„Kleines, wenn du noch einmal die Augen verdrehst und mich beschimpfst, wirst du das bitterböse bereuen.“
Schön langsam kroch mir die Angst den Rücken hinauf. Das war jetzt schon der zweite Mann, der mir hier in der Firma drohte. Kann ich schon nach fünf Minuten im neuen Job zu meinem Vorgesetzen laufen und mich beschweren? Kann ich ihm sagen, dass sein ach so kompetenter Markus ein sexistisches Arschloch ist? Oder weiß er davon? Johann sagte, Markus werde das Beste aus mir herausholen? Gehört das zu Firmenphilosophie? Wenn das so ist, werde ich noch heute kündigen. Egal wie lange ich dann auf einen Job warten muss. Dr. Schneller hat mir einmal eine Stelle verschafft, dann kann er das ein zweites Mal auch noch machen.
Markus starrte mich weiterhin an. Ich spürte wie ich Zentimeter für Zentimeter schrumpfte und ihm immer mehr Macht überließ. Verdammt noch mal, was war hier denn los?
Lachend ließ er plötzlich von mir, ging um die Schreibtische herum und setzt sich in seinen Sessel. Lässig schmiss er seine Füße überkreuzt auf den Tisch. Sein Blick blieb aber auf mir kleben und beobachtete jede noch so kleine Bewegung, die ich machte.
Ich atmete tief durch und wartete. Was sollte ich auch sonst machen mit einem Verrückten allein im Büro? Wenn man die Scheiben verdunkeln kann, sind sie wahrscheinlich schalldicht auch noch.
„Willst du nicht davonlaufen?“, fragte er süffisant.
„Ich bezweifle, dass du so dämlich bist und die Tür offen lässt“, und wie ich ihn weiterhin beschimpfen werde.
„Hör auf damit!“, seine Stimme wurde lauter.
Ich bemühte mich um meine beste Engelsstimme: „Womit?“
„Stell dich nicht dümmer als du wirklich bist. Du hast es nicht notwendig, dich unter deinem Wert zu verkaufen“, sein Ärger stieg.
„Soll das gerade ein Kompliment gewesen sein?“, das Spiel kann man auch zu zweit spielen. Grinsend wartete ich auf seine Reaktion.
Aber es kam keine. Er starrte mich weiterhin mit seinen leuchtend blauen Augen an, wie ein Löwe das Lamm. Ich wusste nicht, wie viel Zeit verging. Ich verlor mich in seinen blauen Augen. Menschen halten normalerweise keine Stille aus und wollen sie immer mit sinnlosen Wörtern füllen. Aber Markus blieb wie eine Statue sitzen und starrte mich weiter an.
„Knie dich hin.“, als hätte er mich gefragt, ob er einen Kugelschreiber haben kann, kamen die Worte über seine Lippen.
Verwundert sah ich ihn an. „Bitte was?!“, schrie ich.
„Knie. Dich. Hin.“, nach seinen Worten stand er auf und kam wieder zu mir rüber,
„Such es dir aus Kleines. Ich muss dir einiges erzählen. Entweder du kniest dich freiwillig vor mich hin oder ich bringe dich dazu. Entscheide klug.“
„Ich weiß ja nicht, was für ein sexistisches Arschloch du bist und welche perversen Vorstellungen ich dir befriedigen soll, aber niemals, nie und auf gar keinen Fall werde ich mich vor dir hinknien. Geht’s eigentlich noch? Was glaubst du verdammt noch mal wer du eigentlich bist? Glaubst du, nur weil du in einer angesehenen Firma bist, kannst du machen was du willst? Vergiss es, Arschloch!“
Schneller als ich schauen konnte, war er hinter mich getreten, hatte meine Arme geschnappt und diese auf meinen Rücken gedreht. Er zog meine Arme nach oben. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich auf meine Knie fallen zu lassen. Sobald ich unten war, ließ er meine Arme los und ich fiel auf alle vier vor ihm nieder. Markus war wieder vor mich getreten. Vorsichtig blickte ich zu ihm auf und sah in seine eiskalten blauen Augen.
„Falsche Entscheidung, Kleines. Ich bekomme immer was ich will, merk dir das.“
Toll, mein neuer Arbeitskollege ist ein Psychopath. Und was mache ich jetzt? Wenn ich aufstehe wird er wieder dafür sorgen, dass ich auf meinen Knien lande. Also blieb ich wohl oder übel unten und setzt mich auf meine Fersen. Was will der Typ von mir?
„Gute Entscheidung Kleines,“ selbstgefällig nickend stand er vor mir. „Da ich jetzt deine volle Aufmerksamkeit habe, werde ich dir erklären wie es bei uns so abläuft. Johann hat dir schon gesagt, dass ich für dich verantwortlich bin. In allen außer Johanns Stockwerk interpretieren wir das ein wenig anders als normal. Dass ich für dich verantwortlich bin, bedeutet auch, dass ich nicht nur für deine Leistung verantwortlich bin, sondern auch für dein Benehmen. Und das lässt ordentlich zu wünschen über.“
Markus ging einmal um mich herum und blieb schließlich hinter mir stehen. Ich wagte es nicht mich umzudrehen. Zufrieden mit meiner Reaktion redete er weiter.
„Es gibt Regeln. Regeln, die du zu befolgen hast. Ohne wenn und aber und ohne Diskussion,“ er redete langsamer als zuvor.
„Ich werde dir die Regeln einmal sagen. Hör gut zu, denn du sollst sie auswendig wissen. Wenn du die Regeln nicht befolgst, mich beschämst, nicht die geforderte Leistung bringst oder auch nur sonst irgendein unangebrachtes Verhalten zeigst, wirst du bestraft.“
Ungläubig drehte ich mich zu ihm um und starrte ihn an. Was ist mit dem los?!
Sofort stand ich auf und stürmte zur Tür. Das lasse ich mir nicht gefallen. Ist der Typ wahnsinnig? Was ist das hier für eine bescheuerte Firma? Das kann doch verdammt noch mal nicht wahr sein. Niemals würde ich mich solchen Regeln beugen. Der spinnte doch.
Bei der Tür angekommen, riss ich an der Schnalle. Diese gottverdammte Tür bewegte sich keinen Zentimeter. Vorhin fragte ich ihn noch, ob er zu dämlich sei um abzusperren. Er war es eindeutig nicht.
Verdammt noch mal, was sollte ich jetzt machen? Warten? Kämpfen? Schreien? Mit geschlossenen Augen wartete ich einfach. Ich wüsste einfach nicht was ich machen sollte. Der Typ kann mit mir machen, was er will. Keine Chance.
Ich hörte seine Schritte hinter mir. Er würde mich wieder packen, mich wieder auf die Knie zwingen und mich weiter demütigen. Komm ich hier jemals wieder raus?
Markus war wenige Zentimeter hinter mir. Ich spürte seinen Atem in meinem Nacken. Er atmete ruhig, sein heißer Atem kitzelte. Seine Hände griffen zu meinen Oberarmen. Aber er packte mich nicht. Er fuhr an meinen Oberarmen auf und ab, als wolle er mich wärmen. Seine großen Hände wanderten weiter zu meiner Taille. Langsam zog er mich zu sich in eine Umarmung und hielt mich. Er hielt mich einfach fest.
Was war jetzt denn schon wieder los? Zuerst ist er freundlich, dann droht er mir, er zwingt mich vor ihm zu knien, sperrt mich ein Büro ein und jetzt umarmt er mich? Wie krank ist dieser Typ bitte?
Das allein machte mich ja schon fertig. Aber zu allem Überdruss genoss ich seine Umarmung. Ich genoss die Wärme und die Sicherheit. Was ist los mit mir? Mein Tag war bis zu diesem Zeitpunkt eine einzige Achterbahn der Gefühle gewesen. Ich hatte heute schon mehr empfunden als in meinen ganzen Studienjahren und es war noch nicht mal mittags. Kann mir jemand diese Hölle erklären? Warum macht er das? Ich verstehe das alles nicht mehr. Am liebsten würde ich einfach weinen oder schreien oder aufgeben oder kämpfen oder am besten einfach verzweifeln.
„Ich weiß, es ist viel für dich,“ er streichelte mit der Hand meine Wange, „keine Sorge, ich werde dir bei allem helfen. Wir kriegen das zusammen hin.“
Ich hörte seine Worte, aber ich verstand sie nicht. Sie halfen mir auch nicht aus meinem Dilemma. Aber ich musste diesen Psychopaten nur für kurze Zeit davon überzeugen, dass er mich hat. Dann konnte ich irgendwie entkommen und müsste nie wieder einen Fuß in diese Firma setzen. Also blieb ich jetzt in seiner Umarmung, bis er etwas machte? Die Umarmung war auf jeden Fall besser als vor ihm zu knien und mir irgendwelchen dämlichen Regeln anhören zu müssen.
Ich hatte keine Ahnung wie ich hier rauskommen würde, aber es musste einen Weg geben. Wenn ich genug Anlauf nehmen könnte, würde es vielleicht reichen die Glasscheibe mit dem Schreibtischsessel zu durchbrechen. Nur wie kam ich dort hin? Und das ohne, dass er mich aufhielt? Wenn mein Fluchtversuch misslang, wird er wahrscheinlich noch wütender als zuvor. Ich hatte eine einzige Chance und die musste ich nutzen.
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