Rupert Graf, eskortiert von Ludwig und Karin Kinzel, begrüßte Vizepräsident Esteban und dessen Frau, ebenso wie Minister Bustamante und das Ehepaar Chavez. Walter Fernandez und Liliana waren ebenfalls eingeladen.
Rupert Graf schlenderte mit einem Weinglas in der Hand über den Rasen, begrüßte Personen, die er zwar kannte, im Dunkeln aber nicht genau einzuordnen vermochte, und hielt hier und dort ein Schwätzchen. Als er zu dem Pulk von Menschen vordrang, der Präsident Nasini umringte, rief Nasini, als er Graf erkannte:
„Ah, da ist ein besonders enger Freund unseres Landes, mit dem ich ein paar private Worte wechseln möchte!“ Dabei legte er mit freundschaftlicher Geste seinen Arm um Grafs Schulter. Alle Umstehenden, Botschafter von Heuklum eingeschlossen, traten diskret einige Schritte zurück.
Nasini zog Graf am Ärmel seines Jacketts zu einem Tisch, an dem drei oder vier Personen standen, die sich sofort respektvoll zurückzogen.
„Ich darf annehmen, dass jetzt endlich alles klar ist?“ fragte Nasini ohne Umschweife.
„Sämtliche Vorbereitungen sind getroffen, Exzellenz.“
„Kann noch etwas schiefgehen?“
„Ich könnte mir nicht vorstellen, was,“ sagte Graf.
Nasini hob sein Glas und prostete Graf zu.
„Wie fanden Sie meine Rede gestern?“
„Großartig, Señor Presidente. Ich bin sicher, dass Sie einen überzeugenden Beitrag zur Festigung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern geleistet haben.“
„Wird meine Ansprache im deutschen Fernsehen gezeigt?“
„Selbstverständlich, Señor Presidente. Wir hatten einen Vertreter der Deutschen Welle dabei.“
„Gut, Señor Graf. Ich verlasse mich auf Sie.“
Mit strahlendem Lächeln und einer einladenden Handbewegung ließ Nasini die Umstehenden erkennen, dass das Gespräch mit Graf beendet war. Sofort bildete sich wieder eine Menschentraube um Nasini.
Nachdem der überwiegende Teil der Gäste eingetroffen war und sich das Clubgelände ziemlich gefüllt hatte, trat Botschafter von Heuklum zu einem Podest, dessen Front die deutschen und peruanischen Farben schmückten, um seine Ansprache zu halten.
Die Gäste, die im von Fackeln erhellten Halbdunkel Konversation betrieben, wandten ihre Aufmerksamkeit dem Rednerpult zu.
Rupert Graf merkte, dass sich sanft eine Hand in die Beuge seines Armes schob. Als er aufblickte, stand Liliana de Fernandez direkt neben ihm.
„Wann sehe ich dich wieder?“ flüsterte sie drängend.
„Ich rufe dich an,“ sagte Graf und entzog ihr seinen Arm.
Er war froh, dass Botschafter von Heuklum angefangen hatte, zu sprechen.
Von Heuklum gab einen kurzen Abriss der Geschehnisse im Deutschland der Jahre 1989 und 1993, und wiederholte mehrmals, zu welchem Dank das deutsche Volk dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow verpflichtet sei. Nachdem von Heuklum zum dritten Mal Gorbatschow genannt hatte, sagte Graf vor sich hin:
„Wieso erwähnt er nicht Ronald Reagan oder den Papst?“
Nach dem höflichen Applaus am Ende von von Heuklums Ansprache fühlte Rupert Graf sich am Ärmel gezupft.
Neben ihm stand eine wesentlich kleinere Frau, nur ein paar Jahre jünger als er, offensichtlich in ihren besten Sonntagskleidern, ein wenig bieder, aber nicht unattraktiv, die ihn fragte:
„Was haben Sie gemeint, als Sie vorhin Mr. Reagan und den Papst erwähnten?“
Rupert Graf war überrascht. Ihm war gar nicht bewusst, dass er Spanisch gesprochen hatte. Er sagte:
„Hätte der damalige amerikanische Präsident Reagan nicht Generalsekretär Gorbatschow gegen die Wand gerüstet, wäre die deutsche Wiedervereinigung nie zustande gekommen, Señora . Und hätten wir damals nicht einen aus Polen stammenden Papst gehabt, der die Welt im damaligen Ostblock ohnehin bereits verändert hatte, wäre die Wiedervereinigung ebenfalls nicht zustande gekommen. Auch wenn Gorbatschow der Wiedervereinigung letztendlich zugestimmt hat, indem er das Regime in Ostdeutschland im Zaum hielt, hat er eigentlich nur aufgegeben, gegen den Strom zu schwimmen. Es wäre zumindest fair, die Verdienste auch der beiden anderen Männer hier zu erwähnen.“
„Das ist eine Theorie, die ich sehr faszinierend finde,“ antwortete die Frau. „Gerade, wenn sie von einem so wichtigen Mann wie Sie geäußert wird.“
„Wieso glauben Sie, ich sei wichtig?“ fragte Graf, perplex.
„Ich habe Sie gestern im Fernsehen gesehen, und vorhin miterlebt, wie unser Präsident Sie beiseite zog, um mit Ihnen zu sprechen. Ich habe Sie mit verschiedenen unserer Minister sprechen sehen. Sie müssen wichtig sein!“
„Señora , ich fürchte, Sie überschätzen mich,“ sagte Graf belustigt. „Ich bin nur eines von vielen Rädchen in einem großen Getriebe. Aber ich würde mich freuen, wenn ich Ihnen ein Getränk besorgen dürfte. Vielleicht ein Glas Champagner?“
Die Frau nickte begeistert. Graf winkte einem der Kellner, die sich mit Tabletts voller Gläser durch die Menschentrauben bewegten.
„Ein Glas Champagner für die Señora , bitte!“
„Champagner haben wir nicht im Ausschank, Señor ,“ flüsterte der Kellner.
Rupert Graf schob ihm einen Geldschein in die Hand.
„Ich bin sicher, dass Sie Champagner auftreiben,“ raunte er zurück. Der Kellner sah auf das Geld in seiner Hand und nickte eifrig.
„Sie haben dem Mann zwanzig Dollar gegeben!“ sagte die Frau entgeistert. „Den sehen Sie nie wieder!“
„Geduld, Señora . Vielleicht bin ich ja doch wichtig.“
Während des anschließenden Gespräches hatte Rupert Graf Gelegenheit, die Frau eingehender zu mustern. Sie hatte sich augenscheinlich für diesen Abend herausgeputzt. Sie trug ein Kleid, das aussah, als würde es nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt. Die Frisur war offensichtlich erst heute hergerichtet worden. So viele Kämme steckte sich keine Frau jeden Tag ins Haar! Sie war anderthalb Köpfe kleiner als Graf, dabei stand sie auf Stöckelschuhen. Sie war geschminkt wie jemand, für den das Auftragen von Lidstrich und Rouge nicht selbstverständlich ist, der Lidstrich zu dünn, dafür eine Spur zu viel Rouge. Aber sie hatte einen munteren, beinahe frechen Blick, und reizende Grübchen in den Wangen. Rupert Graf konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt eine Frau getroffen hatte, die rundum so frisch und proper wirkte, als käme sie geradewegs aus dem Bad.
Der Kellner kam zurück, sorgfältig zwei volle Weingläser auf seinem Tablett balancierend. Das Getränk in den Gläsern perlte.
„Ich habe Weingläser genommen, Señor Graf, damit nicht alle anderen auch Champagner wollen. Es ist ein Moet et Chandon. Die Flasche habe ich für Sie beiseite gestellt.“
Rupert Graf nahm beide Gläser von dem Tablett und reichte eines der Frau. Er probierte und bedankte sich bei dem Kellner, bevor er der Frau zu prostete.
„Wie darf ich Sie nennen, Señora ?“
„Mein Name ist Rosita, Señor Graf.“
Rosita – Röschen, das passte zu ihr!
„Jeder scheint meinen Namen zu kennen, Señora Rosita.“
„Wenn jemand mit einem so nackten Kopf wie dem Ihren auf unseren Fernsehschirmen erscheint, darf ihn das nicht wundern, Señor Graf. Der Champagner ist köstlich.“
„Darf ich Sie bitten, Señora Rosita, mich Rupert zu nennen?“
„Gerne, Rupert. Und darf ich Sie bitten, sich Gedanken zu machen, wo wir beide uns lieben können?“
Rupert Graf fiel beinahe sein Glas aus der Hand. Schon dieser Ausdruck! Sich lieben. „Darüber mache ich mir bereits Gedanken, seit Sie sich neben mich gestellt haben, Rosita,“ antwortete Graf, wie er hoffte, galant und geistesgegenwärtig.
„Gut,“ sagte die Frau. „Gehen wir!“
„Wohin?“ fragte Graf.
„Sie werden doch, Rupert, mir nicht weismachen wollen, Ihnen sei in den vergangenen zwanzig Minuten kein geeigneter Ort eingefallen,“ sagte sie keck. „Das würde mich zutiefst enttäuschen!“
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