie es gebracht?
Die Rothaarige stolperte los, aufs Geratewohl. Es war dunkel, das Echo ihrer Schritte hallte von den Wänden, und doch wurde das Babygeschrei immer lauter, schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen. Die Türen der Schlafsäle öffneten sich einen Spalt breit, und Augen funkelten darin, die sie kurz musterten, bevor sich die Türen rasch wieder schlossen.
Die Flure schienen endlos, eine Tür sah aus wie die andere, und Sarah wusste nicht mehr, wo sie war. Sie begann zu rennen, stolperte, rutschte aus, aber fing sich immer wieder und hastete weiter.
Endlich kam sie um eine Ecke, war unvermittelt vor einer Wand und blieb stehen wie angewurzelt. Verblüfft starrte sie die beiden Porträts an. Wer hatte die Bilder von Isabella und Marjorie abgenommen und ins Heim gebracht?
»Sarah, was zum Teufel tust du hier?«
Wieder schrie Sarah auf, als jemand sie am Arm packte, wirbelte herum und blickte in Tante Margrets Gesicht. Die resolute alte Dame trug ihr Nachthemd, eine Haube auf dem Kopf und eine Kerze in der Hand.
»Ich suche das Baby«, antwortete Sarah wie aus der Pistole geschossen und erreichte damit nur, dass Margrets Augenbrauen noch weiter in die Höhe wanderten.
»Welches Baby?«
»Marys Baby!«
»Sarah, geht es dir gut?« Margret hatte ihren Arm losgelassen und legte ihr die Hand auf die Stirn. »Hast du Fieber? Hier ist kein Baby!«
»Aber ich höre es doch schreien!«
Tatsächlich war es völlig still. Das Weinen hatte aufgehört. Verwirrt sah Sarah sich um. Sie stand in der Eingangshalle des Gutes, vor den Bildern von Marjorie und Isabella.
»Das heißt … ich habe es schreien hören. Hast du nichts gehört?«
Margret schüttelte bestimmt den Kopf.
»Jedenfalls kein Baby! Nur deine Tür und wie du die Treppen hinuntergelaufen bist! Du hast schlecht geträumt, Sarah! Kein Wunder, du hast viel zu wenig geschlafen letzte Nacht! Du musst dir mehr Ruhe gönnen! Komm, ich bringe dich zurück ins Bett!« Sie legte ihrer Nichte den Arm um die Schultern und geleitete sie in ihr Zimmer, deckte sie zu wie ein kleines Kind. »Und jetzt schläfst du dich schön aus!«
Nachdem Tante Margret ihr Zimmer verlassen hatte, lauschte Sarah noch minutenlang in die Nacht. Aber es schrie kein Baby.
Am nächsten Morgen ging Sarah mit einem flauen Gefühl im Bauch zum Heim hinauf. Sie ließ sich Zeit, obwohl das Wetter sich wieder einmal alle Mühe zu geben schien, ihr die Laune zu verderben. Es war so neblig, dass sie keine zehn Meter weit sehen konnte, und die eiskalten Wassertröpfchen stachen ihr wie Nadeln ins Gesicht.
Trotz Sarahs schlechtem Traum war der vergangene Abend äußerst angenehm gewesen. Josephine war zum Abendessen gekommen und sie und Sarah hatten fast ausschließlich miteinander geredet, Andrew hatte sich zurückgehalten.
Es waren nur ein paar Stunden gewesen, aber Sarah hatte bereits jetzt das Gefühl, dass Josephine ihr an der Seite ihres Vaters das Gefühl einer richtigen, kompletten Familie geben konnte. Ein Gefühl, von dem Sarah gar nicht gewusst hatte, dass sie es vermisste, weil sie es eben nicht kannte.
Samuels Schwester hatte eine ruhige, mitfühlende Art an sich, die in der Arzttochter den Wunsch weckte, ihr alles anzuvertrauen. Nur mit Mühe hatte sie ihre schlechten Eindrücke vom Magdalenenheim und die Offenbarung um ihre Liebe zu Horatio für sich behalten können, hatte dies auch nur getan, weil Andrew ihr warnende Blicke zugeworfen hatte, als er merkte, das Gespräch ging in eine entsprechende Richtung. Als die düsteren Konturen des Heims vor ihr auftauchten, erloschen die angenehmen Gedanken in Sarahs Kopf, und die Erinnerung an den Traum rückten in den Vordergrund. Außerdem bereitete sie sich schon jetzt auf eine Konfrontation mit Olive vor. Die Heimleiterin würde sie sicherlich spüren lassen, dass sie ihr den Schlag mit dem Ellbogen mehr als nur übel nahm. Aber Sarah tat es noch immer nicht leid! Die Hexe hatte es verdient!
Читать дальше