Haare ausspülen, föhnen, stylen ... Und wieder verließ eine strahlende Kundin meinen Salon. Ich räumte den Föhn weg, fegte die Haare zusammen und warf die Handtücher in den Wäschekorb.
Für heute war ich fertig, denn es gab nur diesen einen Termin. Dafür hatte ich morgen drei. Ich würde also einkaufen fahren. Gulasch hatte sich Jens gewünscht. In letzter Zeit tat ich alles, um ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen.
Denn obwohl er immer gute Laune hatte, Sex hatten wir nun keinen mehr. Vielleicht lag es an der Midlife Crisis? An mir nicht. Ich hatte in meinem Leben noch nie so gut ausgesehen. In meinem Kleiderschrank hingen nur noch schöne Sachen, taillierte Blusen und Jacken, enge Hosen, kurze Shirts, die den Hintern nicht verbargen. Mein Make-up war immer makellos. Aber vielleicht hatte er das gar nicht bemerkt.
Er sah mich ja kaum noch an.
„Eigentlich ist es viel zu heiß für solche Spielchen“, sagte Jörg und nahm einen tiefen Zug aus seiner Wasserflasche. Ich murmelte „hm“ und schloss wieder die Augen.
„Hey, schlaf mir jetzt nicht ein. Du musst gleich wieder zur Arbeit“, mahnte er und rüttelte mich sanft an der Schulter.
„Ja, ist ja schon gut.“
Ich zog mich schnell an. Ich hätte eine Dusche gebraucht und würde nur eine Katzenwäsche in der Toilette der Praxis schaffen. Verdammt, verdammt, verdammt!
„Na, da habe ich es ja besser. Der nächste Fahrschüler ist erst um vier dran heute. Dafür ein Anfänger. Die erste Motorradstunde. Hoffentlich fällt er nicht um. Aber das wird er bestimmt. Ist so ein Hänfling. Den könnte ich glatt umpusten. Aber mutig ist er.“
Jörg hatte es in dieser Hinsicht tatsächlich gut. Aber ich hörte den verdeckten Vorwurf: Ich lege meine Fahrstunden extra so, dass ich Zeit für dich habe, und du ...
„Leider ist heute einer von diesen ätzenden, stressigen Tagen. Aber ich mache es wieder gut.“ Ich beugte mich über ihn und sog tief den Duft ein: er, wir, wir beide. Jörg roch immer gut. Er legte viel Wert darauf.
„Ein Fahrlehrer, der nach Knoblauch stinkt, bekommt keine Schüler mehr. Nicht, dass die besser riechen würden. Manchmal hänge ich röchelnd aus dem Fenster. Aber sie entscheiden eben, wo sie ihr Geld ausgeben.“
Oder die Eltern, dachte ich dann. Und an die Ironie, dass es genau das gewesen war, was uns beide zusammengeführt hatte. Amelie wollte den Motorradführerschein machen. Tim war dagegen. Ich auch. Wir einigten uns darauf, dass wir ihr den Autoführerschein bezahlen würden, und zwar komplett, wenn sie dafür auf den „amtlich ausgestellten Totenschein“ verzichten würde, wie Tim es nannte.
Amelie stimmte schmollend zu und nach einer Weile dämmerte uns, dass das raffinierte Biest uns hereingelegt hatte. Denn den Autoführerschein hätte sie ursprünglich selbst bezahlen sollen.
Eines Nachmittags, einem Mittwoch, brachte ich unseren Vorgarten in Ordnung und da fuhren sie vor, Amelie und Jörg. Amelie fuhr zu weit rechts und kam auf dem Bordstein zum Stehen. Es war ja auch erst ihre vierte Fahrstunde.
Sie stieg aus, und ich sah ihren Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz etwas notieren. Er sah auf und stutzte kurz. Dann lächelte er und stieg ebenfalls aus, statt auf den Fahrersitz zu rutschen und kurz die Hand grüßend zu heben und davonzufahren, so wie sonst.
Er stellte sich vor, lobte Amelies Fahrkünste, machte Witzchen.
„Ein entgegenkommender Lkw auf der gleichen Spur schockt mich schon gar nicht mehr, aber eine kräftige Stimme hat Amelie, und schön fluchen kann sie auch. Sehr farbenprächtig. Hat sie wohl vom Vater übernommen?“
„Nein, das ist typisch Mama“, lachte Amelie, während ich verlegen errötete. Aber nicht wegen der Flucherei.
Dazu stand ich. Wenn alle fluchen dürften, wie sie wollten, wären die Menschen viel entspannter.
„Tatsächlich?“, rief Jörg amüsiert aus, „‘du dämlicher Linkswichsfrosch‘ ist von deiner Mutter?“
„Och, das kann ich noch besser“, grinste ich und zog die dreckigen Gartenhandschuhe aus.
„Ach? Sagen Sie auch solche Sachen, wenn Sie jemandem die Vorfahrt nehmen, statt umgekehrt?“, feixte er.
„Der hatte gehupt und ich hab mich erschrocken“, murrte Amelie.
„Toller Reflex, wirklich. Bringt dir aber bei offenem Fenster unter Umständen eine Anzeige ein“, mahnte Jörg.
Ich fühlte mich noch tiefer erröten. Er war eigentlich nicht mein Typ. Blond, schlank, blaue Augen.
Aber Jörg strahlte Autorität aus, Selbstsicherheit. Seine Augen wanderten an mir herauf und wieder herunter, voller Anerkennung. Wann hatte mich das letzte Mal jemand so angesehen? Und dann wehte die leichte, leider viel zu leichte Brise in diesem heißen Sommer seinen markanten Duft herüber, männlich-herb, vermischt mit irgendeinem tollen und teuren Aftershave.
Da wurden mir die Knie schon etwas weich. Ich hörte mich selbst fragen, ob er mit uns noch etwas Kühles trinken wollte.
„Auf der Terrasse ist es überdacht. Sehr angenehm.“
Wer plapperte denn da nur so rum? Ach, das war ja ich.
Er sah bedauernd auf die Uhr.
„Liebend gern. Ich muss aber in fünfzehn Minuten den Nächsten zu seiner Autobahnfahrt abholen. Der wird schon total nervös auf mich warten. Vor der Autobahnfahrt sind sie alle nervös.“
„Ein Grund mehr, sich vorher ein Glas schöne kalte Limonade zu genehmigen. Selbstgemacht.“
Wer drängte denn da diesen unter Zeitdruck stehenden Menschen?
Ach, schon wieder ich.
„Selbstgemacht? Na gut. Da kann ich nicht widerstehen. Ein paar Minuten kann er auch noch warten.“
Jörg holte sein Handy heraus und tippte eine Nachricht, dass er später käme.
„Ist sowieso der Letzte heute. Nach der Autobahnfahrerei bin ich immer ziemlich groggy.“
„Kein Wunder. Autobahnfahrten machen ja heutzutage wirklich keinen Spaß mehr.“
Ich führte ihn um das Haus herum auf unsere schöne Terrasse mit den schwarzen, eleganten Rattanmöbeln und setzte ihn in Tims Sessel, in dem die dicksten Kissen lagen. Es war der bequemste Platz.
Jörg nahm dankend ein großes Glas eisgekühlte Limonade entgegen, die ich heute früh noch schnell zusammengerührt und den ganzen Vormittag im Kühlschrank gelassen hatte.
„Die ist ja lecker. Und nicht zu süß. Genau richtig.“
Er streckte sich im Sessel aus. Ich bewunderte aus dem Augenwinkel die blonden Haare und stahlblauen Augen. Er trug kurze Jeansshorts, leichte Tennisschuhe und ein Achselshirt.
Kein Wunder, wenn man den ganzen Tag bei dieser Hitze im Auto saß. Kräftig war er, nicht bärig wie Tim. Schlank, aber doch mit mehr Muskeln gesegnet als man gemeinhin jemandem zubilligt, der den ganzen Tag im Auto sitzt.
Wahrscheinlich Fitnessstudio, dachte ich.
Wir schwatzten zu dritt über Amelies Fortschritte, die Rücksichtslosigkeit anderer Autofahrer, die lustigen Missgeschicke seiner Fahrschüler und die Sonderfahrten, die Amelie noch machen musste. Auch ihr graute es vor der Autobahn. Und dem Anfahren mit Handbremse.
„Wieso ausgerechnet das?“, fragte Jörg verblüfft.
„Weil mein Mann einmal mit ihr einen steilen Berg hochgefahren ist. Oben war eine Ampel. Beim Anfahren hatte mein Mann aber keinen Gang eingelegt, und als er Gas gab und die Handbremse löste, ging es rückwärts bergab.
Sie hat geschrien und betrachtet sich seitdem als traumatisiert“, grinste ich. Jörg und Amelie lachten.
„Zum Glück war keiner hinter uns“, setzte Amelie hinzu. Während wir so redeten und lachten, teilte mir Jörg ohne ein Wort zu sagen mit, dass er an mir interessiert war. Seine Blicke waren eindeutig, genau wie auch mein Erröten. Es tat so gut, wieder wahrgenommen zu werden.
Wieder als Frau gesehen zu werden. Sei nicht dumm, vermutlich tut er das bei jeder, schimpfte ich mit mir.
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