Nach dem Einsetzen der elektrischen Säge nahm das Gesicht des Staatsanwalts eine ungesunde Blässe an, dann wurde er leichenblass, im wahrsten Sinne des Wortes.
„Raus!“, dröhnte die Stimme des Doc durch den Raum. „Ich will hier keine Verunreinigung meines Arbeitsplatzes.“
Felix Heller drehte sich auf dem Absatz um, eine Hand auf seinen Mund gepresst und eilte noch schneller hinaus, als er vor einigen Minuten hereingestürmt war.
„Mann, Mann, Mann, was ist mit der heutigen Jugend los?“, brummte der Doc verärgert.
Eine knappe Stunde später verließen die Kriminalkommissare die Sektionsräume. Auf dem Weg zu ihrem Fahrzeug atmeten sie erst einmal durch.
Die Luft an der dicht befahrenen Straße in der Kennedyallee war zwar auch nicht die beste, aber belebender, als die formaldehydgeschwängerte im Keller der Rechtsmedizin.
Felix Heller, noch immer einen Grünstich im Gesicht, lehnte an seinem schwarzen Audi A4 Sportline.
Wie kann sich ein so junger Staatsdiener einen solchen Wagen leisten, fragte sich Nicole stirnrunzelnd.
Als hätte Felix Heller ihre Gedanken gelesen, sagte er: „War ein Geschenk von meinem Vater; sozusagen zum Karrierestart. Den habe ich jetzt aber mächtig vermasselt.“ Er lachte gequält.
„Es tut mir leid, dass ich mich derart blöd benommen habe. Das war ganz und gar unprofessionell. Ich hoffe, es bleibt bei diesem einen Ausrutscher. Ansonsten werde ich den Beruf wechseln müssen.“
„Sie haben es erfasst“, erwiderte Harald auch sogleich. Setzte aber sofort nach. „War nur Spaß. Ist jedem von uns am Anfang so gegangen.“
„Dennoch war es fies von Herrn von Lindenstein“, sagte Nicole. „Ich werde mal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden müssen.“
„Oh, bitte nicht.“ Felix Heller hob abwehrend beide Arme. „Womöglich informiert Herr von Lindenstein geradewegs meinen Vater und das möchte ich ganz und gar nicht.“
Sein beinahe flehender Blick richtete sich auf die Kriminalbeamten.
„Dann mache ich Ihnen ein Angebot, das Sie nicht ablehnen können“, erwiderte Nicole.
Die unausgesprochene Frage – was kommt jetzt? – stand Felix Heller im Gesicht geschrieben, während Harald innerlich grinste.
„Ich könnte einen starken Kaffee vertragen und Sie laden uns dazu ein, Herr Heller. Ich kenne ein nettes Café, ganz in der Nähe. Dabei informieren wir Sie darüber was die Obduktion ergeben hat. So erfährt niemand von Ihrem ... Ausrutscher.“
Felix Heller sah auf seine Armbanduhr, eine Rolex der oberen Preisklasse. „15 Uhr 55“, murmelte er und nickte. „Das lässt sich machen. Aber nur unter der Bedingung, dass ein Cappuccino nicht als Bestechung ausgelegt wird?“
Die Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt und er lächelte unbeholfen.
„Jetzt hat er kapiert, wie der Hase hier läuft“, sagte Harald lächelnd. „Ich rufe nur noch schnell Lars an.“ Er entfernte sich einige Schritte.
Wenig später unterbrach er, die allem Anschein nach, angeregte Unterhaltung zwischen Nicole und Heller.
„Es gibt Neuigkeiten. Wir haben eine Zeugin, Berta Zöller, 84 Jahre. Sie sah gestern Nacht ein Auto auf dem Parkplatz, oberhalb des Fundortes unserer Leiche. Fahrzeugtyp und Nummernschild konnte die Frau zwar nicht erkennen, nur dass der Wagen beigefarben war. Sie meinte, es handelte sich um ein älteres Modell. Ihrer Beschreibung nach könnte es ein Citroën gewesen sein; ist aber nur eine Vermutung von mir. Zudem sagte die Dame aus, dass ein dunkel gekleideter Mann etwas „Langes“, genauso drückte sie sich aus, aus dem Kofferraum herausgehoben hätte und damit die Treppe neben dem Turm runtergegangen sei. Was das war, konnte sie aber auch nicht sehen. Der geöffnete Kofferraumdeckel versperrte ihr die Sicht.“
„Um welche Uhrzeit?“, fragte Nicole knapp.
„Soll um etwa 23 Uhr 30 gewesen sein.“
„Könnte zeitlich hinkommen. Setze dich doch bitte gleich mit Josef Maier in Verbindung. Er möchte heute Abend nochmals die Anwohner befragen lassen, die heute Morgen nicht anzutreffen waren.“
„Ok.“ Harald betätigte eine Kurzwahltaste seines Handys.
Als Herbert an diesem Tag erneut am Haus von Sepp ankam, hörte er schon auf dem Weg zur Haustür eine lautstarke Auseinandersetzung. Hauptsächlich vernahm er Elfis Stimme, die zwischen Wut und den Tränen nahe hin und her schwang. Sie schien mit ihren Nerven am Ende.
Durch das immer offene Gartentor eilte Herbert zur Terrasse und betrat die Küche durch die Terrassentür.
„Tach“, sagte er kurz. „Mein Gott, was is en hier los? Mer hört euch ja bis zum Marktplatz.“
Sepp saß am Küchentisch und schaute mit hochrotem Kopf auf. Auf seinem Gesicht zeigten sich Scham aber auch Trotz. Elfi stand zitternd, ebenfalls mit rot glühenden Wangen, vor ihm.
„Gut, dass du kommst. Ich weiß nicht mehr weiter.“
Zur Unterstreichung ihrer Hilflosigkeit schwang sie die Arme in die Luft.
„Was is en los? Ich wollt eigentlich nur ...“
„Heute Morgen verliert er sein Handy“, fiel Elfi Herbert ins Wort, „und dann das.“
Er folgte ihrer Kopfbewegung zu der zerstörten Telefonstation, die Sepp krampfartig in seinen Händen hielt, als wolle er sie nie mehr wieder loslassen.
„Es wird jeden Tag schlimmer. Keine Minute kann man ihn alleine lassen, ohne dass er Unsinn macht.“
„Is mir halt runnergefalle“, brummelte Sepp Richter vor sich hin und senkte wieder seinen Kopf. „Kann doch mal passiern. Isch wollt des ja aach widder zusammeklewe.“
Elfi schnaufte. „Aber doch nicht mit Sekundenkleber! Bist du von allen guten Geistern verlassen?“
„Was?“, rief Herbert, gleichermaßen fassungslos. „Du hast des Telefon mit Sekundekleber zusammeklebe wolle?“
„Hot ja aach geklappt. Nur moi Finger babbe do jetzt aach dro“, antwortete Sepp kleinlaut.
„Ich habe den Notarzt verständigt“, seufzte seine Tochter. „Die müssten jeden Moment eintreffen. Ich wollte nicht so mit dem Vadder vor die Tür, wegen der Nachbarschaft.“
Herbert wusste genau, wer mit Nachbarschaft gemeint war, vermutete aber, dass ein Krankenwagen, direkt vor dem Haus, die Gleiche die Aufmerksamkeit erregen würde.
In diesem Augenblick klingelte es und Elfi eilte an die Haustür. Nach einem kurzen Stimmengemurmel betraten zwei stämmige Sanitäter die Küche.
„Guten Tag Herr Richter. Na, dann wollen wir mal“, äußerte der Kleinere.
„Auch wenn Sie sehr an Ihrem Telefon hängen“, sagte der andere. „Jetzt müssen Sie loslassen. Wir gehen auch ganz behutsam vor. Tut kaum weh.“
Erschrocken sah Sepp zu den beiden auf. Den Blick würde Herbert so schnell nicht wieder vergessen und Sepp, so hoffte er, nicht die Angst, die ihm im Gesicht abzulesen war.
Nach einer Viertelstunde und etlichen Schweißperlen auf Sepps Stirn war die Prozedur überstanden.
„So, Herr Richter. Jetzt haben Sie es geschafft. Hat doch gar nicht wehgetan, oder?“, äußerte der Größere.
Ohne eine Antwort von Sepp abzuwarten fuhr er fort: „Die Verbände sollten Sie aber in spätestens zwei Tagen erneuern lassen. Am besten Sie kommen zu uns ins Krankenhaus. Dann haben wir vielleicht auch ihr Handy aus dem Pool gefischt. Allerdings mit der Wassergymnastik wird das die nächsten Tage nichts.“
„Des muss aach net soi“, brummelte Sepp und seine Tochter begleitete die Sanitäter hinaus.
„Du hast ihr net erzählt, dass des mit dem Telefon die andere zwei warn?“, fragte Herbert.
„So wie die druff is, tät die dene bestimmt Hausverbot erteile. Und du sechst aach nix. Dass mer uns do verstehe!“
„Schön, dass ihr euch wenigstens versteht“, sagte Elfi, zurück in der Küche. Zum gefühlten zehnten Mal seufzte sie. „Ich verstehe nichts mehr, und will auch nichts mehr verstehe. Zum Glück kommt der Leon so in einer Stunde. Der Bub ist mit seinen 12 Jahren wesentlich vernünftiger, als du mit deinen 92.“
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