Einige Minuten später, er und Helene wollten sich gerade verabschieden, klingelte das Telefon der Roths und lautstark drangen verschiedene Stimmen durch die Leitung.
„Hallo!“, rief Ferdinand, um sich Gehör zu verschaffen. „Wer ist dran?“
„Ja siehst de des dann net? Isch hoab gedacht‘, dass des uf dene neumodische Telefone zu sehe is, wer do jetzt orifft.“
„Sepp, bist du es?“
„Aja, klar. Jetzt loss doch emol doi Griffel do weg.“
„Was?“
„Noa, net du, Ferdi. Isch moan die zwaa annern, den Schorsch und die Gundel. Dauernd misse die uf dene Taste von dem Ding rumdricke, wo mer des Telefon drufflescht. Deshalb muss isch unbedingt emol mit dem Herbert redde. Der is doch bei euch, odder?“
„Ja, Helene und Herbert sind gerade bei uns.“
„Siehst de, isch hab’s doch gesacht, dass die beim Ferdi und der Bettina sin“, quiekte Schorsch im Hintergrund.
„Sepp, was gibt’s“, fragte Herbert. Er hatte Ferdinand, der irritiert auf den Hörer starrte, diesen aus der Hand genommen. „Warum brüllst du so, dass einem die Ohrn abfalle?“
„Das liegt an dem neuen Telefon, das der Sepp bekommen hat. Er kann‘s aber nicht bedienen“, dröhnte Gundels Stimme.
„Nadirlich kann isch des bediene“, brüllte Sepp zurück. „Isch bin ja net bleed. Ihr habt nur alles verstellt und jetzt kann jeder heern, was isch redd, so laut is des. Kannst de net emol schnell vorbeikomme? Du kennst disch doch aus, in dem neumodische Zeusch.“
Aufgrund des hohlen Echos war Herbert schon klar, um welches Problem es sich handeln könnte.
„Ich komm‘ gleich. Aber tut mir ein Gefalle … bringt euch bis dahin net gegeseitig um, gell.“
„Soweit ich des verstande hab, hat der Sepp ein neues Festnetztelefon bekomme“, erklärte er den anderen „und des auf Lautsprechen gestellt und jetzt kriegt er des net mehr rückgängig gemacht.“
Herbert schüttelte seinen Kopf. „Mit dem erlebt mer jeden Tag was Neues. Heut Vormittag hab ich ihn doch zu seiner Wassergymnastik gefahrn und ...“
„Ach ja“, unterbrach Helene. „Du wolltest mir etwas erzählen, als du nach Hause kamst. Was hat er denn jetzt schon wieder angestellt?“
Herbert schnaufte und fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht. „Ihr wisst doch, dass der Sepp ständig auf seinem neue Seniorenhandy rumdaddelt?“
Helene, Bettina und Ferdinand nickten.
„Kaum, dass er im Auto gesesse is, fummelte er schon in seiner Hosetasch nach dem Handy. Des konnt er natürlich net greife, weil er ja schon angeschnallt war. Also, hab ich den Gurt nochmal aufgemacht und als er des Ding endlich in de Finger hatte, wieder angeschnallt. Dann hat er mich während der ganz‘ Fahrt gelöchert, dass er jetzt unbedingt seinen Enkel, den Leon, anrufe müsste. Ich hab ihm klargemacht, dass der Leon jetzt ganz bestimmt net ans Telefon gehe kann, weil er um die Zeit in der Schul is. Des hat er dann wohl eingesehe. Jedenfalls war erst mal Ruh‘. Aber, in der Umkleidekabine im Krankehaus hat er wieder damit angefange.“
„Warst du mit drin, in der Kabine?“, fragte Helene beunruhigt.
„Um Gottes Wille, nein. Ich hab nur des Gepiepse gehört und wie er rumgebrummelt hat. Ich bin dann raus, in den Garte. Aber auf einmal war in der Schwimmhalle plötzlich de Teufel los.
Der Sepp hat rumgebrüllt – moi Handy, moi Handy und irgendwas mit verklage hab‘ ich verstande. Erst als die junge Frau, die die Wassergymnastik leitet, aufgeregt auf mich zu gerannt kam und mir erzählte, dass des Handy von Herrn Richter in den Pool gefallen sei, hab ich die ganz Aufregung verstande.“
„Und, bist du nach Sepps Telefon getaucht?“, neckte Ferdinand, mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
„Ja, bist de noch ganz gescheit? Da muss der Sepp schön warte, bis die des Wasser wieder ablasse. Aber kaputt is des allemal. Is er aber selber dran schuld. Was muss der Depp des Telefon auch mit zur Wassergymnastik nehme.“
Herbert schnaufte laut. „Je älter der werd, desto schlimmer werd‘s mit dem. Ich kann die Elfi immer besser verstehe.“
„Hallo Martin“, grüßte Nicole den Leiter der Rechtsmedizin. Seinen Kollegen, darunter auch Victor Laskovic, nickte sie zu.
Harald hob die Hand zum Gruß.
„Die Staatsanwaltschaft lässt mal wieder auf sich warten“, sagte Dr. Lindner mit einem Stirnrunzeln in Richtung der großen Uhr an der Wand über dem Eingang. „Ich würde vorschlagen, wir fangen schon mal an. Ich habe mittlerweile noch zwei weitere Kunden, die meine Aufmerksamkeit wollen.“
Er zeigte zum Nebenraum mit den Kälteboxen. Dann schaltete er das Aufnahmegerät ein und schlug die Plane zur Hälfte über dem Toten zurück, der vor ihnen auf dem kalten Stahltisch lag.
„Es handelt sich um einen etwa 70 Jahre alten Mann, mit einer Körpergröße von 1 Meter 70 bei einem Gewicht von 82 Kg. Der Leichnam ist in einem, für sein Alter, guten Allgemeinzustand. Der Tod trat zwischen 17 und 20 Uhr am Dienstagabend ein. Wegen fehlender Personalien wurde eine Identifizierung anhand des Zahnapparates angeordnet.
Der Mann war, bis auf die Schuhe, mit einer Frauentracht bekleidet, inklusiv Perücke. Bei der Schminke handelt es sich um Theaterschminke. Die Farbe auf den Lippen des Toten passt farblich zu dem von Frau Wegener aufgefunden Lippenstift.“ Dr. Lindner lächelte Nicole kurz zu. „Eine DNS-Analyse ist veranlasst.“
Durch ein Kopfnicken gab er seinem Kollegen, Viktor Laskovic zu verstehen, mit der Leichenöffnung zu beginnen und Nicole und Harald atmeten gleichzeitig noch einmal tief durch. Es half ja nichts. Mindestens ein ermittelnder Beamter musste der Obduktion beiwohnen; so lautete die Vorschrift.
Viktor Laskovic hatte den sogenannten Ypsilon-Schnitt noch nicht ganz ausgeführt, da stürmte ein circa 30-jähriger Mann, in einem feinen Zwirn, wie Harald sofort mit Kennerblick feststellte, durch die Tür.
„Guten Tag. Entschuldigung die Verspätung. Ich bin der Neue, eh ... ich meine der neue Staatsanwalt. Felix Heller, mein Name. Ich komme in Vertretung von Staatsanwalt Falk von Lindenstein. Er ist leider verhindert.“
Und ein Abbild von Lindensteins , ging es Harald durch den Kopf. Nur jünger.
„Warum tragen Sie keinen Schutzanzug?“, wurde er vom Doc angeblafft. „Sofort raus mit Ihnen.“
Erschrocken schaute der Mann in die Runde.
„Harald Weinert“, stellte Harald sich vor. „Meine Kollegin Nicole Wegener vom K11 in Offenbach. Kommen Sie mit.“
Der Kriminalhauptkommissar führte Felix Heller auf den Flur, wo er auf ein Regal zeigte, in dem weiße Schutzanzüge lagerten. „In der Beziehung versteht der Doc keinen Spaß.“
Wieder zurück im Sektionsraum, wurde der junge Staatsanwalt einem Ganzkörperscan seitens des Rechtsmediziners unterzogen und, als dieser zu dessen Zufriedenheit ausfiel, an den Sektionstisch gewunken.
„Das sind Dr. Martin Lindner, Leiter der Gerichtsmedizin und sein Kollege, Dr. Viktor Laskovic“, setzte Harald die Vorstellung der Anwesenden fort. „Unser Vorgesetzter, Dr. Ludwig Lechner, lässt sich ebenfalls, wegen dringender Termine, entschuldigen.“
„Ich habe schon gehört, dass Herr von Lindenstein Unterstützung erhalten soll“, äußerte Nicole lächelnd. „Ich hätte nur nicht gedacht, dass er Sie gleich ins kalte Wasser werfen würde.“
„Na dann wollen wir mal keine Zeit mehr verlieren“, beendete Viktor Laskovic die Plauderei und setzte erneut das Skalpell an.
Nach und nach entnahm er dem Toten die Organe, legte sie auf eine Waage und dokumentierte seine Arbeit mit den entsprechenden Informationen. Währenddessen richtete der Doc seine Aufmerksamkeit dem Schädel des Verstorbenen zu.
Besonders glücklich sah Felix Heller nicht gerade aus, auch wenn die Bedeutung seines Vornamens etwas anderes aussagte. Die Kriminalbeamten ahnten, was gleich passieren würde … und sollten recht behalten.
Читать дальше