»Mary, versuch, dich zu entspannen. Nicht pressen. Ich weiß, es ist schwierig!«
Die werdende Mutter war tapfer, und Sarah sah zufrieden, wie die Zange in Marys Leib glitt. Schon als sie das Instrument schloss, spürte die Rothaarige, dass es diesmal klappen würde.
»Wenn du jetzt presst, ziehe ich es heraus. Wir machen es zusammen, in Ordnung?«
Mary nickte und Sarah musste die Entschlossenheit in ihrem Blick, obwohl sie schon seit Stunden in den Wehen lag, einfach bewundern.
Die nächste Wehe kam. Marys Gesicht verzerrte sich vor Schmerz und Anstrengung, aber sie biss die Zähne zusammen, schrie nicht, legte ihre ganze Kraft ins Pressen wie Sarah die ihre ins Ziehen. Es gab einen kurzen Widerstand, dann glitt das Baby gefolgt von der Plazenta heraus – und schrie wie am Spieß, scheinbar empört über die unsanfte Behandlung! Sarah lachte laut auf vor Erleichterung – es lebte, und es schien fertig entwickelt, kräftig und gesund, obwohl es angeblich zu früh gewesen war.
»Es ist ein Junge, Mary, es geht ihm gut«, rief die Arzttochter, doch als sie hochblickte, sah sie, dass Mary das Bewusstsein verloren hatte. Und es kam immer noch Blut – viel zu viel!
»Verdammt!« Sarah fluchte herzhaft und drückte Georgette das Baby in die Arme. »Hier, wasch ihn, halt ihn warm!« Sie wollte noch weitere Anweisungen geben, als Olives Stimme scharf dazwischen fuhr. »Sarah, kümmern Sie sich um das Baby! Das Baby muss leben!«
Sarah drehte sich nicht einmal nach Olive um, tastete in Marys Unterleib, um festzustellen, wo das ganze Blut herkam, und fand nichts. Es schien überall gleichzeitig zu fließen.
»Habe ich etwa die Nachgeburt herausgerissen und sie dabei verletzt?«, schoss es Sarah voller Entsetzen durch den Kopf.
Es war nicht der richtige Zeitpunkt für Schuldgefühle. Jetzt galt es nur, die Blutung zu stoppen. Umso irritierte war Sarah, als sie plötzlich Olives Hand an der Schulter spürte, die unsanft an ihr zerrte.
»Sarah! Ich habe gesagt, Sie sollen sich um das Baby kümmern! Mary ist eine Sünderin. Wenn sie für ihr Kind stirbt, hat sie Buße getan!«
Ihre Stimme überschlug sich dabei. Sarah holte aus und stieß mit dem Ellbogen hinter sich, immer noch ohne sich umzudrehen. Sie traf, wenn sie auch nicht wusste, wohin, hörte Olive und noch ein paar andere Stimmen, von denen sie nicht sicher war, woher sie kamen, aufschreien und dann ein Poltern hinter sich.
»DEM BABY GEHT ES GUT!«, brüllte Sarah. »Es braucht mich nicht. Aber seine Mutter braucht es, und die lasse ich nicht sterben!«
Mit beiden Armen stützte Sarah sich auf Marys Bauch, machte sich schwer, drückte zu, so fest sie konnte. Im Augenblick war das alles, was sie tun konnte – die Wunde, von der sie nicht wusste, wo genau sie war, abdrücken.
Die Frauen, die ins Zimmer kamen und offenbar Schwester Olive halfen, ignorierte sie. Sie wandte sich auch nicht zu ihnen, als sie im Augenwinkel sah, dass die Heimleiterin aus dem Zimmer wankte. Immerhin ging sie selbständig, also konnte sie sie so schwer nicht verletzt haben.
Schade, dachte Sarah grimmig.
Besonders sympathisch hatte die Arzttochter Olive nie gefunden, aber nach dem, was sie gerade von sich gegeben hatte, hatte Sarah noch den letzten Rest von Respekt für die Heimleiterin verloren. ie Zeit schien unendlich langsam zu verstreichen, und Sarah wusste nicht, wie lange sie zudrücken musste.
Sie wagte es nicht, schon nachzusehen, überlegte fieberhaft, was sie tun konnte. Es gab nichts. Sie hatte von einigen Fällen gehört, in denen die Mutter überlebt hatte, weil man ihr die Gebärmutter entfernt und die dazugehörigen Blutgefäße abgebunden hatte, aber für so einen Eingriff brauchte sie ihren Vater, und bis er kam, konnte es längst zu spät sein.
Sie wusste auch gar nicht, ob Andrew überhaupt in der Lage war, eine solche OP durchzuführen. Im Moment konnte sie nur warten.
»Kann ich etwas tun?«
Die unerwartet schüchterne Stimme gehörte zu Mabel, die mit Louisa in der Tür stand. Beide hielten eine Schüssel mit Wasser. Sarah nickte.
»In meiner Tasche ist ein roter Tiegel, darin ist ein Pulver aus Ackerwinde. Die wirkt blutstillend. Löst ein bisschen auf und tränkt Tücher darin, den Rest haltet zurück. Wenn sie wieder aufwacht, kann man ihr einen Tee daraus geben.«
Falls sie wieder aufwacht, fügte Sarah im Stillen hinzu, schüttelte den negativen Gedanken schnell wieder ab. Wenn sie nicht daran glaubte, dass Mary es schaffen konnte, dann war alles verloren!
Die Minuten zogen sich dahin. Es gab im Raum keine Uhr, keinen Anhaltspunkt, wie lange Sarah schon Marys Bauch zusammenpresste. Ihre Arme begannen zu schmerzen, fingen schließlich an, taub zu werden. Sarah wusste, dass es Zeit wurde, zumindest nachzusehen. Ihre Patientin lebte noch, sie spürte sie atmen, fühlte ihren Herzschlag.
Sarahs eigener schoss in ungeahnte Höhen, als sie sich vorsichtig zurückzog und mit angehaltenem Atem auf einen stetigen Blutfluss wartete. Es kam keiner. Es hatte funktioniert.
Sarah stieß hörbar die Luft aus und musste sich zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen. Am ganzen Körper zitternd drehte sie sich zu Mabel und Louisa um.
»Gut. Es hat aufgehört. Gebt mir die Tücher, ich mache ihr jetzt eine Tamponade. Mit etwas Glück schafft sie es!«
Den Weg vom Heim zum Gut hinunter fuhr Sarah langsam, ließ das Pferd den Weg alleine suchen, den das Tier im Schlaf zu kennen schien. Sie war so erschöpft, dass sie kaum die Augen offen halten konnte, das Schaukeln der Kutsche tat ihr übriges. Die Rothaarige war erst von Marys Seite gewichen, nachdem die frischgebackene Mutter aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht war und ihr Kind gestillt hatte. Danach waren Mutter und Kind eingeschlafen, und Georgette hatte ihr versprochen, bei Mary zu bleiben und Sarah sofort holen zu lassen, falls es ihr schlechter ging.
Die Anspannung nach der dramatischen Geburt ließ langsam nach und hinterließ in Sarah nur noch Leere. Die Wut vom Morgen war verraucht. Sie hatte einfach keine Kraft mehr dafür. Trotzdem fühlte sie sich nicht in der Lage, ihrem Vater jetzt in die Augen zu sehen. Sie wollte auch noch nicht von der Geburt erzählen, und das würde sie müssen, denn ihr Kleid war voller Blut. Sie stellte die Kutsche ab und schaffte es so gerade noch, das Pferd auszuspannen und notdürftig zu versorgen, dann ging sie ungesehen ums Haus herum und betrat es durch die Waschküche, wo Beatrice gerade die Wäsche sortierte. Als sie Sarahs Aufzug bemerkte, ließ sie alles fallen, was sie gerade in den Händen gehalten hatte, und riss entsetzt die Hände vor den Mund.
»Um Himmels willen, Miss Sarah! Sind Sie verletzt?«
Die Reaktion des Dienstmädchens weckte Sarahs Lebensgeister ein wenig, und sie lachte.
»Nein, keine Angst. Ich habe gerade ein Baby entbunden.«
Mit großen Augen starrte Beatrice auf die Blutflecken.
»Haben Mutter und Kind überlebt?«
Nicht ohne Zufriedenheit nickte Sarah.
»Das haben sie. Aber nur knapp. Sag, hast du irgendetwas Sauberes zum Anziehen für mich? Ich möchte nicht in mein Zimmer gehen.«
Etwas verlegen hob Beatrice ein Dienstbotenkleid in die Höhe.
»Nur das.«
»Das ist mehr als genug!«
Sarah streifte es über und fand es überraschend bequem. Sie musterte Beatrice, die bereits weiter die Wäsche sortierte, nachdenklich. Plötzlich fiel ihr etwas ein.
»Sag, Beatrice … warst du schon hier beschäftigt, bevor Isabella gestorben ist?«
Das Dienstmädchen schüttelte den blonden Schopf.
»Nein. Sie war schon tot. Aber ihre Mutter hat noch gelebt. Es war eine meiner Aufgaben, sie zu pflegen. Sie ist, als ich hier ankam, schon kaum noch aus dem Bett aufgestanden.«
Beatrice schien nicht ganz so zurückhaltend mit Informationen zu sein wie Georgette, das bemerkte Sarah sofort. Mit betont neutraler Stimme fragte sie nach.
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