Man könnte davon ausgehen, dass Mose mit der Reaktion Gottes mehr als zufrieden sein könnte. Mose hat „hoch gepokert“ und geht nun noch ein weiteres Wagnis ein. Er bittet Gott, ihn seine Herrlichkeit schauen zu lassen (Vers 18). Er bekommt nicht vollständig das, was er erbeten hat, aber Gott kommt ihm in seiner unermesslichen Gnade entgegen. In 2.Mose 34:9 hält Mose fest: „ Habe ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein “.
Beim Lesen von Vers 18 fragt man sich, was Mose motiviert. Mose hatte bei der ersten Begegnung mit Gott im brennenden Dornbusch so eine Angst vor Gott, dass er seinen Mantel vor sein Gesicht hielt und es nicht wagte, Gott anzuschauen.(2.Mose 3:6) Nun, rund ein Jahr später, hat Mose das Verlangen, Gottes Angesicht sehen zu wollen. Was hatte sich in diesem einen Jahr verändert?
Mose hatte alle Wunder erlebt, die Gott in Ägypten und am Roten Meer gewirkt hatte und hatte mehr Hunger nach Gott bekommen. Das gab ihm den Mut, Gott von Angesicht zu Angesicht begegnen zu wollen. Leider ist dies für uns lebende Wesen in diesem Leben nicht möglich. Gott gestattet es Mose, ihn von hinten sehen zu dürfen, nachdem er an Mose vorübergegangen ist. Welch ein gnädiger Charakter Gottes, dass er sich darauf einlässt und das Leben Mose dabei nicht gefährdet! Ist das in unserem Leben nicht auch manchmal so, dass wir rückblickend denken „Das war Gott“. Man könnte auch sagen „Da habe ich Glück gehabt“. Oder „Da saß ein Engel auf meiner Schulter“ oder etwas Ähnliches. Ich glaube, dass es Gott war, den wir von hinten gesehen haben, nachdem er an uns vorübergegangen ist. Vielleicht sollten wir diese Erfahrungen deutlicher in dieser Welt als unser Zeugnis für Gottes Handeln weitergeben und dies erzählen.
Wir sehen in 2.Mose 33:19, dass Gott sagte „ Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme (racham), dessen erbarme ich mich “.
Das hebräische Wort „racham“ bedeutet so viel wie „etwas liebhaben“, „barmherzig sein“ oder „sich erbarmen“. In der englischen King James Version finden wir hier die Worte „grace“ und „mercy“. Diese Aussage macht deutlich, dass es Gott ist, der darüber entscheidet, wem er sich zuwendet. Im Bereich der Gnade behält Gott die Regie. Egal, was wir darüber denken. Das klingt hart und mutet uns als Willkür an. Jona macht Gott Vorwürfe (Jona 4.2) „ Ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen “.
Jona ärgert sich über die Gnade Gottes, die die Bewohner von Ninive nach seiner Meinung als Mensch, nicht verdient hatten. Welchen Maßstab wird Jonas wohl anlegen, wenn er selber mal in die Lage kommt, Gnade zu benötigen?
Wenn wir nun denken, dass das allein die Überlieferungen des Alten Testamentes sind, dann sollten wir uns klar machen, dass Paulus diese Worte aus 2.Mose 33,19 im Neuen Testament (Römer 9,15) übernimmt. Die hartnäckigsten Vertreter der Gnadenlosigkeit im Neuen Testament sind die Pharisäer. Dauernd streiten sie mit Jesus über dessen Verständnis von Gnade und Gerechtigkeit. Sogar nach ihrer Bekehrung waren diese gesetzlich geprägten Menschen oft noch nicht frei von Ihrem hergebrachten Verständnis von Gnade. Das führte in der jungen Kirche schnell zu Problemen. Darauf komme ich später noch einmal zurück, wenn wir die Apostelgeschichte behandeln.
Barmherzigkeit an Tausenden
Als Gott an Mose vorübergeht (2.Mose 34, 6-7) ruft Mose aus: „ HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretungen und Sünde, aber ungestraft lässt er niemanden, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied! “
Der Prophet Jeremia greift die von Mose benannten Eigenschaften auf und sagt: „ der du Gnade erweist vielen Tausenden und die Schuld der Väter kommen lässt auf das Haupt ihrer Kinder, du großer starker Gott-HERR Zebaoth ist dein Name “. (Jeremia 32.18)
Auch wir dürfen uns, wenn wir zu Gott kommen und beten, an diese Gnade erinnern und auf diese Weise unseren Glauben stärken.
In den zehn Geboten heißt es: „ aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten “ (2.Mose 20.6 auch 5.Mose 5:10 und 7.9).
Das hebräische Wort heißt hier „checed, welches uns schon in 1.Mose 19.19 begegnet ist. Die King James Version benutzt hier das Wort „mercy“, was in der deutschen Übersetzung meistens mit „Barmherzigkeit“ übersetzt wird. Gott warnt die Israeliten vor den Folgen des Anbetens anderer Götter. Um Gnade zu erlangen, musst Du keine Hochleistung erbringen oder Mega-opfer leisten. Ausschlaggebend ist es, Gott zu lieben.
In 3.Mose kommt das Wort „Gnade“ nicht vor und doch handelt das Buch von „Gnade“.
Ein Wort, das im dritten Buch Mose sehr oft vorkommt, ist das Wort „Versöhnung“. Darum kann man sagen, dass es in diesem Buch solide um „Gnade“ geht. Der Begriff „versöhnen“ oder „Versöhnung“ kommt in der gesamten Bibel in der von mir benutzten Übersetzung ,99 mal vor, davon 45 mal im dritten Buch Mose.
Der Begriff kommt zum ersten Mal in 2.Mose vor und bezieht sich dort auf die Weihe der Priester und die heiligen Gegenstände und die Tabernakel. Diese mussten durch Versöhnung heilig gemacht werden und dies geschah durch das Blut von Tieren. Was wir persönlich auch gewesen sein mögen, bevor wir Jesus kennen gelernt haben, wir sind reingewaschen, wir sind geheiligt, wir sind „gerechtfertigt in dem Namen des Herrn Jesus und durch Gottes Geist“, schreibt Paulus in 1.Korinther 6:11
In 3.Mose kommt der Begriff „Brandopfer“ vor. Wenn jemand Gott ein Brandopfer bringen wollte, musste er Gott ein Tier anbieten, um „ein Wohlgefallen (Gnade) in Gottes Augen zu finden .“ Danach musste er „ seine Hand auf den Kopf des Brandopfers legen, damit es ihn wohlgefällig mache und für ihn Sühne schaffe “ (3.Mose 1.4). Man konnte sonst „ nicht einfach so zu Gott kommen “. So können auch wir uns Gott nur durch das vergossene Blut von Jesu Christus nahen. Darum schreibt Paulus in Römer 5:11: „ Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben. “ Wir sind begnadigte Menschen und können uns somit Gott nahen. Das kostet uns nichts mehr, weil der Vater durch das Opfer seines Sohnes den Preis bezahlt hat.
In 3.Mose 4 wird das „Sündopfer“ eingeführt. Dabei geht es um Menschen, die unabsichtlich gegen Gott gesündigt haben. Das könnte uns auch betreffen.
Wenn ein Israelit bemerkte, dass er gesündigt hatte, musste er mit einem Tier als Sündopfer zum Priester gehen. Wiederum musste das Blut eines Tieres fließen, auf das die Sünde durch Handauflegen sozusagen übertragen wurde.
Wenn der Heilige Geist uns von Sünde überführt, müssen wir heute nicht mehr mit einem Tier erscheinen, um es ungeschehen zu machen. Wenn wir unsere Sünde bekennen, vergibt uns Gott auf Grund des durch Jesus Christus vollbrachten Werkes. Erneut hat er den Preis bezahlt durch das Opfer seines Sohnes.
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