Augusta wußte, daß Feodora nur ehrlich war. Und besorgt.
„Was ist, wenn die eigene verkorkste Vergangenheit für andere zum Segen wird?“
Feodora legte ihren freien Arm um Augusta, zog sie zu sich.
„Ich frage jetzt nicht, wie sowas möglich ist,“sagte sie,„aber Du solltest vielleicht einfach dafür dankbar sein.“
„Hast Recht,“lächelte Augusta und war sofort wieder meilenweit entfernt.
Pokerrunde im Saloon. Jeder war überrascht gewesen, daß Jacqueline ihren Mann begleitete, aber die Pokerrunde hatte es nicht gesprengt, im Gegenteil. Jeder war froh, endlich ein Gegengewicht zum Sheriff zu haben. Ieyasu verbündete sich viel zu oft mit ihr, und dann machten sie Jagd auf die „reichen Säcke“.
Irgendwann in der Mitte der Zeit, ging Jacqueline auf einen Wink des Sheriffs, sich die Nase pudern, und Mary-Rose begleitete sie.
„Was ist los?“fragte Jacqueline sehr direkt, als sie unter sich waren.„Du willst Dir wohl kaum die Nase pudern.“
Ruhig, und ohne ein Wort zu sagen, brachte der Sheriff aus einer Tasche ihres Mantels eine Puderdose hervor und fing an, sich die Nase zu pudern. Jacqueline gab sich geschlagen und folgte ihrem Beispiel.
„Als Sheriff bin ich für die öffentliche Ordnung verantwortlich,“fing Mary-Rose jetzt an.
„Und?“Jacqueline konnte sich nicht denken, worauf sie hinaus wollte.
„Was Ihr hinter Eurer Haustür macht, geht mich nichts an,“fuhr der Sheriff fort,„es sei denn, man hört es draußen auf der Straße.“Sie atmete tief durch.„Wie Tante Ethel und ich heute Nachmittag.“
Jacqueline lief puterrot an, wie sie nicht nur im Spiegel sah.
„Euer Schlafzimmer liegt doch nach hinten 'raus,“sagte Mary-Rose nicht mehr ganz so geschäftsmäßig. Offenbar gab es doch einen Unterschied zwischen dreizehn und einunddreißig.„Und Du kannst es doch ein wenig steuern, oder?“
Jacqueline nickte nur.
„Und kein Wort zu Deinem Mann,“beschwor sie Mary-Rose.„Er würde sich zu Tode schämen.“
Jacqueline nickte wieder, und die beiden Frauen kehrten zum Pokertisch zurück.
Als Mary-Rose nach Hause kam, war ihre Mutter schon im Bett, bei ihrem Vater brannte aber noch Licht.
„Mach Schluß, Dad,“empfahl sie.„Es ist schon elf.“
Arthur Morton Robinson betrachtete die fremde Gestalt mit dem Sheriffstern, die da mit der Stimme seiner Tochter sprach. Sie lehnte am Türpfosten, die schmalen Schultern noch nicht breit genug, damit der Hut dabei nicht verrutschte. Der Mantel hing so langsam etwa acht Zoll über dem Boden – sie mußte also vier Zoll gewachsen sein – und war offen, so daß man die beiden Colts sehen konnte. Begann das Hemd da im Brustbereich etwa schon, etwas zu spannen? War es wirklich erst ein knappes Jahr her, daß sein kleines Mädchen ihn zur Bürgerversammlung begleitet hatte? Damals noch ganz Kind. Das Gesicht lag noch im Dunkeln, beschattet vom Hut.
„Ich bin’s wirklich, Dad,“lächelte sie offensichtlich und trat ins Licht der Lampe.„Warum bist Du jetzt noch auf?“
„Ich hatte noch zu arbeiten,“wich ihr Vater aus.
„Vorbereitungen für morgen früh?“Sie erfaßte mit einem Blick die Papiere auf dem Schreibtisch.
„Hausaufgaben,“grinste er.
„Und ein Termin bei Onkel Julius,“stellte sie fest.
„Muß was mit ihm klären,“murmelte er.„Hoffentlich ist er da.“
Mary-Rose erfaßte Stimmlage und Gesichtsausdruck ihres Vaters.
„Hab‘ ich schon,“eröffnete sie ihm,„mit Jacqueline.“
Ihr Vater machte große Augen.
„Du meinst doch die etwas zu lauten ehelichen Freuden, oder?“
Der Pastor nickte.
„Ich hab‘ sie heute Nachmittag zusammen mit Tante Ethel gehört,“erklärte Mary-Rose,„und heute Abend war Jacqueline mit am Pokertisch.“
„Und?“fragte ihr Vater gespannt.
„Hast Du schon 'mal ein – zugegebenermaßen ehemaliges – Freudenmädchen rot werden sehen?“grinste sie.
„Nein,“lächelte er.
„Ich hab‘ mich mit ihr kurz zum Nase pudern zurückgezogen und sie gebeten, das ganze mehr hinten raus zu steuern. Sie will’s tun.“
„Wieso erzählst Du mir das?“
„Damit Du Onkel Julius in Ruhe läßt,“antwortete Mary-Rose.„Er würde sich zu Tode schämen.“
Daran hatte Arthur nicht gedacht. Seine Tochter hatte Recht!
„Und warum hast Du Dich darum gekümmert?“fragte er, nur um etwas zu sagen.
„Weil die öffentliche Ordnung mein Job ist,“antwortete sie schlicht.
Der Pastor blickte wieder diese Gestalt an, die so aussah wie seine dreizehnjährige Tochter. Hatte bei ihren Worten nicht kurz der Sheriffstern aufgeblitzt?‚Warum, oh Herr?‘fragte er nicht zum ersten Mal.‚Warum belastest Du dieses zarte Wesen mit all diesen Dingen?‘Er lächelte.
„Ich laß‘ ihn in Ruhe,“beruhigte er sie, stand auf und streckte sich.„Du hast Recht.“
„Gute Nacht, Dad,“sagte der Sheriff. Auch ihre Stimme hatte sich etwas verändert, war voller, fraulicher geworden. Oder bildete er sich das nur ein? Die Gedanken schwirrten ihm im Kopf umher. Kein Wunder, so spät wie es war. Er ging ins Bett.
Am nächsten Morgen wurde Marge vom Geräusch der Nähmaschine geweckt. In der Küche saß ihre Tochter und nähte an ihrem Mantel herum.
„Wurde langsam zu kurz,“erklärte sie auf den entgeisterten Blick ihrer Mutter,„da hab‘ ich ihn ein bißchen rausgelassen.“
Marge konnte sich gerade noch daran erinnern, daß sie den Mantel extra weit umgenäht hatte, weil er damals viel zu lang gewesen war. Sie sah auf die Falte. Etwa vier Zoll in einem dreiviertel Jahr! Mary-Rose mußte die Größe ihres Vaters geerbt haben.
Später beim Frühstück saß sie ihrer Tochter gegenüber, bemerkte wieder einmal, wo der Stern saß.
„Am liebsten hättest Du wohl zwei Sterne?“Marge konnte Argumente nicht so lenken wie ihr Mann.
„Oooch, Mum,“maulte Mary-Rose.
„Ich weiß, daß Du gerne erwachsen wärst,”lächelte Marge,„sogar erwachsen sein mußt, als Sheriff, aber …“
„ … wenn Du auch nur etwas von Deiner Mutter hast,“übernahm Arthur, der wohl gerade auf dem Weg zum Abort war,„wirst Du vielleicht in sechs oder sieben Jahren Jacqueline Granger-Ford in den Schatten stellen, aber eben erst dann.“Er stützte sich auf einen Stuhl.„Und dann solltest Du beherzigen, daß phantasievolles Verhüllen viel wirkungsvoller ist als platte Offenherzigkeit.“Er setzte sich.„Zumindest hat Deine Mutter mich damit geködert.“
„Arthur!“rief Marge erschrocken aus, mußte aber innerlich zugeben, daß er nichts als die Wahrheit sagte.
„Besser, Du lernst es früh genug als zu spät,“fuhr Arthur ungerührt fort.„Du mußt niemandem beweisen, daß Du eine Frau bist.“Er blickte ihr eindringlich in die Augen, suchte offensichtlich nach Worten.„Auch wenn Du rein physisch schon in der Lage wärst, uns einen Enkel zu schenken, und mit etwas Hilfe die Erziehung wohl auch meistern könntest.“
Marges Herz setzte aus. Arthur wurde nur selten so direkt. Mary-Rose wirkte sehr nachdenklich.
„Würdest Du mir das tatsächlich zutrauen, Dad?“fragte sie.
„Ja und nein,“antwortete ihr Vater.
Mary-Rose machte ein ratloses Gesicht.
„Ja, ich traue Dir zu, daß Du es schaffst, sollte es passieren,“erklärte er ihr.„Und nein, ich traue Dir nicht zu, daß Du so dämlich und unreif bist, es jetzt schon passieren zu lassen.“
„Ich nehme das jetzt 'mal als Kompliment,“antwortete Mary-Rose ratlos, beendete ihr Frühstück und brach auf in die Schule, nachdem sie ihren Stern etwas höher angesteckt hatte.
„Mußte das sein, Arthur?“fragte Marge, als ihre Tochter draußen war.„Sie ist erst dreizehn.“
Arthur stand auf, nahm seine Frau in den Arm.
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