Noch immer riss er an dem Fleischbrocken, als gelte es das Tier im Nachhinein noch einmal tot zu beißen.
„Ruhig, lieber Freund.“ Rikeland versuchte besänftigend auf ihn einzureden. „Da wurde Dir nur die Hälfte erzählt. So kommt es, wenn man Neuigkeiten aus zweiter Hand vernimmt. Ein Ratsmitglied kann es Dir nicht zugetragen haben, sonst wüsstest Du die ganze Geschichte.“
„Drum frage ich Dich, was ist dran an dieser Sache?“
„Im Grunde, und das weißt Du auch, sind die Sitzungen des Rates nicht öffentlich. Wer immer Dir etwas daraus berichtet hat, der durfte es nicht. Auch ich würde unrechtmäßig handeln.“
„Red nicht herum.“ Arnhold Hegemann wurde unwirsch. „Noch nie habe ich Dich um solcherlei gebeten. Hier steht aber meine Zukunft, die meiner Familie und ein beträchtlicher Teil meines Vermögens auf dem Spiel. Bist Du mein wahrer Freund? Dann sprich.“
„Na gut, ich weiß Du wirst mich nicht anschwärzen“, Rikeland rief die Magd und bat um einen frischen Krug Bier für beide, dann hub er an zu sprechen.
„Wismar hat sich in den letzten Jahren prächtig entwickelt. Du selbst weißt, wie gut Deine Geschäftsbeziehungen laufen. Die lübischen Händler reißen Dir das Bier fast aus den Händen, und nicht nur die, ich hörte Du hast feste Abnehmer in Köln und liebäugelst sogar mit dem Osten. So geht es vielen hier, die Geschäfte laufen mehr als gut, der Markt quillt über von heimischen Produkten. Im Hafen liegen Schiffe aus fremden Ländern und Kaufleute bieten Waren feil, die ich noch nie gesehen habe. Kurzum, unsere Stadt wächst. Aus diesem Grund erwägt der Rat eine Stadterweiterung. Wir gedenken sie nach Südwesten hin auszudehnen.“
„Also, doch“, erboste sich Hegemann, „die Stadt soll wachsen und das Aussätzigenhospital muss weichen, oder habt Ihr etwa beschlossen, dass es künftig innerhalb der Stadt bleiben darf?“
„Nun, zu Deiner Beruhigung, das Hospital wird verlegt. Westlich von Wismar, am Handelsweg nach Lübeck gibt es Ländereien, die wie geschaffen für ein neues Leprosorium sind. Deine Pfründe werden übernommen, und Du hast die Gewissheit, dass das neue Hospital besser gebaut wird als die erbärmliche Hütte bei Sankt Jürgen.“
„Was aber soll mit dem Friedhof und der alten Kapelle geschehen?“ Arnhold Hegemann kaute nun schon gelassener an dem Fleisch herum. Er war ein stattlicher Kerl, wenn er zum Essen auftauchte, konnte man sicher sein, dass kein Häppchen übrig blieb.
„Der Rat hat beschlossen ein neues Kirchspiel zu bauen, daher wird die Kapelle vorerst bleiben, aber wir werden eine neue Bürgerkirche bauen und somit wird auch der Friedhof weiterhin von der Stadt betrieben.“
„Wie viele Seelen leben eigentlich hier?“
„So an die viertausend mögen es wohl sein.
„Das ist ja eine beträchtliche Anzahl, da sind doch viele Töchter aus guten Häusern dabei, hat denn Dein Sohn noch immer keine Braut gefunden?“
„Bernhard ist nach Flandern unterwegs und versucht neue Handelsbeziehungen aufzubauen. Ich hoffe sehr, dass ihm dort eine Jungfer gefällt. Ich habe ihn bei meinem alten Freund Heesten einquartiert. Der hat gleich zwei liebreizende Töchter und die Mitgift kann sich auch sehen lassen.“
Hegemann lachte. „Als ob er die nötig hätte, Deine Geschäfte laufen seit Jahren mehr als gewinnbringend. Wer auch immer in Deine Familie einheiratet, wird es gut haben. Bernhard ist ein braver Bursche, Geld wird er genug erben und gesund ist er allemal. Aber zurück zur geplanten Stadterweiterung. Meinst Du es lohnt sich, innerhalb des neuen Kirchspiels ein Haus zu bauen?“
„Das könnte sehr wohl sein, ich selbst trage mich mit dem gleichen Gedanken. Darüber können wir aber ein anderes Mal reden, jetzt verrate mir endlich, wer Dir von dem Ratsbeschluss erzählt hat, diese Antwort bist Du mir schuldig. Heraus mit der Sprache, wer ist der Schwätzer?“
„Oh, das kann ich Dir gar nicht sagen. Ich habe vor einer Stunde im Roten Ochsen gegessen und am Nachbartisch ein Gespräch belauscht.“
„Du hast vor einer Stunde erst gegessen und frisst mir hier den Hammelbraten weg? Gütiger Gott Arnhold, Dich darf man nicht leichtfertig zu Tische bitten, da wird man schnell arm. Wer waren die Männer die Du beobachtet hast?“
„Ich kenne sie nicht, sie trugen gutes Tuch am Leib und sahen wohlhabend aus. Einer von ihnen hatte einen merkwürdigen Namen, er wurde von dem Anderen Jokoff genannt. Mehr kann ich Dir zu den beiden nicht sagen. Sie flüsterten sehr eindringlich miteinander.“
„Jokoff? Man erzählt sich, dass in der Familie Moderitz seit Generationen nur Jungen geboren werden, und damit das so bleibt, kriegen sie alle einen Namen mit J verpasst. Du kennst doch auch Jorge, Jost und Jesco. Ob dieser Jokoff wohl dazugehört? Es gibt noch einen Jander, und der ist Mitglied im Stadtrat. Sollte der sich erdreisten, die Ratsbesprechungen mit seinen Brüdern auszuwerten?“
Rikeland kam nicht dazu seine Gedanken weiter auszuführen. Trine, die Magd, bat ihn ins Kontor zu kommen, die alte Benedicta wolle ihn sprechen.
Als hätte ihn ein wildes Tier angefallen, sprang er vom Tisch auf und riss dabei den Bierkrug um. Das der Inhalt sich über den Teller und die lederne Hose seines Gastes ergoss schien ihn nicht zu stören. Hastig durchquerte er den Raum und polterte die Stufen zur unteren Etage hinunter.
Hegemann blieb verwundert zurück und schüttelte den Kopf. Was war nur in seinen Freund gefahren? Die alte Benedicta war weiß Gott kein Weib, deretwegen ein Mann den Kopf verlieren konnte. Mindestens sechzig Jahre musste sie schon zählen, er würde sich glücklich schätzen, wenn er dieses Alter jemals erreichen sollte.
Der Tisch war vom Bier triefend nass, seine Hose durchgeweicht, aber das hielt ihn nicht davon ab, sich das letzte Stück Braten zu angeln und es genüsslich zu verschlingen. Johan würde schon wiederkommen, bis dahin hatte er Muße noch die Kanne Bier zu leeren.
Johan Rikeland stand unterdessen atemlos vor der Frau und herrschte sie an. „Was hast Du mir zu geben, Vettel, her damit, schnell, schnell.“
Die Alte wühlte unter ihren Röcken einen Beutel hervor und griff hinein. Die Sache schien ihr selber nicht geheuer, und so hielt sie ihm zaghaft zwei kleine Engelsfiguren hin, eine schwarze und eine weiße. Rikeland griff sich ans Herz und taumelte zurück. Damit hatte er nicht gerechnet, welch ein Unglück. Es schien ihm gewiss, dass seinem Hause ab sofort böses Unheil drohte. Zitternd bedeutete er Benedicta den schwarzen Engel auf einen Tisch zu legen. „Den anderen, den bring zurück, und sag, ich bin zur selben Zeit am bekannten Ort.“
Dann sackte er auf einem Stuhl zusammen. So fand ihn wenig später Arnhold Hegemann, der sich anschickte heimwärts zu gehen.
März 1250 - Jokoff Moderitz
Eisig pfiff der Wind durch die Bäume.
Der Winter war mit ganzer Härte noch einmal zurückgekehrt und machte allen das Leben schwer. Die Tiere in Wald und Flur hatten sich verkrochen, und die Menschen taten es ihnen gleich. Wer nicht unbedingt musste, der blieb in Haus oder Hütte und hielt sich warm, soweit er noch irgend etwas besaß, das er verfeuern konnte.
Diese unwirtliche Zeit war aber auch die Zeit der Halunken und Verbrecher. Niemand sah sie, wenn sie sich nachts durch die Städte und Dörfer stahlen. Die Menschen hatten alle Fensterläden verbarrikadiert, um dem Wind keinen Einlass zu gewähren.
In einer solchen Nacht schlich eine Handvoll düsterer Gestalten etwa zwei Wegstunden von Wismar entfernt durch das Gehölz einer Niederung. Hier verlief die sonst stark belebte Handelsstraße nach Lübeck. In der heutigen Nacht ließ nicht einmal ein Käuzchen seine unheilvollen Schreie hören.
Die Männer froren erbärmlich, aber der Gedanke an das, was sie vorhatten, ließ sie die Kälte ertragen. Im Schutz einer Baumgruppe lauerten sie auf ihr Opfer.
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