Normalerweise stieg sie aus, setzte sich in den Zug und fuhr direkt nach Hause.
Dieses Mal wurde sie erwartet.
Nun ja, Tucker wurde erwartet, korrigierte sie sich und betrachtete die zwei Männer, die sich vor ihnen aufbauten.
Grüne Augen, kräftige Statur und unfreundlicher Gesichtsausdruck: eindeutig Wolf.
Hannah war müde. Elf Stunden Flug lagen hinter ihr, von der anstrengenden Nacht ganz zu schweigen, doch die Blicke der Männer ließen sie wieder hellwach werden.
Sie war froh, dass sie zwischen Tucker und Leroy stand, die von dem Empfang völlig unbeeindruckt wirkten. Bei Tucker wunderte sie das nicht. Immerhin war er Leitwolf eines Rudels und ließ sich selbst von Kriegerwölfen nicht aus der Ruhe bringen. Leroy Carr, Tuckers dritter Mann im Rudel, blieb zu Hannahs Zufriedenheit ebenfalls absolut cool. Offensichtlich gehörte diese Masche zum Standard. Macho-Gehabe.
Sie konnte gerade noch ein amüsiertes Schnaufen unterdrücken. Stattdessen schob sie sich näher an Tucker heran, der sofort seinen Arm um sie legte. Dann nickte er den Männern zu.
„Mit wem habe ich das Vergnügen?“
Die beiden sahen sich kurz an. Sie wirkten überrumpelt. Hannah überlegte, ob sie überrascht waren, dass sie nach ihrem Namen gefragt wurden, oder dass Tucker auf Deutsch redete.
„Ich bin Thomas Burger und das ist Andreas Reinier“, antwortete einer der beiden schließlich. „Der Boss erwartet dich.“
Wieder nickte Tucker.
„Gut, dann sollten wir uns beeilen. Wir sind müde und wollen möglichst schnell die Formalitäten hinter uns bringen.“
Es war eine Stunde Fahrt, die Hannah beinahe wieder einschlafen ließ. Sie saßen zu dritt hinten in einem großen Van und Hannah genoss es, sich an ihren Wolf zu kuscheln.
Bisher wirkte alles friedlich, doch Tucker hatte sie gewarnt. Sie hatte seine Anweisungen noch sehr genau im Ohr.
„Du wirst dich Bolender nur nähern, wenn es nicht anders geht. Vielleicht können wir dich noch von ihm fernhalten, so dass ihm die Ähnlichkeit zu deinem Vater nicht auffällt.“
„Aber er hat sich doch bestimmt schon Bilder von mir angeguckt“, hatte sie eingewendet.
„Vielleicht, aber Bilder sind nicht so aussagekräftig wie deine Person. Er kennt Dierolf und mit Sicherheit wird ihm die Ähnlichkeit auffallen. Vielleicht erkennt er sogar den Familiengeruch. Das sollten wir so lange wie möglich hinauszögern.“
Fragte sich nur, wie sie das bewerkstelligen konnten.
Albin Bolenders Rudel bewohnte ein großes Anwesen westlich von München. Groß hieß in Deutschland: etwa zehn Hektar Land mit einer Menge Wald darauf.
Im Gegensatz zum Minnesota-Rudel lebte ein Teil der Mitglieder nicht in einzelnen Häusern, sondern verteilt auf drei große Gebäude.
Das offenbar alte Hofgut wirkte modernisiert und gepflegt. Neben den Wohngebäuden standen zwei größere Anbauten, die offensichtlich als Fuhrpark und Lagerhalle dienten.
Hannah war beeindruckt. Obwohl Tucker O’Brians Rudel eindeutig mehr Land zur Verfügung stand, wirkte sein Dorf eher provinziell und antiquiert. Sie beobachtete Tucker heimlich von der Seite. Dieser sah sich interessiert um, ließ aber nicht erkennen, ob er genauso beeindruckt war wie sie.
Je näher sie dem zentralen Gebäude kamen, desto unsicherer fühlte sich Hannah. Eigentlich hätte sie diesen Rudelführer gerne kennengelernt. Wie hatte ihr Vater einmal gesagt?
„Hannah, man muss seine Feinde besser kennen als seine Freunde.“
War Bolender ihr Feind? Zunächst wohl schon, zumindest so lange, bis Tucker ihn vom Gegenteil überzeugt hatte. Und die Sorge um ihre Familie war eindeutig stärker als ihre Neugier. Sie würde in Deckung gehen und sich absolut still verhalten – so schwer ihr das auch fiel.
Der Van hielt einige Meter vor dem Haus an, direkt neben einem großen BMW. Als sie ausstiegen, bemerkte Hannah die angespannten Blicke, die ihre Eskorte auf den SUV warf. Der BMW trug ein ukrainisches Nummernschild und sichtliche Gebrauchsspuren.
Hannah traute sich nicht, Tucker danach zu fragen. Inzwischen wusste sie nur zu gut, dass Wolfsohren deutlich besser hörten als Menschenohren.
Doch Sekunden später erfuhren sie, wem der Wagen gehörte. Zwei breitgebaute, große Gestalten traten aus dem Haus. Kriegerwölfe, erkannte Hannah sofort. Und diese beiden wirkten genauso unfreundlich und unnahbar wie Cathal und Mort.
Thomas Burger und Andreas Reinier traten unverzüglich mit gesenktem Blick zur Seite und auch Leroy verlangsamte seinen Schritt, so dass er sich hinter Tucker befand.
Der Leitwolf änderte seinen Kurs nicht. Sie trafen sich auf halbem Weg und Tucker nickte den beiden Kriegerwölfen kurz zu. Diese stockten in ihrem Lauf und blieben stehen, woraufhin auch Tucker anhielt.
„O’Brian?“
Der kleinere der beiden Riesen musterte ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen. Tucker nickte.
„Ja, gibt es ein Problem?“
„Wir haben gehört, dass du kommst. – Chief Martinak will dich sprechen!“
„Hm, wegen der Wilderer?“
Der Riese nickte.
„Dann melde ihm, dass ich dazu bereit bin, sobald ich meinen Anstandsbesuch hier abgeschlossen und meine Gefährtin zu ihrer Familie gebracht habe.“
Der Riese musterte Hannah, die sich am liebsten kleiner gemacht hätte, aber entschlossen den Rücken streckte und seinen Blick erwiderte.
Immerhin war das nicht der erste Kriegerwolf, dem sie gegenüberstand. Und Mort war eindeutig furchteinflößender als dieser europäische Wolf.
In seinen Augen blitzte kurz Irritation auf, dann sah er wieder zu Tucker.
„Wir melden uns. Hast du eine Telefon-Nummer, unter der du zu erreichen bist?“
Tucker langte in seine Hemdtasche und reichte dem Kriegerwolf eine Visitenkarte.
„Sag Chief Martinak, dass ich ihm zur Verfügung stehe, obwohl ich nicht denke, dass ich neue Informationen für ihn habe.“
Der Kriegerwolf nickte und setzte sich wieder in Bewegung. Sein Partner folgte ihm, ohne die anderen Wölfe eines Blickes zu würdigen.
Tucker wartete nicht ab, bis der Wagen startete, sondern steuerte zielstrebig auf den Eingang zu. Alle anderen schlossen sich ihm eilig an.
Thomas Burger gab sich Mühe, als erster die Tür zu erreichen, und Hannah hatte den Eindruck, dass Tucker ihm in letzter Sekunde den Vortritt ließ. Das gehörte wohl auch zu den Machtspielchen von Leitwölfen.
Sie wurden durchs Haus geführt bis vor eine riesige Tür.
Hier verharrte Tucker und sah Hannah an.
„Du wartest hier mit Leroy. Es wird nicht lange dauern.“
Das klang so autoritär, dass Hannah sofort der Protest auf der Zunge lag. Sie hielt sich aber zurück, da ihr natürlich klar war, dass er sie von Bolender fernhalten wollte. Außerdem hatte sie zugesagt, seinen Anweisungen zu folgen. Also nickte sie brav und blieb stehen.
Der Wolf namens Andreas Reinier wies Leroy auf einige Stühle hin, während sein Kollege Tucker in den Nebenraum begleitete. Hannah hatte den unangenehmen Eindruck, dass sie bewusst ignoriert wurde. Aber zurzeit war ihr das nur recht. Sie sollte ja nicht auffallen und da war Ignoranz äußerst hilfreich – auch wenn sie dieses Verhalten als beleidigend und ärgerlich empfand.
*
Albin Bolender war größer als Tucker O’Brian.
Beinahe so groß wie ein Kriegerwolf, doch längst nicht so breit und muskulös. Seine blonden Haare waren ordentlich kurz geschnitten, sein Gesicht glattrasiert und schmal, fast jugendlich. Gegenüber dem Amerikaner wirkte er deutlich jünger. Nur die Augen verrieten seinen starken Willen. Sie blickten Tucker O’Brian kühl entgegen.
„Hallo O’Brian, du hast dir also ein neues Weib zugelegt? Das ging ja flott.“
Tucker ignorierte den respektlosen Ton der Begrüßung.
„Manchmal geht es eben schneller, als man es selbst für möglich gehalten hätte“, antwortete er ruhig. „Ich will dich nicht von deinen Geschäften abhalten. Mein Besuch hier in Deutschland wird wahrscheinlich nicht lange dauern.“
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