Nach dem Frühstück quetschte ich Leya aus, kaum dass die Elbe erschienen war .
„ Das haben die Sternschwestern gesagt?“
„ Wörtlich.“
„ Und jetzt soll ich mal nachforschen, was es mit dem Lord of Lightninghouse auf sich hat?“
Ich bettelte mit klimpernden Wimpern.
„ Du sehnst dich nach deinesgleichen“, stellte sie fest.
„ Manchmal ja“, gab ich zu.
„ Kein Wunder“, kommentierte die Elbe, „ aber an dein Wohlergehen verschwenden unsere Lichtschwestern keinen Gedanken.“
Die frühmorgendliche Arbeitsliste für Katja endete mit einem kleinen Knaller: „Heute dürft ihr ohne mich schuften, habe anderweitige Aufgaben!!!“
Danach rief ich Sarahs vier Koffer, die Amelie netterweise gepackt hatte, in die Gästewohnung. Sie schlief noch tief, mit einem Lächeln auf ihren Lippen. Möglicherweise erwies sich die Schauspielerin in nüchternem Zustand doch als genießbar.
In der Tat tauchte zwei Stunden später ein schüchternes Gesicht um die Küchenecke auf.
Frisch geduscht, in Jeans und Bluse, stieg ihr Sympathiewert um ein Scheibchen. „Hallo, ich habe leider deinen Namen vergessen.“
„Ich bin Lilia. Komm, setz dich, dein Frühstück wartet.“
„Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.“
„Schon gut, jetzt wohnst du zunächst einmal bei mir.“
Sie machte große Augen. „Einfach so?“
„ Ja, weil du da oben mächtige Fürsprecherinnen hast“, dachte ich angenervt, versicherte aber laut: „Kein Problem, fühl dich wie zuhause.“
Ihrer Seele entströmte ein stinkender Fluss. Bühnenreife Intrigen, Missgunst unter Kollegen, hinterhältige Pseudo-Freunde und vor allem der Stalker trieben sie aus dem Leben.
Ich beschloss, meine Widerspenstigkeit aufzugeben. „Sag deine Termine für die nächsten Tage ab. Die Story von dem versuchten Überfall und der Festnahme des Stalkers rast wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Niemand wird dir Vorwürfe machen.“
„Sie haben ihn erwischt?“
„Allerdings, und er wird für Jahre hinter Gittern schmoren.“
Tränen der Erleichterung flossen unter langen Wimpern hervor, dankbar drückte Sarah meine Hand.
Zufällig trafen Leya und ich am frühen Abend erneut aufeinander. Sie wollte Elin zur allnächtlichen Jagd abholen.
Süffisant bemerkte die Elbe: „Tja, wie es aussieht, gebärdet sich dein schottisches Gegenstück noch dickköpfiger als du.“
Ich bekam Elefantenohren. „Und weiter?“
Genüsslich erzählte Leya die Geschichte: „Alexis entstammt einer langen Mischlinie. Seit annähernd tausend Jahren wacht seine Familie in dem Land – oder sollte das tun. Deshalb halten sich dort keine Elben auf.“
„ Hat der es gut“, seufzte ich dazwischen.
„ Sei still. Jedenfalls ignoriert Mylord das Oberkommando unserer Sternschwestern. Er betrachtet sie als bloße Bittstellerinnen. Selbst an die Menschen in seinem Land verschwendet er längst keinen Gedanken mehr. Dahinter verbirgt sich ein tragisches Ereignis. Er verlor seine große Liebe. Das Leben seiner jungen Gattin auf dem Kindbett zu retten, war die einzige Bitte, die er jemals an die Sternelben richtete. Aber sie konnten der Menschenfrau selbstredend nicht helfen. Seitdem wüten Zorn und Verbitterung in seiner Seele, die Verbindung ist gekappt.“
„ Und seit wann läuft das so?“, wollte ich wissen.
„ Das Drama liegt rund 150 Jahre zurück.“
Ich musste mich verhört haben! „ Du meinst sicher 15 Jahre.“
„ Nein, Lilia, der Lord geht auf die 200 zu.“
„ Ab – ab – aber …“
„ Kleines, nicht nur in Elbenaugen bist du noch ein Baby.“ Mit diesem Hammer verduftete Leya.
Endlich glitten ein paar Puzzleteile ineinander.
Höchst zufrieden kümmerte ich mich um das Abendessen und lockte Sarah aus ihrer Gästehöhle, in die sie sich regelrecht verliebt hatte.
Nach unserer gemeinsamen Mahlzeit bot sie sogar an, die Küche aufzuräumen. Energisch lotste ich meinen Gast stattdessen ins Wohnzimmer vor den Kamin. Auf gar keinen Fall durfte Sarah auch nur den Schimmer einer Ahnung von magischen Umtrieben à la Waschen, Putzen, Einkaufen bekommen. „Du kannst dir nehmen und im Haus tun, wonach dir der Kopf steht. Ab morgen früh werde ich ohnehin meistens unterwegs sein.“
Sarah schlich sich binnen weniger Tage tief in mein Herz. Allen Ernstes bot sie mir eine beträchtliche Summe für meine Gastfreundschaft an. Schamlos lenkte ich solch seltene Großzügigkeit zu der ewig klammen Musikschule um.
Schwieriger gestaltete sich die Aufgabe, ihr frischen Mut für die Außenwelt einzuflößen. Die Sternelben suchten für Sarah derweil einen Gefährten. Er sollte möglichst Geborgenheit, Sinn für die Schauspielerei und ein breites Rückgrat aufbieten.
Mit viel Überredungskunst lockte ich die Schauspielerin auf höhere Anweisung nach gut einer Woche aus ihrem Kokon. Gemeinsam besuchten wir eine Lesung des Bestsellerautors Michael Wert im Haus der Kulturen. Hinterher folgte ein vielversprechend dreisamer Abend in der angesagten Bar des Maritim. Zum gelungenen Schluss strahlte Sarah über meine Einladung des Autors für ein Dinner am nächsten Abend.
„ Also ich spiele bei ihrem Dinner dann die Anstandsdame, oder wie?“, lästerte ich leicht angebläut bei meinem anschließenden, tiefnächtlichen Tankbesuch in Santa Christiana.
„ Nein, Lilia, du wirst zu einem dringenden Fall gerufen.“
„ Aber ihr seid ja überhaupt nicht durchtrieben.“
Die Sternelben amüsierten sich prächtig, nur um im nächsten Augenblick reichlich widerwärtige Polizeiarbeit in meinem Kopf abzukippen.
Kurz darauf schloss ich die Kirche ab und atmete tief die pralle Frühlingsluft ein. „Die erste laue Nacht des Jahres. Wie kann die irgendein Mensch mit Grausamkeiten verbringen?“
Das menschliche Böse tobte sich im faden Kunstlicht eines muffigen Bürogebäudes im Wedding aus.
Die bullige Vorarbeiterin, Marke ‚behaarte Zähne‘, der nächtlichen Putzkolonne drangsalierte ihre persönlichen Arbeitssklaven vorzugsweise mit einem abgebrochenen Besenstil. „Los, ihr Penner, das geht schneller! Und du da, geh verdammt noch mal sparsam mit dem Reiniger um. Oder glaubst du etwa, ich will hinterher noch Geld in den Eimer schmeißen?“ Wutschnaubend versetzte sie der Neuen einen Schlag auf den Arm.
Meine herbei gerufenen Streifenkollegen beobachteten live an den Bildschirmen in der Pförtnerloge die widerwärtige Szene. Sie beschlagnahmten die Aufzeichnungen sämtlicher Überwachungskameras und stürmten los.
Ich raste zum nächsten Brandherd, müde die Morgendämmerung herbeisehnend.
Am folgenden Abend läutete der Herr Schriftsteller, treffsicher beladen mit Lilien für mich und Rosen für Sarah, pünktlichst zum Rendezvous.
Den Wintergarten hatte ich zuvor liebevoll umgestaltet. Ein ovaler Tisch, wunderschön dekoriert, lud bei romantischem Kerzenschein, schweren Blütendüften und eiskaltem Champagner zu einer langen Nacht.
So deplatziert ich mich fühlte und ungeduldig auf das Vibrieren meines Handys wartete, so gründlich ignorierten mich die zwei Turteltauben.
Nach der Vorspeise genossen sie das opulente französische Dîner endlich ohne meine Wenigkeit. Sarah wünschte ich von Herzen alles Glück dieser Erde.
Draußen verlief die Nacht, wen überraschte es noch, weit weniger harmonisch. Hinterher servierte die kurze Bettzeit den gnadenlosen Overkill:
„Alexis, lass mich gehen“, flüstere ich mit letzter Kraft.
„Bleib bei mir. Bitte, Lilia!“
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