Ein bisschen wackelig auf den Beinen, aber überglücklich, erreichte sie Sankt Jacob und lief strahlend zu ihrer Mutter. „Jetzt wird alles gut“, rief sie und hielt die Ente hoch über ihrem Kopf. „Heute wirst Du eine gute Suppe essen, und wenn Du magst auch noch einen Braten.“ Die Mutter lächelte ihr schwach zu und bedeutete ihr, das Tier gleich in die Küche zu bringen. Auf dem Weg dorthin strauchelte Ghese und musste sich an den Wänden abstützen. Das Blut rann immer noch aus ihrem Kopf, und nun merkte sie auch, das der ihr höllisch weh tat.
Sie setzte sich ein wenig auf den Boden. Eine der Schwestern entdeckte sie bald und war sehr erschrocken. „Ghese, was ist geschehen und was hast Du für einen schmutzigen Vogel in der Hand? Das Tier ist ja tot. Pfui, wir wollen es gleich auf den Misthaufen werfen. Wie konntest Du es nur hierher schleppen?“
Ghese schrie. „Nein, nein, ich habe die Ente gefangen, Mutter soll sie haben. In die Küche muss die Ente, damit wir eine Suppe daraus kochen.“
„Ach was, gefangen und Suppe kochen? Kind Du bist blutüberströmt und redest wirres Zeug. Bist Du in einen Krieg geraten? Du bist viel zu wild für Dein Alter, und Mädchen prügeln sich nicht, denn danach sieht es doch wieder einmal aus. Habt ihr euch um dieses Federvieh geschlagen? Was Du aber auch alles aufsammelst. Ich denke noch an die steif gefrorene Katze im letzten Winter. Nein, dieses Tier kann man mit Sicherheit nicht essen. Du wirfst es gleich fort und nachher bekommst Du einen Teller Grütze, der bekommt Dir viel besser.“
Sie sprach es und schleppte Ghese zuerst zum Misthaufen und dann zum Brunnen um ihr die Wunde am Kopf auszuwaschen.
Ghese weinte nur noch ein wenig, sie konnte kaum noch protestieren und die Beine knickten ihr immer wieder ein. Sie hatte so sehr gekämpft und nun lag ihre schwer errungene Beute im Dreck. „Suppe für Mutter“, flüsterte sie, dann sackte sie zusammen.
Als sie nach drei Tagen aus der Ohnmacht erwachte war alles anders.
Die Wunde am Kopf begann zu heilen, die Schmerzen ließen nach und sie erhob sich von ihrem Lager. Schnell lief sie zu ihrer Mutter. Diese schlief und Ghese strich ihr vorsichtig über das Haar. „Liebste Mutter“, sagte sie, „die Schwester hat mir verboten Suppe zu machen, ich musste die Ente fortwerfen. Sei nicht traurig, ich werde Essen finden, und gewiss wirst Du dann gesund.“ Die Mutter drehte sich um und schlug die Augen auf - und da war es eine fremde Frau.
Mutter war tot.
Gestorben in diesen drei Tagen, in denen selbst Ghese dem Leben fast entwichen war.
Sie sagte nichts, sie weinte nicht, sie stand nur still vor dem ärmlichen Grab ihrer Mutter und wusste nicht was nun zu tun sei.
Nur eines wusste sie sehr genau.
Nie wieder würde sie sich in ihrem Leben etwas wegnehmen lassen, und nie wieder würde sie sich von anderen sagen lassen was sie zu tun hatte.
Ein blonder Wirbelwind stürzte in das Kontor von Johan Rikeland.
„Vater“, rief er aufgeregt, „Vater, sieh was ich gefunden habe.“
Johan Rikeland sah bedächtig aber voller Freude auf seinen Ziehsohn. Den Entschluss vor einigen Jahren, sich dieses Kind aus dem Heilig Geist Hospital zu holen, den hatte er nie bereut. Conrad war die Sonne in seinem Leben. Was hatte der Junge nun wieder angeschleppt?
Der konnte kaum tragen was er in den Händen hielt und Rikeland schüttelte den Kopf.
„Den hast Du doch nicht gefunden, schon wieder hast Du einen gestohlen. Wenn Dich einer der Baumeister erwischt, dann verpasst er Dir eine gehörige Tracht Prügel, und ich kann noch nicht einmal etwas dagegen tun.“
Conrad strahlte über das ganze Gesicht. Er wusste, dass er nicht stehlen durfte, es war schließlich eines der Gebote Gottes, und die bemühte er sich immer einzuhalten. Aber konnte er etwas dafür, das dieser hier so weit weg von den anderen lag und quasi darum bettelte mitgenommen zu werden? Vorsichtig trug er den Gegenstand in seine Kammer. Dort lagen schon andere „Fundstücke“ dieser Art, ordentlich aufgereiht, und alle hatten eine andere Form.
Conrad sammelte Backsteine von allen Kirchenbaustellen der Stadt.
Seine Leidenschaft für Steine war schon als ganz kleiner Junge in ihm erwacht, und seit er wusste, dass die Menschen sie auch selber herstellen konnten, fand seine Begeisterung keine Grenzen. Wismar hatte eine Menge Baustellen und Conrad war auf allen zu Hause. Sehr zum Missfallen von Johan Rikeland beschäftigte ihn die Zusammensetzung der Steine weit mehr als die von feinen Tuchen und Stoffen.
In der Schule war er einer der klügsten Schüler, Zusammenhänge, gleich welcher Art, begriff er sofort. Rechnen konnte er ohne Hilfsmittel und selbst Latein ging ihm fließend über die Zunge.
Rikeland sah in ihm einen Nachfolger für seine Geschäfte. Der Tuchhandel war seit Jahrzehnten seine Einnahmequelle und so musste es auch bleiben. Wenn der Junge die Schule beendet hatte, dann sollte er den Handel studieren, ein wenig die Welt kennen lernen, eine Familie gründen und das Geschäft übernehmen. Er, Johan selbst, wollte sich zur Ruhe setzen und sich freuen, dass die Rikelands weiterhin eine angesehene Familie Wismars waren. Sicher, als er den Jungen zu sich nahm, ging ein Raunen durch die Stadt, und seine Neider zeigten unverhohlen mit den Fingern auf ihn, den alten Narren, den der Tod seines einzigen Sohnes wirr gemacht hatte. Einen Streuner hätte er sich ans Bein gebunden hieß es, sein Geld würde der durchbringen, wenn er nicht acht gab. Nun, Rikeland gab acht, und Conrad dankte ihm seine Fürsorge mit Liebe, Fleiß und unbändiger Lebensfreude. Die Knechte und Mägde in seinem Haus hielt er ständig auf Trapp, wie es eben so war, wenn man einen fast zwölfjährigen Jungen im Hause hatte. Sein bester Freund war der Gottfried von Hegemanns, ein Blondschopf wie Conrad auch, etwas jünger als er selbst, aber den Kopf voller Grappen und Spliens. Wenn die Burschen mit Gottfrieds Hund unterwegs waren, dann kamen sie oft mit zerrissenen Hosen zurück, aber wozu war Johan Tuchhändler, wenn er hier nicht hin und wieder für Ersatz sorgen konnte.
Der Junge war seine Zukunft, er war lernwillig, hellwach und für viele Dinge zu begeistern.
Nur den Tuchhandel, für den schien er nicht viel übrig zu haben.
Während Johan noch über seinen Sonnenschein sinnierte, sortierte Conrad in seiner Kammer wieder einmal seine Backsteine. Von den einfachen Quadern hatte er fünf, die gab es aber auch in Massen, die waren nicht so wichtig für ihn. Er jagte den Schöneren nach, den Formsteinen. Heute hatte er einen Ziegel erbeuten können, der an einer Seite schwarz glasiert war. Der war sehr wertvoll, und sein Vater hatte Recht, wurde er erwischt, dann gab es Senge, und nicht zu knapp. Ganz nebenbei hatte er bei der Nikolaikirche die Form für eine Reliefplatte mit einem Greifen entdeckt. Reliefplatten waren ganz oben an den Kirchen angebracht, er würde keine Möglichkeit haben sie jemals wiederzusehen, wenn sie erst einmal vermauert waren. Also musste er möglichst mit dem ersten Hahnenschrei raus um an das Objekt seiner Begierde zu gelangen. Noch vor Sonnenaufgang sollte das sein, die Bauleute waren Frühaufsteher und würden ihn erwischen, wenn er nicht schnell genug war. Vor dem Nachtwächter hatte er keine Angst, der hatte ihn auf seinen nächtlichen Streifzügen noch nie entdeckt.
Am nächsten Morgen saß Johan Rikeland einem strahlenden Conrad gegenüber.
„Was ist mit Dir Junge?“, fragte er. „Hast Du gut geschlafen und wundersame Dinge geträumt? Du siehst so zufrieden aus. Oder ist heute etwa keine Schule?“
„Doch, doch Vater“, beeilte sich Conrad zu antworten, „wir haben heute eine Lateinprüfung, ich habe fleißig gelernt und gedenke sie gut abzuschließen.“
„Wenn das so ist, dann habe ich heute Abend vielleicht eine große Überraschung für Dich.“ Er schmunzelte in seinen Bart. „Du wirst erstaunt sein was Dich erwartet.“
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