Lennon Bush war ein guter Mann. Bisher hatte man sich auf seine Einschätzungen immer verlassen können. Doch dieses Mal kamen ihm Zweifel. Seit über einem Monat warteten sie auf ein Lebenszeichen von Stan Holman und seinen Jungs. Und seit beinahe drei Wochen meldete sich auch Dexter Cox nicht mehr. Ein verschwundener Trupp erfahrener Jäger war schon merkwürdig genug, doch zwei Gruppen? Das konnte kein Zufall sein. Irgendetwas stimmte da ganz und gar nicht.
Doch Lennon meldete, dass nicht eine Spur auf den Verbleib der Männer hinwies. Seit zwei Tagen wurden die Wälder vor Ort durchkämmt und nichts war dabei herausgekommen. Selbst ihre eigenen Männer, die Spurenlesen quasi mit der Muttermilch aufgesogen hatten, konnten nichts finden.
Wieder klingelte das Telefon. Diesmal war es einer der Juristen, die sie nach Barnshire geschickt hatten. Enzo hatte sich seinen Namen nie merken können, was ihn überhaupt nicht störte. Er zahlte dem Kerl ein exorbitantes Honorar und erwartete entsprechend professionelle Arbeit, keine Bekanntschaft.
„Signore Dena, es tut mir leid, dass ich so lange mit meiner Rückmeldung gebraucht habe, aber es ist äußerst mühsam, die Menschen hier in diesem – Dorf – zur Mitarbeit zu bewegen. Der ansässige Sheriff war bisher nicht besonders kooperativ. Immerhin habe ich jetzt sämtliches Spurenmaterial zu Gesicht bekommen. Nicht ganz legal, aber dafür interessant. Gilt die gesicherte Verbindung noch?“
„Selbstverständlich.“
„Gut, ich werde Ihnen sämtliches Material zusenden. Kurz zusammengefasst: Dexter Cox und seine Männer waren offensichtlich hinter einer Frau her. Sie haben sie quer durch Barnshire gehetzt. Es gibt eine Handyaufnahme davon. Irgendein Kid hat das Ganze gefilmt und ins Netz gestellt.“
Enzo Dena war wie elektrisiert.
„Wer ist die Frau? Wird sie auch vermisst?“
„Nein, die ist quicklebendig und behauptet, nicht zu wissen, warum sie gejagt wurde. Ihr Name ist Hannah Riemann, eine Künstlerin aus Deutschland. Malerin, soweit ich gehört habe. Sie hat hier Urlaub gemacht und wohnte zuletzt in Dark Moon Creek, einer kleinen Siedlung, die auch Stan Holman einmal besucht hat. Zurzeit befindet sie sich auf dem Rückflug nach Deutschland.“
„Wer hat sie befragt?“
„Der Sheriff. Er war in Dark Moon Creek und hat einige Bewohner dort ausgehorcht. Laut Protokoll den Ortsvorsteher und einige Dorfbewohner. Alle haben behauptet, nichts von Dexter Cox zu wissen. Die halten zusammen wie Pech und Schwefel, Signore. Das scheint die gängige Mentalität hier zu sein. Aber es gibt noch ein Bild von einem Kerl, der in der gleichen Zeit offensichtlich ziemlich zerlegt worden ist. Nach dem Blut, was auf ihm zu sehen ist, kann der unmöglich überlebt haben. Das Seltsame ist: Er ist spurlos verschwunden. Der Einzige, der ihm ähnlich sieht, lebt in Dark Moon Creek und ist eindeutig unverletzt. Wie gesagt, ich schicke Ihnen die Dateien sofort zu.“
„Aber pronto“, schnauzte Dena. „Und graben Sie weiter. Ich will alles über diese Frau und Dark Moon Creek erfahren.“
Er schaltete das Gespräch weg und sah zu Vincento.
„Besorg mir die Dateien!“
Kurze Zeit später verfolgten sie gespannt Hannah Riemanns Lauf durch Barnshire. Er war durchaus beeindruckend. Anscheinend mühelos sprang sie über ein Geländer und verhinderte den Zusammenprall mit einem anrasenden Auto, indem sie auf das Autodach sprang, um dann mit einem eleganten Überschlag auf der Straße zu landen. Dann hechtete sie in ein weiteres Auto, das rückwärts auf sie zu jagte und dann mit quietschenden Reifen davonfuhr.
„Nicht schlecht“, kommentierte Vincento. „Die Frau kann rennen.“
„Sie war verletzt.“ Dena rieb sich nachdenklich das Kinn. „Ihr linkes Bein war nicht im Takt. Wenn sie trotzdem so rennt, dann sicher nicht, weil es ihr Spaß macht.“
Vincento nickte zustimmend.
„Sie hatte Angst.“
„Und zwar so viel Angst, dass sie mit Sicherheit wusste, wer hinter ihr her war.“
Er lehnte sich zurück.
„Ich will alles über diese Frau wissen. Und natürlich auch, wo sie sich befindet.“
Er klickte die nächste Bild-Datei an und die blutüberströmte Gestalt eines Mannes füllte den Bildschirm. Nachdenklich betrachtete er das schmerzverzerrte Gesicht, die Hand, die sich gegen den Bauch presste und die Blutflecken auf dem karierten Hemd. Dass dieser Mann aufrecht stand, war eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn er das schaffte, war er vielleicht auch zäh genug, zu überleben.
„Wo versteckst du dich?“, murmelte er. „Und wer bist du? Verlass dich drauf, wir finden es raus.“
Er sah seinen Diener an.
„Wir werden selbst über diese Hannah Riemann Nachforschungen anstellen. Außerdem brauche ich eine Liste aller verfügbaren Männer. Ich will diese Frau, und zwar lebendig. Ist unser Bluthund erreichbar?“
„Der Slawe? Drazan Scekic? Soweit ich weiß, ist er gerade in Polen auf der Jagd.“
„Ich will, dass er die Aktion leitet. Gib ihm Bescheid.“
Vincento zögerte.
„Das wird ihm nicht gefallen. Du weißt, dass er allergisch auf solche Anweisungen reagiert.“
Enzo Dena grinste dünn.
„Soweit ich informiert bin, war er ein enger Jagdfreund von Dexter. Wenn er hört, was da gerade läuft, wird er sofort bei Fuß stehen. Vertrau mir.“
Vincento nickte. Auf Enzo Denas Gespür konnte man sich immer verlassen. Und niemand kannte die Männer der Jagdgruppe besser als er. Ohne seine Zustimmung wurde man nicht Mitglied in diesem erlesenen Verein. Es genügten nicht die äußeren Umstände, die einen dazu prädestinierten, wie zum Beispiel Geld und die Fähigkeit, ein Gewehr zu halten. Enzo Dena musste überzeugt werden, dass sie echte Jäger waren. Männer, die fähig und willens waren, ihre Beute aufzuspüren und zu erlegen.
Männer, die vor keiner Beute zurückschreckten.
Ukraine
Die Wälder der Ukraine waren dunkler. Finsterer und dichter als die Waldflächen in Minnesota.
Cathal Loganach betrachtete interessiert die Landschaft, die unter ihm vorbeizog. Er liebte Wälder und hatte bereits viele besucht, doch hier, im Osten Europas, war er noch nie gewesen.
Der Hubschrauber legte sich ein wenig in die Kurve und flog tiefer auf eine Felsformation zu. Gespannt versuchte er, Einzelheiten zu erkennen. Henry Graves, sein Vorgesetzter und in gewisser Weise auch sein Freund, hatte ihm schon einiges über die Zentrale der Europe Security erzählt. Sie lag innerhalb der Felsen, der Eingang gut versteckt.
Cathals Ehrgeiz ihn zu entdecken wurde belohnt. Kaum wahrnehmbar lag er am Fuß der Erhebung, getarnt von Büschen.
Der Hubschrauber landete nur für Sekunden auf einer schmalen, natürlichen Lichtung. Cathal sprang ohne ein Wort des Abschieds hinaus und joggte los. Der Helikopter war schon in der Luft, bevor er die ersten Bäume erreichte.
Seine Nase führte ihn zum Ziel. Der Eingang war nicht nur von Büschen, sondern auch mit einem schweren Eisentor gesichert. Es war so breit, dass auch problemlos schwere LKWs hindurchfahren konnten. Ob das oft vorkam, wagte Cathal zu bezweifeln. Es gab nur eine Zufahrt zur Lichtung und diese war nicht asphaltiert. Die Spurrillen ihm Waldboden wirkten alt und waren zugewachsen. Vermutlich befand sich der Fuhrpark der Europe Security an einer ganz anderen Stelle. Links oben in der Ecke des Tors sah er die Linse einer Kamera und blickte hoch.
„Cathal Loganach“, knurrte er. Die Tür öffnete sich Sekunden später und er trat ein. Ein breiter Gang führte in eine natürliche Höhle, die von künstlichen Scheinwerfern erhellt wurde.
Cathal hob die Hände und trat mitten in den Raum, der nicht gerade einladend wirkte: kahl, ohne Möbel, rohbehauene Felswände.
Es dauerte nicht lange und zwei große Gestalten lösten sich aus dem hinteren Teil des Raumes. Sie blieben vor ihm stehen und musterten ihn ausgiebig. Cathal verzog keine Miene, aber er behielt die Hände oben. Sie verzichteten auf eine Durchsuchung, was in seinen Augen auch völlig blödsinnig gewesen wäre. Auf dem Transatlantik-Flug konnte er keine Waffen mitführen und man hatte ihn bereits am Ausgang des Terminals abgefangen und zum Hubschrauber gefahren. Keine Gelegenheit also, sich in irgendeiner Form zu bewaffnen.
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