Rasch verdrängte er diese Gefühle. Das vergnügte Krähen von Elisa ließ ihn wieder aufmerksam werden. Neugierig trat er näher und betrachtete das kleine Geschöpf, das inzwischen in Hannahs Armen gelandet war, und ihm quietschend eine Minifaust entgegenstreckte.
Der letzte Zweifel verließ Tucker, als er in die grünen funkelnden Augen blickte.
Elisa war ein Wolf. Er war sich absolut sicher.
Sein Handy gab einen Alarmton von sich. Wortlos zog er es und nahm das Gespräch an.
„Hallo Martinak. – Jetzt gleich? – Na gut.“
Er sah Hannah an.
„Ich muss los. Martinak wird nicht locker lassen. Leroy bleibt hier bei dir.“
Als er ihre besorgte Miene sah, lächelte er beruhigend.
„Mach dir keine Sorgen. Bryan hat mir versichert, dass Martinak uns keinen Ärger machen wird.“
Hannah reichte Elisa wieder an Susi und schlang die Arme um seinen Hals.
„Bitte sei vorsichtig“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Er erwiderte ihre Umarmung kurz, schob sie dann aber zurück.
Er sah zu Wulf.
„Tut mir leid, ich muss geschäftlich weg. Einer meiner Leute wird draußen auf deine Mutter warten und sie heimbegleiten, wenn sie gehen will.“
Wulf begleitete ihn zur Tür.
„Was ist los?“, fragte er leise. „Wozu braucht Mom einen Bewacher? Ist sie in Gefahr?“
Tucker wollte schon verneinen, aber dann zögerte er.
„Ich weiß es nicht“, gab er schließlich zu. „Die Sache in Minnesota war übel und ist noch nicht ausgestanden. Deswegen muss ich jetzt noch mal los. Es schadet jedenfalls nicht, die Augen aufzuhalten.“
„Und auf was? Auf wen muss ich achten?“
Tucker betrachtete ihn aufmerksam. Wulf Riemann blickte angespannt, aber entschlossen. Es wäre dumm, ihn unwissend zu lassen.
„Die Kerle waren Jäger. Wilderer, die alles jagen, was ihnen in die Quere kommt – anscheinend auch Menschen. Die in Minnesota haben wir erwischt. Aber es gibt noch andere und wir wissen nicht, wie viele Informationen die Kerle über die Geschehnisse in Minnesota weitergegeben haben. Wenn wir Pech haben, gerät Hannah wieder ins Fadenkreuz. Mit etwas Glück erhalte ich gleich mehr Informationen.“
Wulfs Miene hatte sich bei Tuckers Worten zunehmend verfinstert.
„Ich will alles wissen!“
Tucker nickte.
„Gut. Aber rede noch nicht mit Hannah darüber.“
Wulf verzog das Gesicht.
„Keine Sorge, ich bin nicht dämlich. – Will dein Leroy nicht besser reinkommen?“
„Nein, er soll draußen die Augen aufhalten. Komm mit, ich stell dich ihm vor.“
Sie traten hinaus und gingen auf Hannahs Auto zu.
Leroy stieg sofort aus und sah neugierig auf den Mann, der Hannahs Sohn war. Die Ähnlichkeit war eindeutig.
„Leroy, das ist Wulf Riemann. Er weiß im groben Bescheid, was die Wilderer angeht. Wulf, das ist Leroy Carr. - Leroy, du bleibst hier und sicherst die Gegend. Martinak lässt mich abholen, keine Ahnung, wie lange das dauert. Wenn irgendetwas verdächtig erscheint, meldest du es erst Martinak, dann mir. Und falls Bolender hier auftaucht, oder einer seiner Männer, lässt du ihn nicht ins Haus und informierst mich sofort.“
Leroy grinste.
„Keine Sorge Boss, die kommen nicht an mir vorbei.“
„Wer ist Bolender und wer Martinak?“, verlangte Wulf zu wissen, doch Tucker schüttelte den Kopf.
„Das erkläre ich dir später. Aber vor Bolender musst du dich und deine Familie hüten. Er ist keinesfalls dein Freund. – Ah, da kommt schon meine Eskorte.“
Er nickte den beiden Männern noch einmal zu und trat auf den SUV zu, der vor Hannahs Wagen hielt.
Wulf blinzelte überrascht, als er den riesigen Mann zu Gesicht bekam, der aus dem Wagen stieg und die hintere Wagentür aufriss. Dieser Kerl sah eindeutig nicht freundlich aus, und wenn er es richtig gesehen hatte, war er bewaffnet. Und der Kerl am Steuer wirkte genauso gefährlich.
Tucker stieg ohne zu zögern in den Wagen, der auch sofort wieder abfuhr.
„Verdammt“, murmelte Wulf. „Was waren denn das für Kerle?“
Leroy grinste schräg.
„Krieger, Mann. Denen kommt man besser nicht in die Quere. Aber keine Sorge, Tucker kennt sich mit denen bestens aus.“
Wulf schnaufte.
„Soll mich das jetzt beruhigen?“
Leroy grinste immer noch.
„Solange sie auf unserer Seite stehen, sollte es das, ja. Wenn sie sich entscheiden, die Seite zu wechseln, dann kannst du dir Sorgen machen. Aber wie gesagt, Tucker weiß, wie man sie zu nehmen hat.“
„Wulf?“ Susi stand in der Haustür. „Kommst du? Du könntest mir in der Küche helfen.“
Wulf verzog das Gesicht und nickte Leroy zu.
„Wenn du was brauchst, melde dich einfach.“
Leroy nickte zurück und sah ihm nach.
Hannahs Sohn gefiel ihm. Tucker hatte recht. Dieser junge Mann war so sehr Wolf, auch wenn er nicht danach roch, dass er ihn, wenn er ihm zufällig irgendwo begegnet wäre, sofort als Wolf eingeordnet hätte.
Es war eigentlich ein Wunder, dass noch keiner von Bolenders Leuten auf ihn gestoßen war.
Stützpunkt der Europe-Security, Deutschland
Die Autofahrt war nicht so lang, wie O’Brian befürchtet hatte. Bereits nach einer Stunde hielt der Wagen auf einem abgelegenen Anwesen nördlich von Augsburg.
Als Tucker ausstieg und sich umsah, drang ihm sofort der Geruch nach Wolf in die Nase. Anscheinend wurde dieser Ort öfters von den Kriegern als Treffpunkt genutzt.
Das Anwesen bestand aus einem großen Haupthaus und einer riesigen Scheune. Alles wirkte unbewohnt, aber nicht verfallen.
Tucker folgte einem der Kriegerwölfe ins Haus. Konzentriert nahm er alles an Eindrücken in sich auf. Es schadete nie, sich mit solchen Örtlichkeiten vertraut zu machen. Bryan würde sehr interessiert an allen Details sein. Soweit O’Brian wusste, akzeptierten die beiden Krieger-Leitwölfe sich zwar, betrachteten sich aber durchaus mit Misstrauen.
Es war klar, dass seine Loyalität dem Chief des Minnesota-Rudels galt – und das wusste auch Martinak.
Tucker war wirklich gespannt auf diesen Chief. Er hatte schon viel von ihm gehört, doch seltsamerweise hatten sich ihre Wege bisher nie gekreuzt. Selbst auf den Leitwolf-Treffen in Europa nicht, da Martinak dort nur in Ausnahmefällen erschien. Vermutlich, um die latent aggressive Stimmung, die immer bei solchen Zusammenkünften herrschte, nicht noch mehr zu schüren.
Keine Minute später trafen sie sich in einem tristen, unmöblierten Raum, der nur von einer funzeligen Glühbirne erleuchtet wurde. Entschieden kein Zimmer zum Wohlfühlen.
Bogdan Martinak war eindeutig Kriegerwolf. Groß, breit, dunkel, mit schwarzen, kurz geschorenen Haaren und slawischen Gesichtszügen. Der Pole, wie ihn viele auch nannten, sah ihn mit einer Intensität an, die Tucker normalerweise hätte schrumpfen lassen, doch er kannte Chief Bryan und hatte dessen Blick ertragen gelernt.
Martinak runzelte leicht die Stirn, als Tucker aufrecht vor ihm stehen blieb und seinen Blick geduldig über sich ergehen ließ. Dann verzog er sein Gesicht zu einem anerkennenden Lächeln.
„Tucker O’Brian. Ich habe schon eine Menge von dir gehört. Bryan meint, du wärst der anstrengendste und eigenwilligste Rudelführer von allen in seinem Bezirk. Und wenn ich mir so anhöre, was du hier abziehen willst, kann ich dem nur beipflichten. Du hast Bolender also schon getroffen. Weiß er Bescheid?“
„Noch nicht“, gab Tucker zu. „Ich wollte mir erst selbst ein Bild von Dierolfs Familie machen.“
„Und?“
„Hm.“
Tucker musterte den Chief der Europe Security. Aber ihm blieb nichts anderes übrig, als diesem Rede und Antwort zu stehen. Mit Kriegerwölfen verscherzte man es sich einfach nicht. Das wäre mehr als dumm.
„Die kleine Elisa ist Wolf. Beinahe hundertprozentig. Ich schätze, es wird nicht mehr lange dauern, bis sie sich wandelt. Hannahs Tochter habe ich noch nicht gesehen, aber Wulf, ihr Sohn, – ich verstehe noch nicht, warum er kein Wolf ist. Alles an diesem jungen Mann schreit danach. Das ist auch der Grund, warum ich bei seiner Tochter nicht hundertprozentig sagen will. Vermutlich wäre ich mir bei ihm genauso sicher gewesen.“
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