„Bitte bitte, mit Zucker obendrauf“, sagte Phil.
In diesem Moment schlängelte sich ein Motorrad an ihnen vorbei, welches prompt eine Fehlzündung hatte. Der Knall war Mark und Bein erschütternd laut. Die Scheiben des Rettungswagens vibrierten. Die Plastikplane, die dem Golf als Rückfenster diente, flatterte.
Phill schnappte sich den kleinen fetten Mann und sprang zur Seite: „DECKUNG!“, rief er.
Und schon liefen in seinem Kopf die Bilder ab. Er war zurück im Irak mit seiner Einheit der Bundeswehr. Damals hatte er sich von seinen Kameraden entfernt, weil er pinkeln wollte. Phill hatte nur kurz an eine Tür geklopft, um die Benutzung der Bedürfnisanstalt zu erfragen. Und wer hatte geöffnet? Ein Terrorist! Er hatte ihn sofort erkannt. Ein Typ mit langem Bart, einer AK47 in der Hand und einem T-Shirt mit dem Symbol des IS.
Ein Massaker brach los.
Das Haus war voll gewesen von Terroristen und Phill tötete jeden einzelnen von ihnen. Zwischendurch machte er nur kurz halt, um zu urinieren. Schloss natürlich dabei die Tür ab, damit niemand ihn störte oder etwas wegguckte. Die letzten drei bösen Terroristen musste er mit seinem Messer erledigen, da die wunderbare Waffe, welche ihm zur Verfügung gestellt worden war, keine Kugeln mehr hatte.
Er selbst sah sich als Held, wie er auf dem Dach stand in Blut und Gedärmen getöteter IS-Terroristen. Clint Eastwood würde einen Film über ihn drehen. Man würde ihm einen Orden verleihen und eine Backware nach ihm benennen.
Doch die oberste Heeresleitung der Bundeswehr sah das etwas anders. Und wie sich später herausstellte, waren auch nicht alle im Haus Terroristen gewesen, aber egal.
Er wurde strafversetzt.
Von der Bundeswehr ins Forstamt von Berlin. Der einzige Wald der Welt, in dem mehr Betrunkene und Junkies unterwegs waren als Hirsche und Wildschweine. Man entriss ihm seinen Revolver und sein Maschinengewehr, zwang ihn, seine Uniform abzugeben, und verfrachtete ihn in ein Jankerl mit Sauer XT. Einem Jagdgewehr. Nur eine blöde Patrone konnte das Ding verschießen, dann musste er an irgendeinem Hebel ziehen.
An den Dackel hatte er sich bis heute nicht gewöhnt.
In seiner Freizeit arbeitete er als Rettungssanitäter. Der Grund war tiefgründig: Phill hatte schon immer wissen wollen, wie es sich anfühlte, wenn jemand starb, für dessen Tod man nicht persönlich verantwortlich war.
„HALLO?“, schrie es aus seiner Hosentasche.
Der kleine fette Mann krabbelte von ihm herunter, um sich ein frisches Hemd aus seinem Kofferraum zu holen.
„Werden Sie mir helfen?“, fragte Phill.
„Jaja, geht schon klar“, sagte der kleine fette Mann.
Gemeinsam schoben sie den Fiat 500 gegen die Wand und zerquetschten ihn, so gut es ging. Phill parkte ein und die wartende Karawane wütender Berliner (ein wirklich geduldiges Volk) zog Kohl und Bierdosen werfend an dem Rettungswagen vorbei. Der Letzte verewigte sich sogar mit einem Graffiti auf der Seite des Rettungswagens, das lautete: EIN-BAHN-STRA-ßE! Auch Silben trennen konnten sie, die Berliner. Ein Volk so vielschichtig wie ein Marmorkuchen.
Phill war froh, dass die Sache zumindest einmal unblutig ausgegangen war, und schlenderte Richtung Haus der Patientin.
Ach und neben der alten Frau lag übrigens auch noch ein Baby im Sterben, das lustigerweise der alten Frau gehörte. Das diente zwar nur dazu, Ihnen vorzugaukeln, es gäbe noch groß was herauszufinden, was ja auch so ist, aber lesen Sie bitte trotzdem noch ein Kapitel, anstatt ins Bett zu gehen oder endlich mit dem Hund rauszugehen, dem das Pippi schon zu den Augen rauskommt. Auch Ihre Kinder und deren Essen kann noch warten (sind doch eh zu dick, oder?). Es ist gerade so schön spannend. Oder etwa nicht? Sollte ich erwähnen, dass der Atem des besagten Babys rasselte wie eine kaputte Heizung? Es möchte eines Tages Tierarzt werden, hatte pfirsichweiche zarte Haut und würde nie und nimmer seine eigene Mutter töten, sobald es alt genug war, um ein Messer zu halten. Oder etwa doch?
Würde Amra das Baby ohne Phill retten können? Schaffte es Phill mit seiner gemütlichen Gangart noch ins Haus, damit die alte Frau ihm ein Sahnebonbon anbieten konnte, bevor sie starb? Bereuen Sie jetzt schon, dieses Buch gekauft zu haben?
Bleiben Sie dran.
Gleich geht es weiter!
3.
7 Stunden 59 Minuten und 12 … 13 … 14 Sekunden später
„Du wirst es dir ansehen“, sagte die Stimme aus dem Dunkeln.
Phill saß in seinem Bürostuhl im Keller und starrte bis gerade eben noch auf seinen Laptop-Bildschirm.
Er war vertieft in idiotische Nachrichtenartikeln mit Schlagzeilen wie: „Frau geht aufs Klo, was dann passiert, werdet ihr nicht glauben“ oder „Mann mit Kind auf Spielplatz erwischt“. Klickte man auf die dummen Dinger, ging es um eine Frau beim Stuhlgang oder einen Vater, der sein Kind auf der Schaukel anschubste. Jegliche Form von ernstem Journalismus im Internet war längst ausgestorben und zu Sensationslockfallen verrottet. Ein Video ohne Brüste im Vorschaubild brauchte schon den Segen mehrerer Götter und des Weihnachtsmanns, um Klicks zu erhalten.
Plötzlich war sie hinter ihm.
Diese Stimme, die aus dem Nichts zu kommen schien. Sie säuselte und flüsterte. Zu leise, damit verständlich war, was sie wollte, und zu laut, um sie zu ignorieren.
Und Phill wusste, wenn er sich jetzt umdrehte, würde ihn irgendetwas angreifen.
Ein kalter Schweißtropfen rann ihm den Nacken hinunter und erinnerte ihn daran, ja, es war mal wieder Zeit zu duschen.
Die Temperatur im Raum schien eisig kalt und der Geruch leicht modrig. Es war fast so, als würden Bücher, die lange im Keller lagerten, einen merkwürdigen Geruch annehmen. Phill fragte sich: Warum habe ich diesen dicken Pullover angezogen, wenn ich ihn eh nur voll schwitze?
Mit einem Satz drehte er sich herum, sprang aus dem Stuhl und schlug dem auf ihn zurennenden Angreifer direkt ins Gesicht.
„AUA“, schrie sein Sohn Klax und ging hart zu Boden.
„Oh Analgulasch …“, fluchte Phill und kniete sich zu seinem Sohn nieder, „das war ein Reflex. Tut mir furchtbar leid, Klax.“
„Du hast gesagt, man soll nicht Scheiße sagen.“
„Außer wenn ich dir direkt in die Fresse schlage, dann ist das erlaubt. Außerdem war es ein Synonym.“
„Okay“, murmelte Klax und hielt sich die Nase. Blut begann daraus zu fließen und tropfte auf den Schlafanzug seines Sohnes.
„Ach komm, blute hier doch nicht alles voll“, sagte Phill und versuchte, das Blut mit einem gebrauchten Taschentuch aufzuwischen, „ich hab echt schon genug andere Sorgen.“
„Tut mir leid, Papa“, sagte Klax nasal.
„Na, da kannst du ja nichts dafür. Auch wenn du dich nicht so hättest anschleichen sollen.“
„Anschleichen?“, fragte er, „ich hab laut gerufen und bin auf dich zugerannt. Soll ich vielleicht noch auf einen Topf einschlagen?“
„Guter Punkt“, sagte Phill. „Tut mir leid, ich bin leicht zu erschrecken. Na, was wolltest du mir denn zeigen?“
„Habs vergessen. Muss es holen.“
Sein Sohn trottete schlaksig davon. Phill ließ den Kopf hängen, immer noch in den Knien, und stand auf. Plötzlich erschien seine dicke osteuropäische Frau Olga im Türrahmen. Einst eine bildhübsche Frau, wie man sie sonst nur erträumen konnte, doch nach zwei Kindern, Jahren der Ehe und das Leben mit einem Mann, der für weniger zu gebrauchen war als ein Römertopf, hatte sie sich zu einer dicken und frustrierten Frau gemausert, deren Verdruss und Enttäuschung sich in ihrem Körperbild manifestiert hatten.
„Ich habe gesehen, Kind hat blutende Nase“, sagte sie in einwandfreiem Duden-Deutsch.
„War ein Unfall.“
„Unfall, ja? Letztens hast du unsere Tochter beim Ballett abgesetzt und bist davongefahren.“
„Ich dachte, man macht das so, wenn die Kinder ihren Hobbys nachgehen? Hinfahren, abholen und dafür bezahlen oder … äh … sie fördern oder wie das heißt.“
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