Sie trafen fast gleichzeitig ein, Andrea di Silvio von der Spurensicherung und Pietro Foresta vom Erkennungsdienst. Sie hatten mit ihrem Fahrzeug den Weg über den Uferweg gewählt. In angemessener Entfernung ließen die Kollegen das Fahrzeug stehen und kamen, jeder einen Spurensicherungskoffer in der Hand, die letzten Meter zu Fuß auf Sparacio und Sciutto zu.
Beide sahen sich um und schienen etwas zu suchen. Dann folgten ihre Blicke der kurzen Kopfbewegung Sparacios und ebenso wie er standen die beiden schließlich mit offenen Mündern da.
„Was ist das?“ stotterte Foresta, ohne seinen Blick von dem Toten im Geäst abzuwenden.
„Wonach sieht es aus?“, stellte Sparacio die Gegenfrage und merkte sogleich selbst, wie ungehalten er klang. „Ein Opfer des Hochwassers, offensichtlich“, fügte er schnell hinzu. „So wie es aussieht, werden wir das nicht auf Anhieb feststellen können.“
„Also das ganze Programm?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
Sparacio nickte. „Das ganze Programm“, antwortete er und fügte noch schnell ein Danke hinzu.
Di Silvio und Foresta machten sie sich an ihre Arbeit und eine halbe Stunde später fuhr der Leichenwagen auf dem Uferweg vor. Ihm entstiegen zwei Männer in dunkler Arbeitskleidung. Einer von ihnen öffnete die Hecktür des Kombis und förderte eine Leiter zutage.
„Können wir anfangen?“, fragte der ältere, etwas korpulente Mitarbeiter, der wie sein Kollege mit schwarzer Hose und weißem kurzärmeligen Hemd bekleidet war. Schon bei der Frage verzog sich sein Gesicht, als habe er Essig getrunken. Dass diese Tätigkeit eine Arbeit darstellt, die laut mancher Leichenbestatter angeblich auch gleichzeitig aus einer Berufung heraus resultieren soll, ist nur schwer vorstellbar. Aber da ist auf der einen Seite der gute Verdienst, der raketenartig in die Höhe schnellt, wenn es Leichen wie diese zu bergen gilt. Dann die Transportkosten. Je weiter die Leiche transportiert werden muss, umso besser. Auch das erhöht die Einnahmen von Kilometer zu Kilometer.
Allerdings ist von der oftmals so propagierten Berufung nicht mehr allzu viel festzustellen, wenn Leichen wie die in dem Baum am Verlauf des Tibers zu bergen sind. Abscheu und Ekel werden dann einzig und allein in der Vorstellung von barer Münze etwas reduziert. Doch auch das gelingt nicht in allen Fällen.
Sparacio sah, dass die Kollegen von der Polizia Scientifica ihre Sachen zusammenpackten und nickte den beiden Bestattern zu. Die Männer machten sich an ihre Arbeit, erklommen den Hang, legten die Leiter an und blieben schließlich ratlos neben dem Baum stehen.
„Sie tropft zu stark“, rief der Ältere, der wie sein Mitarbeiter in sicherem Abstand von dem Baum auf eine Antwort wartete. „Und hier ist alles voller Maden!“ Er hob die Arme wie zur Abwehr und trat einige Schritte zurück.
„Sie ist eben nicht mehr die Frischeste“, rief Sparacio gut gelaunt zurück. „Ihr kennt doch euer Geschäft. Wird kaum unterbezahlt. Also runter mit der Leiche und ab in die Gerichtsmedizin.“
„Aber das da …“ rief derselbe Sprecher nun und zeigte auf die wie Seile aussehenden dünnen Stränge, die von der Leiche bis zum Boden reichten. Das sind …“
„Das sind nur Därme“, rief Sparacio zurück. „Packt sie wieder dahin, wo sie hingehören. Also: Wir sehen uns später.“
„Was haben Sie da eben gesagt? Därme? Das sollen Därme sein? Menschliches Gedärm?“ Sciutto schüttelte sich.
„Das ist die Natur, Sergente. Vielleicht haben auch Schiffspropeller dabei eine Rolle gespielt. Oder Aale, aasfressende Fische oder alles zusammen. Wer weiß? Wir werden es vielleicht nie erfahren. Warten wir den Nachmittag ab. Dann werden wir zur Gerichtsmedizin fahren. „Haben Sie die Fotos gemacht?“, fragte er Sciutto, als sie den Hang hochgekraxelt waren und auf dem Parkplatz bei den Fahrzeugen standen.
„Alles im Kasten. Aber die Polizia Scientifica hat den Tatort doch sowieso fotografiert. Was meinen Sie, Commissario? Mord, Selbstmord, Unglücksfall?“
Sparacio überhörte die Frage des Sergente. „Ja, die Kollegen werden ihre Arbeit schon richtigmachen. Ich werde mich später mit ihnen in Verbindung setzen.“ Dann blieb er kurz stehen und drehte sich noch einmal um, obwohl der Tatort mit der Leiche im Baum schon außer Sichtweite war.
„Die Maden, sie interessieren mich“, murmelte er nachdenklich
„Die Maden, Commissario? Warum die Maden? Es schüttelt mich, wenn ich daran denke.“
„Aber, Sciutto“, begann Sparacio, und es klang, als spräche ein Lehrer zu seinem Schüler. „Maden kann man essen. Wussten Sie das nicht?“
„Essen? Maden? Commissario, wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Allein an den Gedanken wird mir schlecht.“
„Die Sarden stellen Käse her, Casu Marzu ist seine Bezeichnung. Das ist ein überreifer Schafskäse, der so lange reift, bis er Maden enthält.“
„Casu marzu? Nie gehört. Ich bin geneigt zu betonen, dass ich darüber froh bin.“
„Casu marzu bedeutet in einem sardischen Dialekt so viel wie verdorbener Käse“, belehrte Sparacio seinen Kollegen. „Der Herstellungsprozess hat einiges gemeinsam mit dem da unten.“ Er machte eine entsprechende Kopfbewegung in die Richtung des Tibers. „Käsefliegen legen bei der Herstellung ihre Eier in dem Käse ab, so wie die Fliegen auf der Leiche. In beiden Fällen entstehen dann Maden. Ist ein natürlicher Vorgang.“
„Wozu soll denn eine solche Schweinerei gut sein?“ Sciutto schüttelte sich bei dem Gedanken an seinen geliebten Parmigiano Reggiano und sah förmlich die Maden an der Oberfläche wimmeln.
„Das müssen Sie diejenigen fragen, für die solch ein Käse eine Spezialität darstellt“, antwortete Sparacio. „Die Maden dringen in den Käse ein und wandeln ihn durch Verdauung um, so dass er eine cremige Konsistenz und ein kräftiges Aroma bekommt und eine Flüssigkeit absondert, die lagrima genannt wird. Beim Verzehr befinden sich lebende Maden in dem Käse. Aber ich kann Sie beruhigen, Sergente. Nicht jeder Sarde isst die Maden auch mit. Das ist dem harten Kern vorbehalten.“
„Sie haben mir den Appetit gründlich verdorben, Commissario. Lassen Sie uns das Thema wechseln. Die Vorstellung allein …“ Sciutto schüttelte sich. „Sie wollten mir erzählen, warum Sie sich für die Maden in unserer Leiche interessieren.“
„In unserer Leiche, wie das klingt.“ Sparacio musste lachen. „Aber ich will es Ihnen sagen, Sergente. Passen Sie gut auf. Maden können uns etwas darüber erzählen, wie lange der Tote schon dort oben in dem Baum hängt.“
Sciutto zog die Augenbrauen zusammen. „Commissario, Sie wollen mich auf den Arm nehmen. Ich …“
„Nein, nein. Die Maden, und nicht nur die, sondern alle Lebewesen, die sich auf einer Leiche einnisten, sind sozusagen Zeugen, die wir eingehend befragen müssen. Sehen Sie, es ist ein Unterschied, ob wir junge Maden dort vorfinden oder ältere, ob wir verpuppte Maden vorfinden oder nur noch deren Hüllen. Oder aber, ob es vielleicht von Fliegen dort wimmelt, von ehemaligen Maden also.“
„Sie können junge von alten Maden unterscheiden?“ Sciutto verstand momentan kaum etwas von alledem, was ihm sein Commissario da erzählte. „Wie ...?“
„Es ist wie bei allen Lebewesen, Sergente. Der Alterungsprozess. Es ist der farbliche Unterschied. Junge Maden sind hell und alte sind dunkel. So einfach ist das.“
„Sie meinen, wenn sich herausstellt, dass nur junge Maden auf einer Leiche gefunden werden, dann ist das ein Zeichen dafür, dass sie erst seit kurzer Zeit am Tatort liegt?“
„Oder am Fundort. Genau. Sind die Maden älter, liegt die Leiche schon länger dort. Es gibt eine Reihe biologischer Einflüsse, die uns bei einer Zeitbestimmung unterstützen können.“
„Dann werden sie auf dieser Leiche dort nur alte Maden finden“, frohlockte Sciutto über sein frisch erhaltenes Wissen. „Das Hochwasser ist über eine Woche zurückgegangen, also hängt die Leiche rund eine Woche dort oben.“
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