„Gekonnt, aber übertrieben,“flüsterte Augusta ihrer Schwägerin zu.
„Immerhin macht sie ihren Job,“mischte Mike sich ein.
Es wurden große Reden gehalten. Auch die Häuptlinge ließen sich nicht lumpen. Der Gouverneur redete mit allen möglichen Leuten, und morgen würde der Schulalltag in Clearwater Einzug halten.
„Heute keine Extras?“fragte Jack.
„Muß einen klaren Kopf behalten,“antwortete Mary-Rose.„Der Governor, die Lehrer.“
„Willst wohl Deine neuen Lehrer beeindrucken?“
„Sagen wir 'mal,“lächelte sie verlegen,„ich will nicht gleich alles versauen.“
Jack Alder lachte. Mary-Rose warf einen Blick in die Runde. Die Deputies waren genau da, wo sie sein mußten und so gut wie unsichtbar. Sie war zufrieden.
Am nächsten Morgen bestieg der Gouverneur seine Kutsche, um einige Eindrücke und Erfahrungen reicher aber 100 Dollar ärmer, die der Sheriff auf ihr Konto packte.
Feodora blickte aus dem Fenster. Auf dem provisorischen Schulhof tummelten sich die Schüler. Chaos überall. Die Kinder wußten nicht, mit welchem Lehrer sie gehen mußten, der aufgestellte Gong drang genausowenig durch wie Jacks Gebrüll. Die Älteren waren schnell eingesammelt, aber die jüngeren…
Plötzlich ein Schuß. Stille. Feodora suchte den Platz ab. Mary-Rose! Natürlich! Endlich war Ruhe. Die Rektorin trat ans Fenster und nutzte das aus.
Eine alte Scheune, in der man Tische und Bänke aufgestellt hatte. Zwei Fenster ließen Tageslicht herein. Die Schüler setzten sich auf ihre Plätze.
Der Mann, der vorne an die Tafel trat, trug eine Lederweste, Stiefel, zwei Colts und einen breitkrempigen Hut. Man hätte ihn glatt für einen Cowboy halten können.
„Mein Name ist Jack Alder,“begann der Mann,„und ich bin Euer Lehrer in Latein und Altgriechisch.“Er musterte seine Klasse.„Ich habe also die Aufgabe, euch genug davon beizubringen, daß ihr später den Corpus Iuris Iustinianus und die Ilias des Homer im Original lesen und verstehen könnt.“
Eine Hand reckte sich nach oben.
„Ja?“
„Ist nicht auch die Bibel zum Teil in Griechisch?“
Alder kannte das Kind nicht, vermutete aber, daß es von einer der Farmen stammte.
„Das ist richtig,“antwortete er,„das Neue Testament ist original in Griechisch geschrieben, aber unsere ganze Kultur fußt auf dem klassischen Griechenland. Dort wurde die Demokratie erfunden.“
Noch ein Blick in die Runde.
„Beide Sprachen sind uns fremd und nicht einfach,“fuhr er fort,„darum strengt Euch an. Auch weil …“Er machte eine kleine Pause.„ … die fünf besten jeder Klasse im Herbst am großen Viehtrieb teilnehmen dürfen.“
„Auch die Mädchen?“Schon wieder das Kind von vorhin, diesmal ohne aufzuzeigen. Der Lehrer beschloß, ihr das diesmal durchgehen zu lassen.
„Ja, auch die Mädchen,“antwortete er.„Und wenn einer nicht will oder darf, rückt der Nächste nach.“
Mehr brauchte er nicht zu sagen. Plötzlich hatten alle Kinder ihre Hefte und Bücher vor sich liegen, saßen kerzengerade und paßten auf.
Auch Augusta hielt ihre erste Stunde. Sie stellte sich vor und machte den Kindern das gleiche Angebot wie ihr Mann. Sie versuchte ihre Nervosität hinter der gleichen Maske zu verbergen, die sie früher in den diversen Saloons so oft benutzt hatte. Aber erwachsene Männer waren so viel leichter zu täuschen als Kinder. Am Ende ihrer Ausführungen hob ein Mädchen die Hand.
„Ja?“
„Mrs. Alder, was ist eine Frau mit Vergangenheit?“fragte die Kleine ganz unschuldig.
Augusta war geschockt, schaffte es aber, sich sofort zu fangen.
„Warum?“
„Weil meine Mutter Sie so genannt hat.“
Augusta atmete tief durch.
„Wenn Deine Mutter mir einen Brief schreibt, daß ich Dir das erklären soll,“erklärte sie,„werde ich das tun. Eher nicht.“
Die Kinder ihrer Klasse waren gerade einmal elf Jahre alt.
Danach begann sie die erste Lektion.
Mike Alder kam gerade an die Tür seines Klassenraumes, als er stutzte. Der Pastor stand da.
„Was machst Du denn hier, Arthur?“fragte er.„Glaubst wohl, ich werde mit Mary-Rose nicht alleine fertig?“
Der Pastor lächelte:„Nein ich glaube, daß der Cowboy, professionelle Spieler, Raufbold und Pferdehändler Mike Alder soviel besser Griechisch kann als ich, daß ich von ihm lernen sollte.“
Mike schob mit der linken Hand seinen Hut zurück, kratzte sich verlegen am Kopf und klopfte dann seinem Freund auf die Schulter:„Wenn Du noch in die Bänke paßt.“
Sie betraten den Klassenraum. Arthur hängte seinen Hut neben den seiner Tochter und setzte sich neben sie. Mike hatte Recht gehabt mit den Bänken.
Als alle Alders beim Abendessen saßen und über den Tag sprachen, blieb Valerie ungewöhnlich still.
„Was ist Schatz?“fragte Mike.„Warum so still?“
„Das Essen ist großartig,“lobte Jack, nur um etwas Positives zu sagen.
„Das ist es ja gerade,“explodierte Valerie.
„Was?“fragte Feodora verständnislos.
„Du bist Rektorin, Jack, Mike und Augusta Lehrer. Doug hält mit seiner Buchhaltung die Ranch am Laufen, Ron hat die Mine,“zählte Valerie auf,„und ich stehe in der Küche.“
„Ab sofort koche ich zweimal die Woche,“bot Doug völlig deplaziert an.
Mike nahm die Hände seiner Frau.
„Du fühlst Dich eingesperrt?“fragte er.
„Nein, doch, irgendwie,“versuchte Valerie ihre Gefühle zu ordnen.„Wieso darf Augusta lehren und ich nicht? Nur weil ich als Kind kein Latein gelernt habe?“
„Was kannst Du denn?“schob Feodora alle Bedenken beiseite. Um die Kritikerinnen mußte sich notfalls Mary-Rose kümmern.
„Tanzen und Französisch,“antwortete Valerie.
Augusta konnte ihr Kichern nicht unterdrücken.
„Ich meine die Sprache, liebe Mitschlampe,“fauchte Valerie grinsend. Die Brüder lachten und Feodora fühlte, wie sie puterrot anlief.
„Ich muß doch sehr bitten!“spielte Augusta die Empörte.„Ich bin eine Frau mit Vergangenheit.“Gelächter in der Runde.„Jedenfalls hat mich eine Mutter so bezeichnet.“
Stille.
„Woher weißt Du das?“fragte Jack.
„Weil ihre Tochter mich um eine Erklärung bat.“
Feodora atmete scharf ein.
„Und wie hast Du reagiert?“
„Ich habe angeboten, es zu erklären, wenn die Mutter mich schriftlich dazu auffordert.“
„Der Brief kommt nie,“stellte Ron fest, und seine Frau betete inständig, daß er Recht behielt.
Es klopfte. Augusta, die immer etwas früher kam, um sich auf den Tag vorzubereiten, ging zur Tür des Klassenzimmers und öffnete. Draußen stand eine Mutter mit ihrem Kind. Augusta erkannte das Kind mit der Frage.
„Darf ich eintreten, Mrs. Alder?“fragte die Mutter. Augusta nickte. Das Mädchen blieb draußen. Drinnen suchte die Mutter offensichtlich nach Worten.
„Ich muß Sie um Verzeihung bitten,“sagte sie schließlich,„auch für meine Tochter.“
„Wofür?“fragte Augusta.
„Ich hätte weder Sie als ‚Frau mit Vergangenheit‘ bezeichnen, noch hätte meine Tochter es Ihnen gegenüber vor der ganzen Klasse wiederholen dürfen. Es muß sie sehr getroffen haben.“Ihr Bedauern war echt.
„Ich bin nicht getroffen,“antwortete Augusta.„Gestern hat Ihre Tochter mich mit ihrer Frage vielleicht auf dem falschen Fuß erwischt, aber ich bin nicht getroffen.“
Der fragende Blick der Mutter verdiente eine weitere Erklärung.
„Ja, ich bin eine Frau mit Vergangenheit,“bekannte die Lehrerin,„und ich bin nicht stolz darauf.“
Die Mutter schnappte nach Luft.
„Aber wenn ich dazu beitragen kann,“fuhr Augusta fort,„daß anderen ein ähnliches Schicksal erspart bleibt, dann will ich das gerne tun.“
Stille, dann faßte Augusta die Hand ihrer Gegenüber.
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