„So wie die schießt?“Die trockene Bemerkung sorgte für Heiterkeit.
„Auf ex,“sagte Richard.
Die Gläser wurden geleert, und Mary-Rose löste ihrem Gefangenen die Fußfesseln.
„Und wenn Du nicht schön brav bist, verurteilt Dich unser Richter zum Marterpfahl,“drohte sie ihm.„Der ist nämlich ein Cheyenne.“
„Wenn er nicht schön brav ist, skalpiere ich ihn höchstpersönlich,“lächelte Ieyasu und zog sein Wakizachi zum Teil.„Und zwar am Halsansatz.“
Der Sheriff brachte mit einem geübten Griff ihre Haare wieder unter den Hut.
„Auf geht’s,“sagte sie,„und glaub‘ bloß nicht, ich hätte schon zuviel getrunken.“
Die drei verließen den Saloon. Die anderen machten sich auch auf den Weg.
Auf dem Weg zum Gefängnis beobachtete Mary-Rose ihren Begleiter aus dem Augenwinkel.
„Aus welcher Gegend Japans kommen Sie?“fragte sie.
„Kennen Sie Japan?“
„Auf der Landkarte. Lückenhaft,“gab sie zu.
„Wir hatten ein Lehen in der Nähe von Edo.“
Mary-Rose nickte.
„Wie sind sie eigentlich zu dem Namen gekommen?“fragte sie.
Für japanische Verhältnisse war ihre Frage sehr unhöflich, aber Ieyasu sagte sich, daß die Maßstäbe hier wohl anders waren. Er wußte noch nicht, daß Mary-Rose für ihr Mundwerk berüchtigt war.
„Unser Zweig der Familie war nie sehr bedeutend,“antwortete er deshalb,„und da dachte mein Vater wohl, es wäre besser gewesen, wenigstens einen berühmten Namen in der Familie zu haben.“
„Aha.“Mary-Rose behielt ihre weiteren Gedanken für sich.
Nachdem sie den Gefangenen ins Loch gesteckt hatten, verneigte Mary-Rose sich.
„Gute Nacht, Ieyasu-San.“
„Gute Nacht, Mary-Rose-San.“
Er blickte dem Sheriff noch etwas hinterher, schüttelte dann den Kopf und ging zu der kleinen Pension, wo er mit seiner Familie zunächst untergekommen war.
Feodora Alder hielt sich den Kopf. Eigentlich hatte sie ihren Schwager ja gebeten, die Kandidaten für die altsprachlichen Lehrer auszusuchen. Sie wollte einfach, daß er die Nieten entlarvte.
„Jack,“stöhnte sie,„das war eben der letzte Kandidat!“
„Kann ich was dafür, daß sich nur Nieten und Hochstapler auf unsere gut dotierte Annonce melden?“fragte er.„Am Geld kann’s nicht gelegen haben.“
Da hatte er wohl Recht. Sie traf eine Entscheidung.
„Dann weiß ich auch, wer unsere Kinder in den alten Sprachen unterrichten wird,“lächelte sie.
„Und wer?“fragte er verständnislos, bis ihm aufging, daß das genau die falsche Frage gewesen war.
„Du und Mike,“antwortete sie.
„Oh, nein, nein!“Jack Alder war gewiß kein Feigling, aber die Vorstellung vor einer Meute Kinder zu stehen, denen er etwas beibringen sollte, trieb ihm den Angstschweiß auf die Stirn.
„Oh, doch,“knurrte Feodora,„denn, wenn ihr Euch weigert …“
„Hetzt Du Mary-Rose auf uns?“fragte er mit einem schwachen Grinsen.
„Viel schlimmer.“
„Was könnte schlimmer sein als Mary-Rose?“
„Tante Ethel,“lächelte sie kalt,„die einzige, die Euch vieren immer noch den Hosenboden langzieht.“
„Aber ich ziehe keine Krawatte an,“gab Jack auf.
„Ist mir absolut egal.“
„Und Augusta unterrichtet Latein.“
Dieser Gegenangriff erwischte Feodora völlig auf dem falschen Fuß. Sicher, Augusta war mit ein wenig Übung um Längen besser als die Stümper, die sich beworben hatten, aber ihre Vergangenheit.
„Was hast Du letztens noch gesagt?“erinnerte Jack seine Schwägerin.„Von wegen nur mehr Glück gehabt, und so.“
Treffer! Feodora wäre am liebsten im Erdboden versunken. Nur mühsam erholte sie sich von dem Schlag.
„Gut,“stimmte sie zu,„aber dann kommt Hebräisch in den Lehrplan.“
Jack Alder, Pferdezüchter und bekannter Revolvermann, war zu betäubt, um noch etwas erwidern zu können. Er wankte nach draußen in Richtung Saloon.
Im Saloon setzte Jack sich sofort an die Bar.
„Einen Doppelten, George,“bestellte er. Dem ersten folgte ein zweiter, dann ein dritter. George wollte gerade fragen, was los war, als …
„Ach hier bist Du,“rief Mike Alder und ließ sich auch ein Glas geben.„Was ist denn mit Dir los?“
„Wir haben endlich die Lehrer für die alten Sprachen gefunden.“Der Tonfall paßte nicht zur Botschaft.
„Ist doch großartig!“rief Mike.„Hätte nicht gedacht, daß Ihr das schafft. Hätte eher erwartet, Du verjagst alle.“
„Hab‘ ich ja auch,“stöhnte sein Bruder.
„Und wer unterrichtet dann?“
„Du und ich,“offenbarte ihm Jack,„und zwar inklusive Hebräisch.“
Der Ausbruch, den Jack jetzt eigentlich erwartet hätte, kam nicht, aber der Boxhieb seines Bruders war auch nicht von schlechten Eltern. Jack taumelte, fing sich.
„Gut, Du hast es so gewollt.“Er ging auf seinen Bruder los. Jack war schwerer und stärker, Mike leichter und schneller, und beide konnte eine Menge einstecken. Schon wurden Wetten abgeschlossen, als …
„Was ist denn hier los?“Die Stimme war unverkennbar, der Sheriff!
„Onkel Jack, Onkel Mike, ihr seid mir ja schöne Vorbilder.“Sie holte tief Luft.„Na, gut. Ich weiß ja, daß es bei Euch ohne eine Prügelei unter Brüdern ab und zu nicht geht. Eure Wiedersehensschlägerei ist ja hier regelrecht legendär geworden.“Sie wartete auf eine Reaktion.„Aber dies hier ist der Saloon, und wenn ihr Euch prügeln wollt, bitte, aber nicht in meiner Stadt.“
„Weißt Du, was dieser Idiot fertiggebracht hat?“
„Duuuu,“drohte Jack seinem Bruder mit der Faust.
„Ruhe!“donnerte Mary-Rose.„Was hat er denn so Schlimmes verbrochen?“
„Hat die Lehrer vertrieben, so daß wir beide jetzt Altsprachen unterrichten dürfen.“
„Schadet Euch Rabauken nichts,“kommentierte Mary-Rose,„und jetzt 'raus.“Sie wies den Weg mit ihrem Colt, und als die Brüder gerade vor dem Pferdetrog standen, beförderte sie sie mit zwei schnellen Fußtritten hinein. Prustend und schnaufend arbeiteten sie sich aus dem Trog, rutschen aus und landeten wieder drin.
„Von jetzt ab seid ihr Lehrer und damit Vorbilder, also benehmt Euch,“feuerte sie die letzten Worte ab und ging breitbeinig in den Saloon zurück, wo sie sich Mikes jungfräulichen Whisky genehmigte.
„Hey, das war meiner,“rief Mike.
„Bezahlen darfst Du ihn ja auch,“antwortete Mary-Rose und stapfte davon.
Die beiden Brüder bestiegen wortlos ihre Pferde und ritten davon. Ethel entschied, daß die beiden genug hatten. Das von einem dreizehnjährigen Mädchen – pardon: Frau – hätte jedem gereicht.
„Wie seht ihr denn aus?“
Jack und Mike verzichteten beide auf den Blick in den Spiegel. Nasen und Lippen taten weh genug, von ihrer Kleidung ganz zu schweigen.
„Hatten 'ne kleine Meinungverschiedenheit,“meinte Jack.
„Mit wem?“Augusta und Valerie unisono.
Doug besah sich seine Brüder näher.
„Untereinander,“stellte er trocken fest.
„Stimmt das?“
Jack und Mike nickten nur. Die Schwägerinnen sahen sich an und schüttelten die Köpfe.
„Jeder seinen?“fragte Valerie. Augusta nickte.
„Bevor Ihr jetzt was Unüberlegtes tut, …“wehrte Mike ab.
„Was?“
„… hat Jack Euch 'ne freudige Mitteilung zu machen.“
„Wir hören!“
„Ich habe alle Altsprachenkandidaten vertrieben,“begann Jack verlegen.
„Und was soll daran so freudig sein?“fragte Augusta.
„Eben,“stimmte Valerie zu.„Feo wird heute Abend eine Sch..laune haben.“
„Wird sie nicht,“verteidigte sich Jack.„Augusta unterrichtet im neuen Schuljahr Latein.“
Stille. Augusta brauchte einen Moment, um den Sinn des Satzes zu erfassen.
„Und was war der Preis dafür?“Valerie blieb mißtrauisch.
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