Philipp Langenbach - Clearwater

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Clearwater, Colorado, im Jahre 1869. Eine junge Frau wird vergewaltigt, den Verbrecher ereilt seine Strafe. Bisher ohne Sheriff, bekommt das Städchen jetzt einen. Und die räumt mit ihren ganz eigenen Methoden auf, während die Stadt sich entwickelt, wächst und immer wieder beweist, daß «Bleichgesichter alle krank unter Skalps!» sind.
Nicht, daß die Rothäute viel besser wären. Als Eisenbahnaktionäre, Richter und anderes mischen sie sich immer wieder ein, sorgen dafür daß ein Governor und ein Präsident sich gegenüber den anderen Nicht-Bleichgesichtern sehr viel moderner beweisen müssen, als sie eigentlich wollten, und wenn garnichts hilft, dann wird so lange Pow-Wow gehalten, bis die anderen, … aber lesen Sie selbst.
Es hält sich auch hartnäckig das Gerücht, daß Revolvermänner nichts mit Bildung am Hut hätten, Puritaner unflexibel und echte Briten im Westen fehl am Platz wären. Ts, ts! Immer diese Klischees! Da setzen wir uns doch lieber mit einer Tasse Tee und der Bibel in die Bibliothek, es sei denn, im Saloon gäbe es etwas von Interesse, eine Schlägerei etwa, von der man dann am nächsten Morgen in der Zeitung lesen kann – im Lokalteil, gleich hinter den Börsennachrichten.
Nun, ja: Clearwater eben.

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„Du gehst mit Deinem verrückten Leben erwachsener um, als ich je mit meinem,“lobte Jacqueline betroffen, zwang sich dann ein Lächeln ab.„Aber was Du jeden Monat erlebst, ist bei jeder Frau gleich. Bei einigen schwächer, bei einigen wie bei Dir stärker.“

„Bitte erzähl weiter,“drängte Mary-Rose.„Ich weiß noch viel zu wenig … für den Job.“

„Na, gut,“versuchte Jacqueline nicht allzu offensichtlich nicht zu lächeln.„Als ich als Professionelle angefangen habe, war ich süchtig danach. Ich hab‘ sogar mit meinem zusammengebumsten Geld einen Irrenarzt aufgesucht. Der wollte mir auch helfen, aber um ihn zu bezahlen, mußte ich arbeiten.“

„Ging also ziemlich in die Hose, was?“

„Genau. Fünfhundert Dollar für nichts.“Jacqueline gelang ein Lächeln.„Jetzt, wo ich’s nicht mehr brauche, könnte ich’s mir leisten.“

„Schlechtes Timing,“kommentierte Mary-Rose.„Aber wie kamst Du da 'raus?“

„Der Job war die Kur,“beichtete Jacqueline tonlos.„Irgendwann blieb die Lust aus, dann die Entspannung, und am Ende waren zehn Männer pro Nacht nur noch Druck.“

Mary-Rose sagte nichts, hörte nur zu.

„Jedesmal, wenn Onkel Julius eine ganze Nacht bezahlte, ging es mir besser, weil er, abgesehen von dem Einen einfach nur warm kuscheln wollte.“Jetzt hielt Jacqueline sich die Hand vor den Mund. Hatte sie das wirklich gerade gesagt? Was, wenn…? Mary-Rose faßte ihre Hände.

„Ich bin 'ne Pastorentochter,“erinnerte der Sheriff Jacqueline,„und weiß, was ein Seelsorgegeheimnis ist.“

Jacqueline entspannte sich.

„Jetzt kennst Du die ganze Wahrheit,“lächelte sie verlegen.

„Ich glaub‘, ich hab‘ kapiert.“Mary-Rose kippte ihren Kaffee hinunter, griff jetzt doch zur Zigarre.

„Steh‘ 'mal auf,“sagte Jacqueline.

Mary-Rose tat es.

„Für dreizehn ist das schon viel Brust, und die Hüften, na ja,“stellte Jacqueline fest.

Mary-Rose setzte sich wieder. Sie wirkte jetzt entspannter.

„Dann hab‘ ich ja noch Hoffnung.“

„Mach Dir bloß keinen Druck,“mahnte Jacqueline,„sonst hauen die Kerle ab, oder Du ziehst nur Nieten.“

„Manchmal wär’s halt schön, nicht nur mit Mum kuscheln zu können.“

Jacqueline lächelte:„Das ist die Gemeinsamkeit zwischen 13 und 31. Außer den Ziffern meine ich.“

Mary-Rose lachte.

„Kannst Du mir auch helfen?“

„Wie denn?“

Jacqueline zeigte auf das Klavier.

„Ich möchte spielen lernen,“sagte sie verlegen,„Bildung erwerben.“

„O.K.,“sagte Mary-Rose.„So haben wir wenigstens eine passende Ausrede für die Zigarre.“

Rupert fragte sich, wie lange Calista diesen Tag schon vorbereitet hatte. Der Ort an dem sie waren, eignete sich hervorragend für ein unbeobachtetes Picknik. Eine absolut blickdichte Tuja-Hecke umschloß den Platz am Fluß, etwa drei Meilen vor der Stadt von drei Seiten. Die Seite zum Fluß hin konnte mit einer Segeltuchplane, die auf einem Seil ähnlich einem Vorhang lief, verschlossen werden. Durch den Platz floß ein kleiner Bach, der drei Teiche speiste. Einen größeren und tieferen zum Schwimmen, einen kleineren, in dem mehrere Personen sitzen konnten, und einen, der sich mit gerade einmal fünf Fuß Durchmesser und anderthalb Fuß Tiefe allerhöchstens für zwei Leute oder spielende Kinder eignete. Der ganze Platz umfaßte sechzig mal vierzig Fuß, bot also genügend Platz. Davor waren Pfähle eingeschlagen, an denen die Pferde angebunden werden konnten.

Calista breitete die Picknickdecke aus, deckte auf, entkleidete sich und glitt ins Wasser. Sie winkte ihrem Mann, der ihr, wenn auch verwirrt so doch willig, folgte. Was war nur mit ihr los? So unternehmungslustig und hemmungslos hatte er sie noch nie erlebt.

Als sie am Ende jeder mit einem gefüllten Weinglas im kleinsten Teich saßen, fragte er sie:„Woher kennst Du das hier?“

Sie lächelte geheimnisvoll.

„Meine diskrete Helferin hat mir diesen Ort verraten,“erklärte sie.„Nein, nicht die, an die Du jetzt denkst.“

Wer war bloß diese Helferin? Egal! Er war hier. Calista war hier. Und sie retteten gerade ihre Ehe. Rupert war das schon jetzt lieber als der vorige Zustand.

Als Mary-Rose am späten Nachmittag nach Hause kam, wirkte sie auf Marge aufgeräumter als am Morgen. Allerdings roch die feine Nase der Mutter Rauch.

„Hab‘ Jacqueline Klavierunterricht gegeben und dafür 'ne Zigarre gekriegt,“erklärte Mary-Rose. Marge war sich sicher, daß es nicht nur um‘s Klavierspielen gegangen war. Mary-Rose aß schweigend, ging dann in den Stall, um anzuspannen. Offensichtlich wollte sie weiteren Fragen ausweichen.

Als Vater und Tochter auf dem Weg zu Sir Waldo waren, setzte sich Marge mit einem illustrierten Magazin, das ihr Mann ihr aus der Stadt mitgebracht hatte, ins Wohnzimmer. Es enthielt unter anderem Bilder der neuesten Mode im Osten.

„So kleiden sich also jetzt die Frauen der Greenhorns,“dachte Marge und kicherte bei dem Gedanken.

Als sie die Stadt verließen, gesellte sich ihnen ein weiterer Wagen hinzu. Mary-Rose blickte kurz hinüber und erkannte Onkel Julius und Jacqueline. Sie fuhren schweigend hintereinander.

Vor dem Anwesen des Engländers angekommen, staunte Mary-Rose nicht schlecht. Mittlerweile waren die Gräben für die Fundamente und der Keller des Erweiterungsbaues komplett ausgehoben. An einer Stelle hatte man sogar schon mit den Fundamentmauern angefangen. Das Ding wurde auf jeden Fall riesig. Die Wagen parkten sie in einer Umzäunung außerhalb, in der auch schon der Wagen der Alders stand. Sir Waldo begrüßte sie, wie immer, im Hausmantel mit seiner Pfeife im Mund, und drinnen warteten nicht nur Jack und Feodora, sondern auch Mike und Valerie Alder. Offensichtlich wollten hier einige Leute etwas für ihre Bildung tun. Und mit zwei Haarspaltern vom Kaliber des Sheriffs oder Mike Alders mochte das für die anderen ein anstrengender Abend werden.

Arthur sah von seinem Schreibtisch auf, als es klopfte, rief „Herein!“ und blickte durch die offene Tür zur Haustür, die gerade geöffnet wurde. Herein kamen Elmer Perkins und Wilbur Montgommery.

„Kommt durch in mein Büro,“rief Arthur.„Marge ist gerade weg.“

„Wissen wir,“meinte Wilbur.

„Haben drauf gewartet,“sekundierte Elmer.

„Warum das denn?“fragte Arthur, obwohl er schon so eine Ahnung hatte.

„Also, es ist so, daß …,“begann Elmer.

„Der Doc hat gesagt,“fiel Wilbur ihm ins Wort,„wir wären wieder ganz gesund.“

„Großartig!“freute sich Arthur.„Und warum kommt ihr dann zu mir?“

„Weil unsere Frauen wollen, …“erklärte Wilbur.

„ …, daß uns ein Priester begutachtet,“vollendete Elmer den Satz,„wie es das Gesetz befiehlt.“Er zog eine Grimasse.

„Kannst Du uns irgendwas schreiben, damit sie Ruhe geben?“fragte Wilbur.

Arthur grinste, dachte sich seinen Teil.

„Das wäre ja dann wohl nicht ganz richtig,“erinnerte er die beiden Männer ernst, legte dann ein Wolfsgrinsen auf.„Also Jungs: Hosen 'runter!“

Am nächsten Tag behaupteten einige Bürger Clearwaters, allesamt nüchterne Leute, sie hätten Wilma Perkins und Dorothy Montgomery durch die Stadt schweben sehen, das Gesicht selig vor Glück.

Herbst in Clearwater. Auf der großen Festwiese vor der Stadt tummelten sich Rindviecher beiderlei Geschlechts, aller Rassen und jeden Alters, wobei sich die Gehörnten noch am vernünftigsten aufführten. Die verrücktesten waren die Jungtiere derer, die auf den Pferden saßen. Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren, die sich lateinische, griechische und hebräische Brocken zuwarfen, in aller Eile gepaukt, aufgeregt und ungeduldig. Immer dazwischen die Eltern, die ihre Kinder verabschieden wollten. Mit Kuß auf die Stirn die jüngeren, mit einem festen Händedruck die älteren. Manches junge Mädchen war nicht nur das erste Mal im Leben von zuhause weg, sondern hatte auch das erste Mal im Leben einen Revolver in der Hand. Na, ja: Fast. Mary-Rose hatte einige Kurse abgehalten. Jack Alder nahm sich vor, diese zu intensivieren, und hoffte, daß sie sie nicht brauchen würden. Nicht weit entfernt stand Ieyasu und verabschiedete seine Tochter Yukiko. Das Mädchen verneigte sich und bestieg sein Pferd. An der Seite hingen zwei Schwerter. Jack drängte sein Pferd näher zu ihr hin.

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