Rikeland begann zu sprechen. „Dir wird nicht entgangen sein, dass ich in den letzten Jahren die Hospitäler der Stadt mit dem versorge, was sie nötig brauchen. Es gibt viele Arme und Kranke, ich kenne all ihre Namen, einen ganz besonders. Im Heiligen Geist Hospital lebt ein Junge, etwa sechs Jahre alt. Er hat niemanden zu dem er Vater oder Mutter sagen kann. Was für ein aufgewecktes Bürschchen er ist, habe ich gemerkt, als er mir kleine Kieselsteine verkaufen wollte und allen Ernstes behauptete, wenn ich sie meinen Hühner ins Futter mengen würde, dann fräßen sie nur noch die Hälfte, aber legten Eier mit härterer Schale.“
Die Männer lachten und Hegemann stellte fest, dass sein Freund blitzende Augen bekam.
„Der Bursche beeindruckt Dich wohl sehr?“
„Mehr als das, und deshalb habe ich beschlossen ihn in mein Haus zu holen.“
„Einen sechsjährigen Knecht? Du warst doch nie dafür, dass Kinder arbeiten müssen. Deine Entscheidung erstaunt mich.“
„Der Junge ist kein Leibeigener, und er soll auch nicht als Knecht bei mir einziehen. Ich will ihn an Kindes statt annehmen. Er wird eine gute Ausbildung bekommen und eines Tages meine Geschäfte weiterführen. Der Name Rikeland muss in Wismar weiterleben und in aller Munde bleiben.“
„Das wird er sicher und meinen Segen hast Du. Es wird allerdings einige geben, die Dir das neue Glück in Deinem Hause nicht gönnen werden. Bleib wachsam.“
Ghese war verzweifelt.
Sie zählte noch keine sechs Jahre, aber schon lasteten große Sorgen auf ihren kleinen Schultern. Seit sie denken konnte kränkelte ihre Mutter. Fast täglich ging es ihr schlechter, viele Tage lang kam sie gar nicht hoch von ihrem ärmlichen Strohlager in der Ecke des Schlafraumes, den sie sich mit anderen Kranken im Hospital teilen musste. Ghese wuchs hier auf, sie kannte nichts anderes als Armut, Bettelei und Krankheiten.
Sicher, es gab auch Bewohner in Sankt Jacob, denen es deutlich besser ging, die schönere Räume bewohnten, gutes Essen hatten und auch im Winter nicht zu frieren brauchten. Diese Leute aber, das hatte sie gelernt, zahlten ein Leben lang Geld an das Hospital und spendeten bei jeder Gelegenheit etwas für die Armen. Pfründner nannten sie sich und selbst reiche Bürger der Stadt wohnten hier und ließen sich im Alter versorgen.
Ghese und ihre Mutter aber gehörten zu denen, die von den Abgaben der Reichen leben mussten. Nie hatten sie etwas besessen, nichts gehörte ihnen, außer ihrer Freiheit. Sie waren keine Leibeigenen, das hatte die Mutter immer wieder betont.
Das Mädchen nahm einen Lappen und wischte über die fiebrige Stirn von Agnes.
Der Besuch auf dem Friedhof vor ein paar Jahren hatte ihr übel mitgespielt. Krank war sie von der Beerdigung zurückgekommen. Ihre fadenscheinigen Sachen hatten das Wasser nicht abhalten können und das stundenlange Warten in Wind und Regen warf sie anschließend auf das Lager. Eine Lungenentzündung überlebte sie wohl nur, weil ihr Körper noch jung war, aber sie wurde so geschwächt, dass sich bald eine Schwindsucht einstellte und Agnes dem Tod täglich ein wenig näher kam.
Ihre Tochter, so klein sie auch war, sorgte sich sehr und rannte jeden Tag nach Wismar hinein um etwas für die Mutter zu ergattern. Wenn es auf dem Markt nichts zu erbetteln gab, und niemand ihr etwas zur Erledigung übertrug, dann sammelte sie mal eine Handvoll trockenes Stroh für das Nachtlager oder stibitzte auch mal ein Vogelei aus einem Nest. Oft aber fragte sie bei den Ackerbürgern in der Baustraße ob sie ihnen helfen könne Rüben oder Getreideähren aufzulesen oder eine störrische Ziege zu bewachen.
Heute saß sie wieder einmal bei den Ziegen vor der Stadt und überlegte, ob sie ein wenig Sauerampfer für den Gerstenbrei mit nach Hause nehmen sollte, als ihr im Wassergraben eine Ente auffiel. Ganz anders als die anderen Tiere schwamm sie immerzu im Kreis und schnatterte unaufhörlich. Als das Mädchen an den Graben herantrat flatterten die Enten sofort davon. Nur diese eine drehte sich um sich selbst und verlor den Anschluss an ihre Gefährten. Das war ja merkwürdig. Was war nur mit ihr? Ghese suchte sich einen langen Stecken und trippelte vorsichtig bis an den Rand. Sie wollte auf keinen Fall hineinstürzen, es war noch längst nicht warm genug um ins Wasser zu fallen und sich nicht zu erkälten. Wenn auch sie krank würde, wer sollte sich dann um die Mutter kümmern. Die Neugier ließ sie aber nicht los und der Stecken reichte gerade so weit bis zur Ente, dass sie diese ein wenig anstupsen konnte. Panisch begann das Tier mit den Flügeln zu schlagen und kam dem Ufer auf der anderen Seite dadurch immer näher. Als sie es erreicht hatte, schleppte sich die Ente mühsam herauf und Ghese sah, dass sie ein gebrochenes Bein hatte.
Welch ein Glückstag! Wenn sie dieses Tier erwischte, dann konnte Mutter eine kräftige Suppe bekommen. Schon lange redeten die Schwestern im Hospital davon, dass besseres Essen notwendig sei, um die Mutter wieder auf die Beine zu bringen. Der Tod stünde ihr schon im Gesicht geschrieben, hatten sie gesagt und von Hoffnungslosigkeit gesprochen. Ghese glaubte in ihrer kindlichen Einfalt tatsächlich, dass eine gute Mahlzeit die Krankheit ihrer Mutter besiegen und aller Not endlich ein Ende machen könnte.
Verbissen dachte sie nach. Die Ente war jetzt dummerweise auf der anderen Seite des Grabens. Den konnte sie nicht überwinden, also blieb ihr nichts anderes übrig, als zur nächsten Brücke zu gehen und so rasch sie konnte zurückzulaufen, das Tier zu fangen und ihm den Hals umzudrehen.
Ghese fing an zu rennen. Sie nahm ihre Holzpantoffeln in die Hand um schneller vorwärts zu kommen und sauste am Ufer entlang. Das blieb nicht unbeobachtet. Zwei Jungen in etwa ihrem Alter spielten im Gebüsch und sahen sie vorüberflitzen. Sofort rannten sie ihr hinterher, denn es musste schon einen wichtigen Grund geben, warum dieses Mädchen so in Eile war, und den wollten sie erfahren.
Nach ein paar hundert Metern sahen sie, was die Kleine so antrieb. Die Ente saß am Ufer und schnatterte immer noch ganz aufgeregt. Ghese stoppte ihren Lauf, um das Tier nicht zu verjagen, und schlich Schritt für Schritt näher. Vielleicht konnte sie sich auf sie werfen und am Hals festhalten, dass die Jungen ihr gefolgt waren, hatte sie gar nicht mitbekommen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, kaum wagte sie zu atmen. Noch einen kleinen Schritt, die Ente sah sie mit schief gelegtem Kopf misstrauisch an, dann könnte Ghese zugreifen. Dazu kam es nicht. Übereifrig und mit großem Trara stürzten sich die Bengels auf die Beute, die doch gar nicht für sie bestimmt war. Fassungslos sah das Kind zu, wie die Ente sich im letzten Moment in den Graben retten konnte. Ein Schrei entwich ihrer Mädchenbrust und wutentbrannt hieb sie einem der Jungen die Holzschuhe an den Kopf. So klein sie war, so erbarmungslos prügelte sie auf ihn ein, sodass der andere eingreifen musste. Nur mit Mühe konnte er Ghese von seinem Freund trennen.
Tränen liefen ihr über das Gesicht. Das schöne Essen für Mutter, es schien den Bach hinunter zu gehen. Allerdings hatte sie vergessen, dass die Ente gar nicht schwimmen konnte. Als die sich wieder im Kreis zu drehen begann, überlegte Ghese nicht lange und stieg in das kalte Nass. Die Jungen schauten verwundert zu, das würden sie niemals tun. Wegen eines blöden Vogels ging man zu dieser Jahreszeit doch nicht ins Wasser. Sie neideten dem Mädchen aber das Tier und wollten es ihm nicht gönnen. Hurtig begannen sie Steine aufzusammeln und nach ihr zu werfen. Zuerst trafen sie nicht und alle fielen mit leisem Ploppen ins Wasser. Je wütender sie aber wurden, desto besser zielten sie und bald trafen sie Gheses Kleider, ihre Arme und den Rücken. Die aber drehte sich nicht um, sie sagte kein Wort, nur die Ente, die hatte sie fest im Auge. Nach ein paar Schritten griff sie nach dem Hals des Tieres. Da traf sie ein großer Brocken am Kopf. Sofort schoss Blut aus einer klaffenden Wunde. Ghese strauchelte kurz, hatte aber die Ente schon gefangen. Vorsichtig watete sie an das andere Ufer, bis hierher trafen die Wurfgeschosse nicht. Erhobenen Hauptes und mit wildem Blick starrte sie die Bengel auf der anderen Seite an. Ihr Zorn war riesig, ihre Genugtuung groß. Sie war in dieser Schlacht der Gewinner, und wie es dem Sieger gebührte, gehörte ihr die letzte große Geste dieses Kampfes, sie drehte der Ente den Hals um und den Jungen eine Nase, dann lief sie davon.
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