„Ist er ein guter Mann?“
Tucker zog die Augenbrauen hoch.
„Hat er Ärger gemacht?“
Martinak knurrte unwillig.
„Nein, nicht direkt, aber ich mag Einzelgänger nicht besonders. Sie sind unberechenbar. Und dieser Cathal ist wirklich kein Quell an Informationen.“
Tucker grinste verständnisvoll.
„Er ist zwar kein Teamplayer, aber ich habe gehört, dass er gründlich ist. Doch ich bin nicht unparteiisch. Er hat einen der Wilderer erlegt, als der auf meine Hannah gezielt hat. Insofern bin ich ihm äußerst dankbar.“
Martinak schien nicht zufrieden mit dieser Antwort, aber er winkte dem Wolf, der die ganze Zeit an der Tür gestanden hatte.
„Bringt ihn zurück!“ Zu Tucker gewendet: „Ich habe ein paar Teams auf die Wilderer angesetzt. Falls dir noch was einfällt, melde dich. Ich will diesen ganzen Mist so schnell wie möglich hinter mich bringen. Und versuch‘ das mit Bolender möglichst ohne Mord- und Totschlag hinzukriegen. Ich räume ungern hinter Wolfszwistigkeiten auf.“
„Ich werde mir alle Mühe geben“, brummte Tucker und seiner grimmigen Miene war anzusehen, dass er es äußerst ernst meinte.
Erkirch, Deutschland
Dierolf steuerte den Wagen über Straßen und Wege, die Hannah niemals gefunden hätte, obwohl sie schon sehr lange in dieser Gegend wohnte. Schließlich hielt er auf einem einsamen Waldparkplatz und schaltete den Motor aus.
Einige Minuten blieben sie schweigend nebeneinander sitzen.
Hannahs Atem hatte sich inzwischen wieder normalisiert und sie hielt die Augen geschlossen. In ihr tobte ein Kampf zwischen Glückseligkeit, Wut und Frustration. Glück, ihren Vater wieder zu haben, Wut, dass er sie im Stich gelassen hatte und Frustration über die Tatsache, dass sie Leroy ausgetrickst hatte. Sie mochte ihn und Tucker würde ihm mit Sicherheit die Hölle heiß machen, dass er sie hatte entwischen lassen.
„Hannah!“ Dierolf Stimme klang angespannt. „Sieh mich an! Rede mit mir!“
Sie presste die Lippen zusammen.
„Hannah, ich weiß, dass du wütend auf mich bist. Und damit hast du auch sicherlich recht. Aber jetzt müssen wir reden.“
„Ach, auf einmal?“, platzte es aus Hannah heraus. „Jahrelang bist du einfach verschwunden, ohne Erklärung, und dann erwartest du, dass ich das einfach so schlucke? Dass du Mama und mich im Stich gelassen hast?“
Er atmete tief durch.
„Sieh mich an!“
Sie konnte nicht anders als ihm zu gehorchen. Erschüttert stellte sie fest, dass seine Stimme genauso suggestiv war wie Tuckers.
„Ich hatte meine Gründe.“ Seine Augen funkelten sie entschlossen an. „Und ich werde sie dir auch erklären, aber jetzt will ich hören, ob du wirklich weißt, mit wem du unterwegs bist.“
Sie betrachtete sein Gesicht, das ihr so vertraut war. Sein energisches Kinn, die hageren Gesichtszüge und dieser brennende Blick. Er war unverändert geblieben, doch nun, wo sie ihn mit den Augen einer Erwachsenen betrachtete, war er nicht mehr der strahlende Prinz, den sie so geliebt hatte.
Dierolf war groß. Größer als Tucker, doch nicht so breit gebaut. Er wirkte eher asketisch, doch seine Haltung, seine Miene hatten eine Strahlkraft, die einen in Bann schlug.
Wieder verglich sie ihn mit Tucker, doch sie konnte nicht sagen, vor wem sie mehr Angst gehabt hätte, – wenn diese beiden sie nicht lieben würden.
„Natürlich weiß ich das“, antwortete sie schließlich ruhig. „Ich reise mit Tucker O’Brian, dem Rudelführer des Minnesota-Rudels und meinem zukünftigen Ehemann.“
Er starrte sie an.
„Verdammt!“
Seine Faust krachte so plötzlich auf das Armaturenbrett, dass Hannah erschrocken zusammenzuckte.
Dann schwieg er eine Zeit lang.
„Seit wann weißt du von – Wölfen?“
„Hm, seit etwa neun Tagen.“
Jetzt war er tatsächlich überrascht.
„So kurz? Und du willst diesen Wolf heiraten? Verdammt, Mädchen, weißt du, was du dir da antust?“
Hannah funkelte ihn an.
„Mittlerweile hab‘ ich’s begriffen, ja. Aber es wäre hilfreicher gewesen, wenn ich vorher von Wölfen gewusst hätte. Warum hast du uns nie davon erzählt? Warum hast du uns verschwiegen, dass du ein Wolf bist?“
Er ballte die Fäuste.
„Es ging nicht, Hannah. Wenn du davon erfahren hättest – und wenn die anderen Wölfe von dir gewusst hätten ... Verdammt, Hannah. Wir wollten dich vor dieser Welt schützen! Sie ist nicht gut für Menschen! Du hättest niemals dein Leben so leben können, wie du es gewollt hättest!“
Jetzt war es Hannah, die ihn mit großen Augen anstarrte.
„Wir? Du meinst – Mama hat es gewusst?“
Er schloss die Augen.
„Ja“, gab er zu. „Sie wusste es. Ich hätte sie sonst niemals als Partnerin gewinnen können. Sie hat schnell gemerkt, dass ich etwas vor ihr verbarg, und hat mich vor die Wahl gestellt.“
Er sah Hannah mit einem gequälten Gesichtsausdruck an.
„Ich habe sie geliebt, Hannah. Ich wollte sie nicht verlieren. Aber ich wollte sie auch nicht dazu zwingen, in einem Rudel zu leben.“
„ Du wolltest nicht in einem Rudel leben“, sagte Hannah leise. „Sie hätte es für dich getan, aber du wolltest es nicht.“
Nach einigem Zögern nickte er.
„Ja, du hast recht. Aber glaube mir, ich weiß, wie menschliche Frauen in einem Rudel behandelt werden, und das konnte ich deiner Mutter nicht antun.“
„Also habt ihr heimlich eine Familie gegründet – und mich außen vor gelassen.“
Sie konnte nicht verhindern, dass ein anklagender Ton in ihrer Stimme lag.
„Verdammt, Mädchen, ich habe dir gerade erklärt, warum. Ich musste dich vor dieser Welt schützen. Erst recht, als klar war, dass du kein Wolf wirst. Dafür habe ich dir alles beigebracht, was dir beim Überleben helfen kann. Das sollte dir ja wohl nicht entgangen sein. Und ich habe dich nicht vergessen. Ich habe dich all die Jahre beobachtet und über dich gewacht!“
„Pa, es geht nicht mehr um mich!“
Er runzelte die Stirn.
„Es geht um meine Kinder!“
„Deine Kinder sind nicht Wolf, Hannah.“
„Nein, sind sie nicht. Aber Elisa, meine Enkeltochter!“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, das ist noch nicht klar.“
„Pa!“
Er zuckte bei ihrem Tonfall zusammen.
„Tucker sagt, dass sie Wolf ist!“
„Das kann er nicht wissen!“
„Er sagt, dass er es kann. Er hat es schon vermutet, als sie nur kurz auf dem Bildschirm zu sehen war. Jetzt, wo er sie vor sich hatte, ist er sich absolut sicher. Ich hab es in seinem Gesicht gelesen.“
Seine Miene war wie erstarrt.
„Sie werden alle töten“, sagte Hannah leise. „Alle meine Kinder. Das weißt du.“
Wut flammte in seinen Augen hoch.
„Sagt das O’Brian, ja? Wird er das übernehmen? Wird er deine Kinder umbringen?“
„Nein“, sagte sie ruhig. „Er will uns helfen.“
Er lachte auf.
„Ach, und wie? Verdammt, Hannah, er wird es Bolender erzählen. Er muss es ihm erzählen. Und dieses verdammte Wolfspack kennt nur eine Regel: Menschen umbringen, wenn sie nicht bereit sind, ein Sklavendasein zu fristen. Und dein O’Brian steht als Leitwolf da ganz oben an der Spitze.“
Jetzt wurde auch Hannah wütend.
„Du kennst Tucker nicht. Du hast ihn nie getroffen. Er hat mir versprochen alles zu tun, dass meine Familie am Leben bleibt.“
„Ach, hat er das, ja? Hannah, diese Kerle versprechen einer Frau alles, wenn diese dafür die Beine breit macht. Und wenn es dann nicht klappt, wenn deine Kinder trotzdem sterben, heißt es: Tut mir leid, aber ich habe ja alles versucht.“
„Das wird er nie tun! Tucker O’Brian tötet Menschen, das stimmt. Ich hab es selbst gesehen! Aber er hat es getan, um mir das Leben zu retten. Du verdammter Idiot!“ Mittlerweile standen ihr Tränen in den Augen. „Er hat mir zweimal das Leben gerettet und dafür getötet. Und ich weiß, dass er es jederzeit wieder tun wird, wenn es nötig ist. Aber er würde niemals meine Kinder angreifen!“
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