Martinak hatte ihn nicht ein Mal aus den Augen gelassen und seinen Worten aufmerksam gelauscht.
„Und wie willst du Bolender überzeugen?“
Tucker hob die Schultern.
„Das hängt davon ab, wie er reagiert. Viele Optionen habe ich leider nicht. Eine wäre, die Familie nach Minnesota zu holen.“
„Darauf wird er sich nicht einlassen.“ Martinak schüttelte den Kopf. „Bolender ist ausgesprochen territorial. Und er wird Dierolfs Urenkelin für sich beanspruchen. Schon allein, um ein Druckmittel gegen Bernart zu haben.“
„Ich weiß. Deswegen will ich erst noch an Dierolf herankommen. Du kennst ihn, vermute ich mal.“
Martinak grinste sarkastisch.
„Allerdings, der Bastard ist wie Quecksilber. Wenn du ihn finden willst, wirst du eine Menge Register ziehen müssen. Und da ich bereits schon alle gezogen habe, wüsste ich nicht, welche du noch nutzen könntest.“
„Ich habe seine Tochter“, merkte Tucker sanft an. „Und er hat sich schon gemeldet.“
Der Kriegerwolf starrte ihn überrascht an.
„Er hat was?“
„Er hat bei Hannah auf den Anrufbeantworter gesprochen. Sie hat seine Stimme sofort erkannt.“
„Verdammt.“ Martinak wirkte beeindruckt. „Du weißt, dass Bolender seinen Kopf will?“
„Hm, und du? Wie stehst du zu ihm?“
Martinak verschränkte die Arme und blickte eine Zeitlang zu Boden. Dann sah er wieder auf.
„Wir sind eine Weile zusammen gelaufen. In Polen und von da aus rüber nach Russland und durch die angrenzenden Gebiete. Wir waren ein ziemlich wilder Haufen damals und Dierolf hat mitgehalten – aus purem Trotz.“
„Er ist mit Kriegerwölfen gerannt?“ Tucker schüttelte ungläubig den Kopf. „Wie kam das?“
Martinak grinste.
„Eine Wette. Und dieser zähe Bastard hat gewonnen. Zum Schluss war er zwar ziemlich mitgenommen, aber das hätte er niemals zugegeben. Bist du dir sicher, dass du ihn als Schwiegervater haben willst? Er wird sich von dir nichts sagen lassen. Eher im Gegenteil. Bis jetzt haben sämtliche Leitwölfe, die ich kenne, den Schwanz vor ihm eingezogen. Sogar Bolender. Deswegen hasst Albin ihn aus tiefstem Herzen. Und Dierolf verachtet ihn im Gegenzug genauso sehr. Mach dir den einen zum Freund, dann hast du den anderen automatisch als Feind, mein Wort drauf.“
Tucker schwieg. Es war nicht gerade aufbauend, dass seine eigenen Befürchtungen bestätigt wurden. Er ballte die Faust.
„Ich habe keine Wahl“, meinte er ruhig. „Ich werde mit beiden reden und sehen, was sich daraus ergibt.“
Martinak nickte zustimmend.
„Gut, ich werde dir nicht in die Quere kommen. Aber jetzt möchte ich wissen, was in Minnesota los war. Und zwar alles!“
Das war zu erwarten gewesen. Tucker nickte und begann mit seinem Bericht.
Erkirch, Deutschland
Gegen Mittag fing Hannah an, sich zu langweilen. Wulf und Susi bereiteten in der Küche das Mittagessen zu und Elisa lag inzwischen im Kinderbettchen und schlief ihren seligen Babyschlaf. Eine Zeitlang hatte Hannah sie im Schlaf betrachtet und sich vorgestellt, wie es sein würde, einen Welpen groß zu ziehen. Aber es fiel ihr sehr schwer, zumal noch völlig unklar war, ob sie alle die nächsten Tage heil überstehen würden.
Irgendwann verließ sie leise das Kinderzimmer und trat an die Terrassentür. Es war kein schönes Wetter. Der Oktober war genauso kalt und ungemütlich, wie er sein sollte. Leichter Nieselregen fiel vom grauen Himmel und ließ es kälter erscheinen, als es tatsächlich war.
Trotzdem, sie brauchte frische Luft. Also warf sie sich ihre Jacke über und betrat den Garten. Er wirkte etwas trostlos und die Erde war matschig.
Kurz zögerte sie. Susi würde mit Sicherheit und zu Recht schimpfen, wenn sie ihre Schuhe mit Gartenerde verschmierte. Ein leiser Pfiff ließ sie hochsehen.
Ihr Mund klappte vor Verblüffung herunter.
Dort hinterm Zaun stand Bernart Dierolf! Ihr Vater.
Genau so, wie sie ihn in Erinnerung hatte.
Ihre Erstarrung währte nur kurz. Automatisch setzte sie sich in Bewegung und wurde immer schneller. Der niedrige Gartenzaun war kein Hindernis. Sie flog ihm in die Arme, wie sie es schon immer getan hatte.
Bernart Dierolf umschlang sie und presste sie an sich.
„Mein Mädchen“, murmelte er in ihre Haare. „Komm. Wir verschwinden von hier.“
Hannah hob den Kopf.
„Pa, du musst ...“
„Nicht jetzt. Wir müssen fort von hier.“
„Aber ...“
„Hannah!“ Leroys Stimme drang durch den Regen. Er rannte außerhalb des Gartens um den Zaun herum auf sie zu.
Dierolf packte Hannah am Arm und rannte los.
„Lauf!“
Sein Befehl war so bindend, dass Hannahs Beine sich sofort in Bewegung setzten. Ein kurzer Blick nach hinten zeigte ihr Leroy, der mit verkniffenem Gesicht hinterherkam.
„Verdammt, Hannah“, brüllte er. „Bleib stehen!“
Dierolfs Griff an ihrem Arm wurde fester.
„Renn!“, befahl er grimmig. „Er hat kein Recht, dir Befehle zu erteilen.“
„Er ist ein Freund“, keuchte Hannah.
„Darüber reden wir gleich. Jetzt rennst du.“
Leroy war schnell, und zwar deutlich schneller als Hannah. Bevor er die beiden Fliehenden erreichte, blieb Dierolf unvermittelt stehen, und wendete sich ihm zu.
Hannah torkelte unkontrolliert weiter, als er sie plötzlich losließ. Die Männer krachten zusammen, doch Dierolf war darauf vorbereitet und erwischte Leroy mit der Faust im Magen. Der Wolf sackte mit einem Ächzen in die Knie und erhielt einen Hieb im Nacken, der ihn vollends niederstreckte.
Hannah schrie erschrocken auf.
„Leroy!“
Ihr Schrei brach ab, als Dierolf sie am Arm packte und vorwärts zerrte.
„Er wird es überleben“, knurrte er und rannte wieder los.
Es dauerte nur kurze Zeit, bis sie seinen Wagen erreichten.
Dierolf riss die Wagentür auf und schob Hannah hinein. Dann sprang er ohne Verzug über die Kühlerhaube und setzte sich ans Steuer. Kaum war er angefahren, da torkelte Leroy mit wutverzerrtem Gesicht hinter ihnen auf die Fahrbahn. Bernart Dierolf gab Gas und ließ den angeschlagenen Wolf hinter sich stehen.
Hannah sah besorgt zu Leroy zurück, der die Hand noch auf den Bauch gepresst hielt und dem Wagen mit geballter Faust hinterher sah.
Stützpunkt der Europe-Security, Deutschland
Als Tuckers Handy klingelte, runzelte er die Stirn, doch Martinak nickte nur, so dass er einen Blick aufs Display warf. Leroy.
Er nahm das Gespräch an. Eine keuchende Stimme drang an sein Ohr.
„Dierolf. Er hat Hannah.“ Ein Husten ließ Leroy nach Luft ringen. „Die zwei sind mit ‘nem Wagen weg. Ich –“, wieder musste er husten. „Tut mir leid, Boss, der Mistkerl hat mich echt ausgeknockt.“
Tucker schloss die Augen und murmelte einen leisen Fluch.
„Geh zurück“, befahl er. „Und pass auf ihren Sohn auf. Erklär ihm aber noch nichts und warte, bis ich da bin.“
Dann blickte er zu Martinak, dem kein Wort entgangen war.
„Ich muss zurück.“
Der Chief nickte.
„Das geht in Ordnung. - Bist du dir sicher, dass Hannah Riemann auf deiner Seite steht und nicht auf der von Bernart Dierolf?“
Tucker O’Brian holte tief Luft.
„Vor allem steht sie auf der Seite ihrer Kinder. Sie wird alles dafür tun, dass Dierolf mit mir reden wird. Da bin ich mir sicher. Wenn ihren Kindern etwas passiert, – dann werde ich sie verlieren. An wen auch immer.“
„Hm, wollen wir hoffen, dass Dierolf sich überreden lässt. Eine Frage wirst du mir noch beantworten müssen. Du weißt von dem Kriegerwolf, den mir Bryan geschickt hat?“
„Er hat ihn erwähnt“, antwortete Tucker vorsichtig.
„Du kennst ihn?“
„Cathal? Nicht besonders gut. Er ist ein Einzelgänger und nicht sehr gesprächig. Er war bei dem Trupp, der Hannah gerettet hat.“
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