"Bis jetzt alles wunderbar. Ehrlich. Es läuft nicht schlecht. Morgen muss ich schon wieder neue Leinwände kaufen." Er wischte mit der rechten Hand imaginären Schmutz vom Tisch und dachte an seine Äpfel, "wie läuft es denn in der Firma, kommst Du mit dem Neuen klar?"
Bevor Bernd antworten konnte, plapperte Inga wieder los: "Hast Du Dich denn schon um eine Ausstellung gekümmert, ich kenn da einen Galeristen, mit dem war ich mal kurz, na ja, eben so, mit dem könnte ich Dich mal bekannt machen, der ist immer an neuen Malern interessiert, wenn Du willst, null Problem." Sie grinste ihn Beifall heischend an.
"Danke, aber ich habe schon einen." Florian wollte mit Bernd reden.
"Wirklich? Das haste mir ja noch gar nicht erzählt," Bernd glaubte ihm, im Gegensatz zu Inga, die ihn misstrauisch anschaute.
„Äh, ist ja erst seit gestern," er beugte sich zu Bernd, "aber jetzt erzähl Du mal."
Sie vertieften sich in die Firma. Inga versuchte noch 2 oder 3 Mal sich einzumischen, merkte dann aber, dass sie überflüssig war und mit "ich muss dem Fred da drüben mal Guten Tag sagen," war sie weg.
"Der Fischer, Dein Nachfolger, also der geht mir unheimlich auf den Sack, aber wirklich," er würde ihn ständig kontrollieren, mit der Stoppuhr herumlaufen, prüfen, wie lange sie an den einzelnen Aufträgen säßen, alles würde protokolliert und analysiert, man käme sich vor, wie in einem Überwachungsstaat, "is keine gute Stimmung mehr, wirklich, bei Dir war es tausendmal besser," Florian nahm dies wohltuend zur Kenntnis, "aber der kriegt noch Ärger mit mir, das lass ich mir nicht mehr lange gefallen, aber wirklich." Er schaute auf die Uhr. Florian bestellte den zweiten Bordeaux und lenkte das Gespräch auf seine Malerei.
Aber seine Euphorie über seine Unabhängigkeit und seine Freiheit verlor sich rasch, und er kam ins Klagen: "Wer kann denn schon morgens zwischen neun und eins künstlerisch arbeiten, da fällt mir einfach nichts ein, ist doch auch logisch, oder? Und nachmittags muss ich mich um Mira kümmern, also bis jetzt...."
"Du entschuldige," Bernd hatte wieder verstohlen die Zeit kontrolliert, "aber ich muss los, fast halb elf, ich hab' Monika versprochen, um zehn sei ich wieder da."
"Weißt Du, nicht einmal der Apfel. .."
"Du musst halt Geduld haben, das kommt schon. Wir können ja ein andermal darüber reden, ich muss wirklich," er schlug ihm auf die Schulter, und Florian war mit seinen unausgesprochenen Problemen alleine.
"Geduld!" er lächelte sarkastisch vor sich hin, das hatte ihm Charlotte auch erklärt, oder vielmehr vor sich hin gemurmelt. Sie war vor ein paar Tagen mal kurz in sein Atelier gekommen, hatte einen flüchtigen und, wie Florian fand, zweifelnden Blick auf seine Äpfel und die Stirn ihrer Tochter geworfen, etwas von Geduld und Ausdauer gemurmelt und war zurück zu einem neuen Werbeblock vor den Fernseher geeilt. Er war ihr gefolgt und hatte, wütend über die gleichgültige Resonanz seiner Werke, vorsichtig protestiert: „In diesem Hause ist es unmöglich einen Film anzuschauen, dauernd zappst Du von einer Werbung zu anderen, das ist ja nicht auszuhalten."
"Schließlich ist das mein Job, von dem ihr alle lebt, Deine Äpfel können wir schließlich nicht essen," damit war für sie die Diskussion beendet. Er hatte sich dann demonstrativ mit einem Buch über Dekonstruktivismus neben sie gesetzt und den Fernseher keines Blickes mehr gewürdigt.
Nach dem dritten Bordeaux, der seinen Frust auch nicht beseitigt hatte, setzte er sich gegen halb zwölf ans Steuer und fuhr los. Er war plötzlich voller Sorge um seine Tochter, er hatte sie die ganze Zeit vergessen. Als der grüne Polizeiwagen an ihm vorbeifuhr, wurde er starr vor Schreck, "Bitte lieber Gott, das nicht." Aber sein Gebet wurde nicht erhört und eine rot leuchtend Kelle schob sich aus dem Beifahrerfenster. Er war mit einem Schlag nüchtern.
Ein Irrtum, wie die Blutprobe ergab.
Szene 9
Als Charlotte die Türe aufschloss, lag die Wohnung im Dunkeln.
"Hallo? Florian?" Nichts.
Sie schob die angelehnte Tür des Kinderzimmers auf, der matte Schein der Flurlampe hüllte ihre friedlich schlafende Tochter in ein fahles Licht.
"Das darf doch nicht wahr sein," sie deckte Miriam, die leise stöhnte, aber nicht wach wurde, vorsichtig wieder zu. Behutsam lehnte sie die Tür bis auf einen Spalt an und ging ins Wohnzimmer, es war leer, ebenso wie ihr Schlafzimmer. Charlotte schüttelte verständnislos und ärgerlich den Kopf, hängte ihren Mantel an die Flurgarderobe und ging aufs Klo.
Sie fand Florian in der Küche, vor einer Kerze und einer fast leeren Rotweinflasche. Ungläubig schaltete sie die Deckenlampe an und blickte in seine rot geäderten Dackelaugen. Während der zwei Tage in München hatten sie ihr nicht gefehlt.
"Sag mal, was denkst Du Dir dabei, ich warte am Bahnhof bis ich völlig durchgefroren bin, mein Herr Gatte sitzt stattdessen hier im Warmen und genießt seinen Rotwein," sie stemmte herausfordernd die Hände in die Hüften.
Florian schwieg.
"Würdest Du Dich bitte dazu äußern?" Florian wischte mit der rechten Hand den Tisch sauber und blickte stumm auf seinen Bordeaux.
"Soll ich eventuell morgen noch einmal nachfragen?" Wie sie dieses Schweigen hasste.
"Mir ist was Saudummes passiert," brummte er fast unhörbar.
"Etwas mit Miriam?"
„Nein, nein, nicht mit Mira, mit mir“
"Ja nun erzähl schon," sie setzte sich ihm gegenüber und stützte die Arme auf dem Tisch.
"Ja also, ich hab mich gestern noch mit Bernd getroffen," stockend begann er, sich mehrmals räuspernd, "bei Rolf, wollte ein bisschen quatschen, über die Firma und so," er nahm einen Schluck Rotwein, "und auf der Heimfahrt, ich hatte nur zwei Wein, also auf der Heimfahrt musste ich blasen." Er hatte dem Polizisten entgegnet, seine Tochter sei allein, er müsse dringend nach Hause, es wäre ein Notfall, seine Frau sei im Krankenhaus, aber diesmal gab es kein Entkommen. Der Beamte hatte kurz entschlossen den Zündschlüssel abgezogen und ihn in den grünen VW-Bus gebeten. Aber das erzählte er nicht.
"Das Röhrchen hat sich halt verfärbt, ich versteh das nicht, bei zwei Wein, aber die haben mir den Lappen abgenommen, schöne Scheiße."
"Keine Blutprobe?"
"Doch, natürlich, ich musste kurz mit ins Krankenhaus, das Ergebnis weiß ich natürlich nicht, aber den Wagen musste ich stehen lassen." Er verschwieg ihr die demütigende Behandlung
im Krankenhaus. Eine halbe Stunde hatten sie auf den Arzt warten müssen, er musste über eine Linie laufen, was ihm einigermaßen gelang, allerdings verfehlte sein Zeigefinger bei geschlossen Augen seine Nase um einiges. Dann entnahm der Arzt aus seinem Arm eine Kanüle seines alkoholisierten Lebenssaftes und er konnte endlich gehen.
"So Schmidtlein, jetzt kannste zu Deiner Tochter," damit hatte der schnöselige Polizist ihn entlassen.
"Wie kann man nur so leichtsinnig sein, man weiß doch, wie schnell das geht," Charlotte erhob sich, um sich einen Sherry aus dem Kühlschrank zu holen, drehte sich aber dann um, "konnte denn Jasmin so lange bleiben, hast Du sie wenigstens anrufen können." Florian sah sie dümmlich mit geöffnetem Mund an.
Er hatte Miriam um halb drei, als er endlich nach Hause gekommen war, schlafend vor dem laufenden Fernseher gefunden.
"Natürlich, ja klar doch," er wischte einen weiteren nicht vorhandenen Krümel vom Tisch, seine Stimme war ein wenig zu laut, "war kein Problem," er wollte Charlottes Eindruck über seine Leichtsinnigkeit nicht unnötig vergrößern, "bloß wie kommst Du jetzt morgens in die Agentur," hilflos sah er sie an. Charlotte trank im Stehen einen Schluck und blickte auf ihn herunter.
Ihre gute Stimmung, ausgelöst durch den erfolgreichen Abschluss in München, kehrte zurück und die Aussicht, die alleinige Verfügungsgewalt über den Passat zu besitzen, hatte auch etwas Verlockendes. Sie bräuchte abends nicht mehr so pünktlich zu sein, könnte länger arbeiten und wäre nicht mehr auf ihn angewiesen.
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