„Ach, Du bist es,“sagte Jacqueline und ließ Augusta herein.
Drinnen machte Augusta große Augen. Die Vorhänge waren zugezogen, vor den Lampen rote Papierschirme, und Jacqueline hätte in ihrem Aufzug auch genausogut arbeiten gehen können.
„Wie siehst Du denn aus?“fragte Augusta.
„Könnte ich auch fragen, Frau Lehrerin,“schoß Jacqueline lächelnd zurück.„So hochkorrekt habe ich Dich jedenfalls selten gesehen.“
„Na, ja,“grinste Augusta verlegen.
„Und ich muß etwas möglicherweise Heikles mit meinem Ehemann besprechen,“gab Jacqueline zu. Augusta lächelte verständnisvoll.
„Ich bin gerade beim Kochen,“verriet Jacqueline.„Sag 'mal, weißt Du … ?“
„Ich brauch‘ Deine diskrete Hilfe,“unterbrach Augusta sie.
„Meine diskrete Hilfe?“fragte Jacqueline verwundert.
„Ja, ich brauch‘ ein paar von Deinen Fummeln.“
„Aber die passen Dir doch garnicht.“
„Nicht für mich, Du …,“Augusta zwang sich zur Ruhe,„sondern für jemanden, dem sie passen.“
„Und wen?“fragte Jacqueline mißtrauisch.
„Ich habe Diskretion versprochen,“grinste Augusta um Verständnis bittend.
„Hm.“Jacqueline verschränkte die Arme.
„Bitte, Jackie,“bat Augusta,„ich bin dabei, eine Ehe zu retten.“
„Eher ungewöhnlich für eine von uns,“lächelte Jacqueline jetzt milde.
„Weißt, Du, wie Valerie mich nennt?“
„Nein, wie denn?“
„Mitschlampe.“
Jacqueline lachte so hell, wie ihre dunkle Stimme es zuließ.
„Und jetzt bittest Du die dritte Mitschlampe, Dir zu helfen, eine Nichtschlampe so schlampenmäßig herzurichten, daß ihr Ehemann die Finger von den anderen Mitschlampen läßt?“fragte Jacqueline grinsend.
„Genau so,“bestätigte Augusta mit einem breitem Grinsen.
„Und wieso fragt sie ausgerechnet Dich?“
Augusta rieb sich das Kinn.
„Stimmt,“lächelte sie,„Du wärst eigentlich die richtige Beraterin gewesen. Ich hatte ihn nur zweimal.“
„Uuups,“ließ Jacqueline die Sache auf sich beruhen.„Komm mit.“
Sie führte ihre ehemalige Kollegin in ihr Schlafzimmer, öffnete einen Schrank und legte mehrere wunderschöne Sets und dazu passende Kleider heraus.
„Hier, kann sie geschenkt haben.“Auf Augustas fragenden Blick, setzte sie hinzu:„Julius mag die Farben nicht. Zu kalt.“
Augusta besah sich die Stücke genauer. Blau, violett, grün und türkis, was wunderbar zu Calistas Augen paßte. Jacqueline öffnete einen anderen Schrank.
„Und hier sind die passenden Schuhe.“
„Du bist ein Engel!“
„Nö,“grinste die Gelobte,„nur 'ne Hure, die reich geheiratet hat.“
Jetzt mußte Augusta lachen, packte auch diese Sachen in ihren großen Korb und deckte ein Tuch darüber.
„Kennst Du Dich mit Braten …?“fiel Jacqueline ein, als sie schon an der Tür waren, aber Augusta hörte sie schon nicht mehr.
Augusta legte die Strecke zum Summer-Haus in Rekordzeit zurück. Jacqueline Tipps fürs Kochen zu geben, war hoffnungslos, und sie wollte nicht die Schuldige sein, wenn der geplante Betörungsversuch schiefging.
Calista öffnete die Tür, ließ Augusta ein.
„Was haben Sie da?“
„Die Lösung ihrer Probleme, wenn Sie sich endlich von ihrer Mutter lösen.“
„Ich bin hier,“lächelte Calista tapfer.
„Ein guter Anfang.“Augusta breitete den Inhalt des Korbes aus dem Tisch auf. Calista atmete scharf ein, sagte aber nichts.
„Ich finde, Türkis paßt ganz wunderbar zu Ihren Augen.
Calista lächelte unsicher und faßte das Kostüm mit den Fingerspitzen an. Langsam und vorsichtig betastete sie es.
„Nur Stoff,“war ihre Feststellung. Augusta verdrehte kurz die Augen.
„Was denn sonst?“fragte sie.„Irgendeine dämonische Materie?“
„Sie haben Recht,“lächelte Calista überrascht.„Es passiert alles im Kopf.“Die Erkenntnis hatte sie offenbar so überwältigt, daß sie einige Minuten kein Glied rührte. Dann zog sie die Vorhänge zu, verschloß die Haustüre und fing an, sich langsam und methodisch auszuziehen. Stück für Stück ihrer Kleidung wurde sauber und ordentlich gefalten über einen Stuhl gelegt. Sie ließ sich Zeit damit.
‚Das richtige Ausziehen muß sie erst noch lernen,‘schoß es Augusta durch den Kopf. Sie rief sich zur Ordnung. Calista sollte nicht im Saloon arbeiten.
Als sie völlig nackt dastand, schaute Calista sich im Spiegel im Hausflur an und nickte. Offenbar merkte sie erst jetzt, was sie einem Mann – ihrem Mann – zu bieten hatte. Dann nahm sie zuerst die Strümpfe und zog sie an. Das ging offensichtlich leicht. Danach überlegte Calista einen Augenblick, nahm dann zögernd die langen Handschuhe. Schließlich blieb nur noch das Corsagenkostüm übrig. Sie nahm es, öffnete langsam die Häkchen. Ihre Hände zitterten. Augusta ließ sie machen, wartete ruhig ab. Schließlich stieg Calista ins Kostüm und hakte es mit Hilfe des Spiegels alleine zu. Augusta war beeindruckt. Im Saloon hatten sie sich immer gegenseitig helfen müssen. Calista atmete tief durch.
„Es ist so … so ungewohnt,“stellte sie fest, obwohl sie auch unter ihrem Alltagskleid ein Korsett getragen hatte.„Und in diesem … diesem Aufzug hat Mrs. Granger-Ford … gearbeitet?“
Augusta nickte:„Ziehen Sie auch die Schuhe an.“
Calista tat es, besah sich dann noch einmal im Spiegel, drehte sich um die eigene Achse und wäre beinahe gestolpert.
„Die Schuhe sind so anders.“
„Weiß ich,“lächelte Augusta und stöckelte ihr etwas vor.„Sehen sie, so geht das.“
Calista war eine folgsame Schülerin. Schon nach wenigen Minuten hatte sie den Bogen 'raus. Dann half Augusta ihr mit dem passenden Kleid, zeigte ihr, wie sie es schnell loswurde. Auch das brauchte nicht viel Übung.
Augusta bugsierte ihre Schülerin ins Schlafzimmer an den Frisiertisch. Dort kamen zunächst die Haare an die Reihe und nach den Haaren das Gesicht. Einige passende Schmuckstücke waren auch schnell gefunden. Dann schrieb Calista ein paar Zeilen, während Augusta Sachen für Doreen und ihren Bruder zusammenpackte. Zum Schluß steckte Augusta Calista noch eine Blume ins Haar.
„Und jetzt viel Glück,“wünschte sie der immernoch etwas unsicheren Calista.„Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß.“
Calista lächelte:„Danke.“
„Danken Sie mir, wenn’s geklappt hat.“
Augusta verschwand genau in dem Moment durch die Hintertür, in dem Rupert Summer die Vordertür mit seinem Schlüssel öffnete. Calista schlug das Herz bis zum Hals. Sie trat auf ihren Mann zu, umarmte ihn, und zum ersten Mal in dreizehn Jahren Ehe öffnete sie Ihre Lippen, um seine Zunge einzulassen.
Als Julius seine Haustür hinter sich schloß, begrüßte ihn ein lautes „Mist!“ aus der Küche. Er schaute um die Ecke, als seine Frau auch schon ankam und ihn zärtlich begrüßte. Den Grund für ihre harten Worte konnte er riechen. Jacqueline, die sein Schnüffeln bemerkt hatte, trat zerknirscht zurück und gab den Blick auf den verkohlten Braten frei.
„Ich tauge wohl nicht zur Hausfrau,“meinte sie mit dem traurigsten Gesicht, das er an ihr kannte.„Und dabei wollte ich heute Abend alles perfekt machen. Du solltest nach Hause kommen, und …“
Julius holte ein Tranchiermesser, entfernte die verbrannten Schichten vom Braten, probierte ein Stück des Restes.
„Mmmh,“war sein einziger Kommentar. Jacqueline kuschelte sich an ihn.
„Du bist so lieb.“
Er trug den Braten ins Esszimmer, wo schon Kerzen brannten, eine Flasche Wein auf den Öffner wartete, der Tisch festlich gedeckt war. Dann führte er seine Frau ins Wohnzimmer, setzte sich in seinen Sessel und seine Frau auf seinen Schoß, zog sie an sich.
„Wenn ich eine Köchin oder Putzfrau hätte haben wollen,“begann er,„dann hätte ich eine eingestellt.“
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