„Herein.“
Die Tür öffnete sich und ein trat … der Pastor.
„Arthur,“rief Jack freudig aus,„Du rettest mir den Nachmittag.“
Arthur sah die Papiere und glaubte ihm. Mike kam die Treppe herunter und begrüßte den Gast, offensichtlich genauso froh wie sein Bruder, eine Entschuldigung zu haben, die Arbeit liegenlassen zu können. Doug’s Single Malt machte die Runde, und die Männer kamen ans Erzählen. Als es Zeit zum Abendessen war, deckte Doug auch für den Pastor mit.
Wieder Hufgetrampel. Das mußte Ron sein, der aus der Mine kam. Die Tür öffnete sich und ein trat … der Sheriff.
„Familientreffen,“grinste Doug.
Mary-Rose nahm ihren Hut ab und schaute etwas verlegen drein. Ihr fülliges Haar ließ sie wieder wie ein kleines Mädchen aussehen. Offensichtlich hatte sie ihren Vater nicht hier erwartet.
„Bist Du ein ehrliches Gespenst, so sprich,“lachte Doug.
„Ich komme eigentlich zu Onkel Jack und Onkel Mike,“fand sie jetzt Worte.
„Ja?“fragte Jack.
„Und?“fragte Mike.
„Es geht um die Sache im Saloon,“begann sie.
Jack und Mike sagten nichts, ließen ihr Zeit.
„Es war unangemessen, Euch in den Trog zu treten,“versteckte Mary-Rose sich jetzt hinter Formalismus,„und ich bitte Euch beide um Verzeihung.“
Jack und Mike sahen sich an, und jeder legte Mary-Rose eine Hand auf die Schulter. Mary-Rose stählte sich für die Attacke. Sie wäre schon für einen eine leichte Beute gewesen.
„Nein,“antwortete Jack,„wir haben um Verzeihung zu bitten.“
„Du bist der Sheriff,“stimmte Mike zu,„und hast in der Stadt für Ordnung zu sorgen. Auch wenn die Störenfriede Alder heißen und im Stadtrat sitzen.“
„Und dazu noch Lehrer sein sollen,“setzte Jack hinzu.„Wieso warst Du überhaupt so schnell im Saloon?“
„Tante Feodora und Du hattet das Fenster offen,“erklärte Mary-Rose,„und da ich Euch beide kenne, habe ich Ärger vermutet, sobald Onkel Mike davon erfährt.“
Mike kratzte sich am Kopf.
„Vielleicht haben wir einfach zuviel von unserem Vater.“
Es war gut, daß nur Mary-Rose in diesem Moment den vielsagenden Gesichtsausdruck ihres Vaters sah. Sie verabschiedete sich. Wieder der Griff, mit dem sie die Haare unter den Hut bekam, und der Mike jedesmal Bewunderung abnötigte, wenn er ihn sah. Dann bestieg sie ihr Pferd.
„Bleib‘ ruhig noch hier, Dad,“sagte sie dabei.„Ich hab‘ Mum versprochen, heute Abend die Wäsche wegzubügeln.“
Sie ritt davon.
„Glückliche Stadt, deren Sheriff einen Fehler zugeben kann,“meinte Doug.
Als Mary-Rose nach Hause kam, spürte sie sofort, daß irgendetwas anders war. Schon auf dem Weg hatte sie so ein unruhiges Gefühl beschlichen. Und unruhige Gefühle eines Sheriffs bedeuteten meist nichts Gutes. Sie brachte ihr Pferd in den Stall und bereitete alles für die Nacht vor. Ihr Vater brauchte dann nur noch sein Pferd in die Box zu stellen. Dann ging sie zum Haus.
„Mum, ich bin zu Hause,“rief sie.
„Wir sind im Wohnzimmer,“kam die Antwort, und Mary-Rose ging dorthin, ohne erst Hut und Mantel abzulegen. Als sie die Tür öffnete, hätte sie beinahe einen Colt gezogen. Im Wohnzimmer bei ihrer Mutter saßen … Tante Dorothy und Tante Wilma!
„Was wollt Ihr denn hier?“fauchte Mary-Rose.„Wenn Ihr meine Mutter quält, dann …“
„ … sind wir tot,“vollendete Tante Wilma den Satz.
„Die beiden sind nicht hier um mich zu quälen, Schatz,“lächelte ihre Mutter.„Sie haben mir den ganzen Tag geholfen.“
„So?“fragte Mary-Rose skeptisch.„Und warum?“
Tante Dorothy kramte in ihrer Handtasche, holte ein Metallröhrchen hervor, daß sie aufschraubte. Dann hielt sie es Mary-Rose hin.
„Zigarre, Sheriff?“fragte sie.
Nach einem Seitenblick auf ihre Mutter nahm Mary-Rose die Zigarre.
„Danke,“sagte sie nur, während Tante Wilma ihr mit einem Streichholz die Zigarre anzündete.
„Du hattest Recht, damals vor dem Laden,“fing Tante Dorothy an.
„Wir haben nur auf die anderen herabgesehen, während wir uns selbst nicht an Gottes Wort gehalten haben,“gab Tante Wilma zu.
„Wissen jetzt auch, welche beiden Männer den Tripper haben,“erklärte Tante Dorothy düster,„und es geschieht uns Recht.“
Marge hätte sich beinahe an ihrem Tee verschluckt.
„Wir wollten Dich mit unserer Hilfe etwas entlasten.“Tante Wilma.
„Das hält ja das stärkste Pferd nicht aus, was Du so schaffst.“Tante Dorothy.„Während wir nicht einmal unser eigenes Leben geregelt bekommen.“
Mary-Rose war noch immer reserviert, und Marge verhielt sich ganz neutral.
„Ich und mein loses Mundwerk,“stöhnte Mary-Rose, mußte sich sichtlich überwinden.„Ich vergebe Euch.“
„Danke,“sagten beide.
„Was sagt der Arzt?“
„Es ist möglicherweise heilbar.“
„Gut.“Mary-Rose meinte das ehrlich.„Aber solltet Ihr nicht noch mehr Leute um Vergebung bitten?“
„Wir gehen noch heute Abend bei Myrna Jenkins vorbei,“antwortete Tante Dorothy.
„Und?“
Beide wurden wieder blaß, wollten sich wohl noch nicht überwinden. Der Blick des Sheriffs verfinsterte sich und ihre Stimme wurde stahlhart.
„Morgen Früh werdet Ihr beide Euch ein Gewehr nehmen, damit ihr nicht ungeschützt seid. Sprecht Euch ab. Dann macht Ihr Euch auf den Weg zur Alder-Ranch, zu Fuß.“
Beide Frauen – jede etwa viermal so alt wie Mary-Rose – blickten zu Boden.
„Jawohl, Sheriff.“
„Gehet hin und sündiget hinfort nicht mehr.“
Die beiden Frauen entfernten sich.
„Du warst zu hart mit Ihnen,“tadelte Marge ihre Tochter, als der Besuch wieder draußen war.
Mary-Rose lehnte sich in ihrem Sessel zurück, schloß die Augen und zog ein paar Mal an ihrer Zigarre.
„Ich wollte nur sichergehen, daß ihre Freundlichkeiten nicht bloß … Opfer waren,“sagte sie, ohne die Augen zu öffnen.„Ohne wirkliche Herzensänderung, verstehst Du?“
Marge verstand. Sie nickte.
„Und wenn sie morgen losgehen …“
„Eben.“Mary-Rose tat einen weiteren tiefen Zug.„Myrna und ich haben nichts Unrechtes getan. Das wissen sie. Aber Augusta, Valerie und Jacqueline? Das verlangt wahre Demut.“
Marge öffnete das Fenster, und Mary-Rose rauchte in Ruhe ihre Zigarre zu Ende, stieß Rauchwölkchen und -kringel gegen die Decke.
„Und ich bin nicht bestechlich.“
Marge lächelte und flüchtete in die Küche. In umschlossenen Räumen fand sie den Geruch von Tabakrauch unerträglich.
Augusta und Valerie hatten schulfrei, wie sie es nannten. Einen Tag in der Woche brauchten sie einfach, um das Haus in Ordnung zu halten. Keiner der vier – auch Doug nicht – war dafür zu brauchen. Außerdem war es schön, einmal ohne die anderen zu sein, die keine der beiden Frauen wirklich verstehen konnten. Augusta war die Einzige, mit der Valerie auch über das reden konnte, was sie Mike nicht erzählt hatte, weil es noch zu sehr wehtat. Doug, der das schnell gespürt hatte, war ganz gegen seine sonstige Art dann draußen bei den Herden.
„Da kommt jemand,“stellte Augusta nach einem Blick aus dem Fenster fest.„Zu Fuß.“
Valerie trocknete ihre Tränen und stellte ihr Gesicht wieder her.
„Wer kann das sein?“
„Sie tragen eine weiße Fahne.“
„Rothäute?“
„Nein,“antwortete Augusta verblüfft,„zwei weiße Frauen.“
Valerie holte das Gewehr ihres Schwagers aus der Ecke und lud es.
„‘mal sehen, was die wollen,“sagte sie und ging mit Augusta vor die Tür.
Dort sahen sie, wer da auf sie zukam. Sie nickten einander zu. Das konnte ein interessanter Vormittag werden.
Etwa fünfzig Yards vor dem Farmhaus lehnte Wilma das Gewehr an eine Fence. Dann kamen die beiden Frauen mit gesenkten Köpfen näher. Dorothy stellte etwa zwanzig Yards vor dem Haus die Fahne ab und fragte:„Dürfen wir näherkommen?“
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