„Nein. Ich habe auch schon vorher nicht mehr im Krankenhaus gearbeitet, sondern war in einem privaten Haushalt tätig.“
Mehr kann und will ich dazu nicht sagen. Weil ich nicht darüber sprechen will. Weil es mich zermürbt daran zu denken. Weil ich von einer Sekunde auf die andere spüre wie sich eine schmerzliche Traurigkeit in mir aufbaut. Nervös zupfe ich an meinem Kleid.
„Ach ja. Tyler hat einmal erwähnt, dass du dich um ein krankes Kind gekümmert hast.“
Scheiße, ich will nicht darüber reden. Ich atme ein und halte kurz die Luft an. Dann sehe ich mich um und suche in der Menge Tyler. Wo ist er denn? Ich halte diese Fragerei nicht aus, außerdem will ich ihn endlich in den Arm nehmen und ihm gratulieren.
„Ja genau“, sage ich schnell und lächle sie vermutlich ziemlich gekünstelt an. „Ich muss mal sehen wo Tyler ist, ich habe ihm noch gar nicht gratuliert.“
„Natürlich“, meint sie als ich ihr schon den Rücken zugewandt habe.
Ich schiebe mich durch die Menschenmassen und fühle mich von Minute zu Minute unbehaglicher. Tyler ist wie vom Erdboden verschluckt. Einer seiner Kollegen aus dem Team kommt an mir vorbei.
„Entschuldige…Weißt du wo Tyler ist?“, frage ich ihn schnell.
Er sieht sich kurz um, als ihm etwas einzufallen scheint. „Er wollte das Technikequipment wegräumen.“
„Ach so. Und das ist wo?“
„Raus auf den Gang, die vorletzte Türe rechts“, meint er und geht auch schon weiter.
„Danke“, sage ich ihm noch hinterher.
Ich gehe den Gang hinaus und bleibe kurz im menschenleeren Raum stehen. Einen Moment lang atme ich die Ruhe und kühle Luft ein. Da drinnen war es fürchterlich stickig und warm und die ganzen Leute, dann noch die Fragerei, keine Ahnung wann es aufhört mich so fertig zu machen. Dann gehe ich den Gang hinunter und bleibe vor der vorletzten Türe rechts stehen. Die Tür ist angelehnt und ich höre Geräusche und ein leises Kichern aus dem Raum.
„Tyler?“ Ich öffne die Türe vorsichtig ein Stückchen.
Ich stehe da und sehe wie versteinert auf das Bild welches sich mir offenbart, unfähig einen Ton von mir zu geben. Völlig neben mir versuche ich etwas zu sagen, aber die Luft in meinem Hals stockt und baut sich beklemmend immer weiter auf. Hysterisch schnappe ich nach Luft. Fast hätte ich etwas sagen können, doch da höre ich die Worte „Ach du Scheiße…“ aus dem Mund der Blondine mit dem wünschenswerten Arsch. „Tyler…Hör auf…“, fügt sie noch hinzu.
Sein Rücken ist mir zugewandt, er hat noch nicht einmal bemerkt, dass ich in der Tür stehe. Er dreht sich langsam aus einer eindeutigen Situation zu mir. Fast wie in Zeitlupe fühlt es sich an. Seine Lippen formen sich zu einem tonlosen „Fuck“.
Ich schnappe immer noch nach Luft und einem Wort das ich sagen könnte, was in dieser schrecklich peinlichen Situation aber nicht möglich ist. Leicht überfordert lässt er von der Frau ab, zieht sich seine Hose hinauf und dreht sich zu mir. Völlig außer mir kann ich nur meinen Kopf schütteln, Tränen steigen haltlos in mir auf.
„Holly, warte…Versteh das bitte nicht falsch…Das ist anders als es aussieht…“, beginnt er zu stammeln.
Carolin springt vom Schreibtisch auf dem mein Ehemann sie gerade noch gefickt hat auf, und zieht sich scheinbar geschockt darüber erwischt worden zu sein ihren Tanga hoch. Verlegen streicht sie ihr Kleid zurecht, diese Geste fühlt sich in gegenständlicher Situation wie ein Witz an.
„Was kann man denn bitte daran falsch verstehen?“, sage ich überraschend leise und verwundert über mich selbst plötzlich wieder Worte gefunden zu haben. Dann drehe ich mich um und gehe den Gang zurück hinauf. Meine Hände beginnen zu zittern und ich spüre wie mir Übelkeit den Hals hochkriecht.
„Holly…Bitte…“ Tylor kommt mir schnellen Schrittes hinterher und hält mich am Arm zurück. Sofort versuche ich mich loszureißen.
„Mach hier bitte keine Szene“, sagt er relativ ruhig.
„Keine Szene?“, keife ich mit leicht erhöhter Stimme.
Carolin marschiert starren Blickes an uns vorbei und verschwindet hinter irgendeiner Tür.
„Es bedeutet nichts“, flüstert er und sieht mich dabei eindringlich an. „Es ist einfach alles von mir abgefallen und dann…“
„Was? Es bedeutet nichts? So sah es aber nicht aus. Darum sollte ich wohl besser zu Hause bleiben, damit du hier in Ruhe ficken kannst, oder wie?“
Er öffnet eine Bürotür und zerrt mich hinein. Dann packt er mich mit beiden Armen an meinen Schultern, fast als wolle er mich zur Besinnung bringen. Seine Augen weiten sich.
„Holly! Hör auf hier so herumzuschreien! Willst du mich ruinieren?“ Er atmet ein paarmal durch, so ruhig wie er versucht zu sein ist er nicht, ich kenne ihn. „Ich weiß ich habe einen Fehler gemacht, bitte lass und das zu Hause besprechen.“
Ich schüttle den Kopf. „Einen Fehler gemacht?“, murmle ich tränenerstickt. „Wie lange schon?“
Bei dieser Frage kann er mir nicht mehr in die Augen sehen und ich weiß darum sofort, dass das hier nicht das erste Mal mit dieser Schlampe war.
„Wie lange schon?“, frage ich deshalb noch einmal etwas lauter nach.
„Es bedeutet nichts…“, stammelt er.
„Wie lange will ich wissen“, jetzt schreie ich fast, was ihn schnell antworten lässt.
„Seit ein paar Wochen.“
Geschockt weiche ich einen Schritt zurück. Ich kann nichts mehr sagen. In mir baut sich ein fürchterliches Gefühl auf das ich mit keinem Wort beschreiben kann. Ich liebe diesen Mann, ich habe ihn immer geliebt, ganz selbstverständlich und bedingungslos, auch wenn wir in letzter Zeit viel gestritten haben. Immer habe ich versucht über meinen Schatten zu springen und war ihm nie lange böse, selbst wenn er mich oft richtig beleidigt hat. Es ist schwer ihm zu entsprechen, ich bin nicht wie er. Mal sind meine Haare nicht so wie er sich das vorstellt, dann ist es meine Figur mit der er im Moment nicht zurechtkommt. Ich bin immer zu langsam oder nicht genau genug, oder ich denke zu intensiv nach. Dann rede ich zu viel und im nächsten Moment wieder zu wenig, oder sage nicht das was er hören will. Auch wenn es mir in den letzten Monaten schlecht ging, versuchte ich ihm alles recht zu machen. Und jetzt? Wozu das alles?
„Es war die Anspannung, ich musste irgendwo Druck ablassen, du bist im Moment nicht du selbst…“, beginnt er fast verzweifelt zu erklären. Ich will das alles gar nicht hören. Seine Worte machen alles nur noch schlimmer. Oft habe ich versucht mich ihm zu nähern. Ich habe es mir sogar ziemlich gewünscht, es hätte mir bestimmt geholfen aus meinem seelischen Tief zu kommen. Doch er hat mich immerzu zurückgewiesen. Jetzt verstehe ich warum.
„Druck ablassen?“, sage ich jetzt schon fast ohne Ton. Dann drehe ich mich um, gehe aus dem Raum und ohne mich noch einmal umzusehen durch den Gang. Wieder kommt er mir hinterher.
„Holly…“, ruft er mir nach als sich die Türe vom Präsentationsraum öffnet und sein Chef herauskommt.
„Da sind sie ja Barnes. Drinnen wartet unser Kunde auf Sie“, meint er und sieht mich etwas verwundert an. Ich drehe mich weg, schließlich bin ich tränenüberströmt.
„Alles in Ordnung?“, fragt er dann auch noch nach.
„Ich brauche ein bisschen frische Luft“, lächle ich ihn gekünstelt an.
Er nickt mir mit hochgezogenen Augenbrauen zu.
„Ich bin sofort bei Ihnen“, stammelt Tyler.
„Gut“, erwidert sein Chef und geht wieder in den menschenvollen Raum.
„Ich muss hier raus.“ Ich sehe ihn traurig an.
„Scheiße…Ich wollte das nicht…Bitte lass uns später reden, ich muss da rein…“
Ich nicke wortlos und kehre ihm den Rücken. Mit zittrigen Händen verlasse ich das Gebäude. Draußen muss ich mich erst einmal ein paar Minuten lang sammeln. Ich öffne meine Tasche um ein Taschentuch heraus zu holen, als mir meine Tabletten fast bettelnd entgegen leuchten. Zögernd schließe ich meine Augen und hole tief Luft. Was ist er für ein Arschloch? Es einfach mit dieser Schlampe in meiner Anwesenheit zu treiben. Es ist doch ganz egal was ich mache, ich werde nie so sein wie diese Scheiß Carolin. Niemals. Völlig neben mir drücke ich ohne nachzudenken aus jeder Packung ein paar Tabletten, keine Ahnung wie viele, und schlucke sie ohne Wasser ganz leicht hinunter. Jetzt zittern meine Hände noch mehr, doch sofort baut sich ein seltsam erleichtertes Gefühl in mir auf. Dann gehe ich los. Planlos. Einfach irgendwo hin. Ich spüre die Wirkung der Pillen, ich werde lockerer und beruhige mich langsam wieder. Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht und bleibe vor einem Pub stehen. Einige Leute stehen davor und scheinen mächtig Spaß zu haben. Spaß haben. Ich kann mich nicht erinnern wann ich zuletzt Spaß hatte. Kurz zögere ich, gehe dann aber hinein. Nachhause will ich nicht, ich möchte einfach nur für ein paar Minuten vergessen was gerade passiert ist. Vergessen. Das wird nicht funktionieren. Wie auch? Im Pub drängen sich viele junge Leute um die Theke herum. Aufgrund der Tabletten macht mir das auch gar nichts aus. Ich quetsche mich durch und bestelle mir einen doppelten Whisky. Dann noch einen. Ein junger Typ drängelt sich neben mich und bestellt zwei Bier. Zuerst schaut er mich nicht an, dann sieht er plötzlich zu mir und grinst.
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