Georg Milden wollte eine scharfe Antwort geben, aber er ließ es. Dies war alles seltsam, aber es wurde auch immer später. Selbst wenn es eine Fernsehsendung war, und etwas anderes kam als Erklärung eigentlich nicht in Frage, sollte er besser gute Miene zum bösen Spiel machen. Er war hungrig und müde und hatte tatsächlich nicht die geringste Lust, da draußen in der Dunkelheit im Matsch herumzustolpern. Morgen, bei Tageslicht, würde sich alles aufklären. Die Leute vom Sender würden sein Büro benachrichtigen und die Verantwortung übernehmen müssen. Aber jetzt wollte er etwas essen und ein kaltes Bier trinken.
'Gut, wir reden morgen weiter.' Die Wirtin nickte freundlich, und mürrisch ging Georg Milden zu einem der wenigen freien Tische. Er erwartete, dass ihm die Speisekarte gebracht würde, aber die Wirtin servierte ihm stattdessen ein großes Tablett mit einem Krug Bier, kaltem Braten, Käse, Brot, Butter und etwas, was entfernt an gewürfelte Salzgurken erinnerte.
'Hier, stärken Sie sich. Ich weiß, dass Sie eine anstrengende Reise hinter sich haben. Vor ein paar Jahren habe ich Ähnliches durchgemacht. Als ich hier angekommen bin, habe ich geglaubt, ich hätte Halluzinationen. Aber dann habe ich verstanden wo ich bin, und jetzt bin ich gerne hier. Ruhen Sie sich aus, morgen im Tageslicht sieht alles anders aus. Ich heiße übrigens Ingrid Hansson und komme eigentlich aus Schweden.' Georg Milden sagte nichts, er konzentrierte sich auf das Essen. Es schmeckte gut, auch wenn das Bier und das Fleisch einen etwas ungewohnten Geschmack hatten. Er merkte, welchen Hunger er hatte. Außerdem glaubte er der Frau kein Wort. Während er sie schweigend betrachtete und kräftig kaute, fiel ihm auf, dass die Frau eigentlich ganz attraktiv war. Sie war schätzungsweise Anfang 40, kräftig gebaut, aber nicht dick, nicht unbedingt eine Schönheit, aber durchaus ansehnlich. Schwedin? Sie sprach perfekt Deutsch.
In der Tat, der neue Tag würde die Tatsachen ans Licht bringen, bis dahin würde er gar nichts mehr sagen, sondern nur noch essen und schlafen. Morgen würden die Verantwortlichen wegen dieser schlechten Geschichte von ihm ganz schön was zu hören bekommen.
Als er das Essen beendet hatte, räumte eine junge Frau das Geschirr ab. Die Wirtin kam zurück und bot ihm an, ihm sein Zimmer zu zeigen. Sie gingen in einen Anbau im hinteren Teil des Hauses. Das Zimmer war sauber, aber kärglich eingerichtet. Es gab ein großes Bett mit großen Kissen und einem schweren Federbett, einen hölzernen Tisch und einen hölzernen Stuhl. In dem ganzen Raum war kein Plastik und nichts, das nach Elektronik aussah. Dafür brannte auf dem Tisch eine Kerze. 'Und wo ist das Bad?'
Die Wirtin wies auf einen großen Wasserkrug und eine Zinkwanne auf dem Boden. 'Die Toiletten sind draußen. Wenn Sie noch etwas brauchen, rufen Sie mich. Ansonsten wünsche ich Ihnen eine gute Nacht.' Georg Milden schluckte einige bissige Bemerkungen hinunter, die ihm auf der Zunge lagen. Als die Frau das Zimmer verlassen hatte, nahm er die Kerze in die Hand, ging durch den Flur und hinaus in den Hof zu den Toiletten. Es verwunderte ihn überhaupt nicht, dass sich die Außentoiletten als Latrinen erwiesen. Wenigstens waren sie einigermaßen sauber und rochen nicht allzu streng. Als er fertig war, kehrte er zurück ins Zimmer.
Dort zog er sich Jacke und Schuhe aus und ließ sich aufs Bett fallen. Als er in die weiche Matratze sank, bemerkte er, wie müde er war. Da wurde es ihm klar. Das alles war ein Traum, er würde aufwachen und sich dann entweder im Auto oder in seinem Bett wiederfinden. Und kurz bevor in einen tiefen Schlaf fiel, war sein letzter Gedanke die Frage, was es denn wohl sein würde, Auto oder Bett?
Es war ein kräftiger Druck auf der Blase, der Georg Milden zwang aufzuwachen. Ohne die Augen zu öffnen, tastete er die Umgebung ab. So ein Glück, er lag im Bett. Er musste es bis nach Hause geschafft haben und hatte dort einen Albtraum gehabt. Noch im Halbschlaf setzte er sich auf. Er würde auf die Toilette gehen, seine Toilette mit Wasserspülung. Dann öffnete er die Augen. Es war schon hell, und er war nicht in seinem Zimmer. Stattdessen befand er sich immer noch in diesem verdammten Gasthaus.
Also doch ein Film-Set? Irgendeine abgedrehte Reality-Show? Irgendwie kam ihm der Gedanke aber heute morgen nicht mehr wirklich überzeugend vor. Doch die Erklärung, die er von dieser Ingrid Hansson erhalten hatte, die konnte doch nun wirklich nicht stimmen. Oder vielleicht doch? Der Druck auf der Blase wurde langsam unerträglich, und er schlüpfte in seine Schuhe und schlich niedergeschlagen zu den primitiven Außentoiletten.
Wieder im Zimmer versuchte er so gut wie möglich, sich mithilfe der Zinkwanne und des Wassers etwas frisch zu machen. Seine Kleider, in denen er geschlafen hatte, fingen an, streng zu riechen. Natürlich hatte er keine Sachen zum Wechseln dabei. Ohne große Hoffnung zog er sein Handy hervor. Natürlich noch immer kein Empfang, dafür war die Batterie mittlerweile fast leer. Der Akku lag natürlich zu Hause, aber das war auch egal, denn schließlich schien es an diesem Ort keine Steckdosen und überhaupt keinen elektrischen Strom zu geben.
Er sah auf die Uhr. Die zeigte halb acht. Anscheinend stimmte die Zeit einigermaßen. So begab er sich dann in die Gaststube, die um diese Zeit fast leer war. Die Wirtin sah ihn kommen und strahlte ihn fröhlich an. 'Guten Morgen, mein Herr. Sie sehen so aus, als ob Sie ein gutes Frühstück vertragen könnten.' 'Ich vermute, Sie wollen mir immer noch weismachen, dass ich in, wie hieß der Ort noch mal, bin?' Ingrid Hansson schenkte dem schlecht gelaunten Gast ein mitleidiges Lächeln. 'Ich will Ihnen nichts weismachen. Das ist nun einmal eine Tatsache. Wir sind hier in Sequtanien. Das Dorf heißt Wassenpol, und es liegt in der Provinz Geerenfurt.' 'Mann, ich würde es Ihnen fast glauben, aber das ist doch einfach zu abgefahren.' 'Sie werden es noch glauben. Aber erst einmal sollten Sie frühstücken.'
Die Wirtin brachte Brot, Eier mit Speck, Käse und Schinken, einen Krug Milch und ein Glas Honig, dazu einen Teller, Messer und Gabel und einen Krug. 'Ein bisschen viel Cholesterol. Und Kaffee wäre auch nicht schlecht.' Die Frau lachte schallend und tätschelte ihm den Arm. 'Kaffee gibt's hier nicht. Und um Ihren Cholesterin-Spiegel brauchen Sie sich heute mal keine Sorgen zu machen. Langen Sie zu.'
Das tat Georg Milden dann auch. An seiner Situation konnte er im Moment ohnehin nichts ändern. Er wusste ja nicht einmal, in was für einer Situation er sich eigentlich genau befand. Ein gutes Frühstück konnte da nun wirklich nicht schaden. Und gut war das Frühstück, daran war nun wirklich nichts auszusetzen. Die Speisen schmeckten anders als zu Hause, wahrscheinlich Bio-Produkte.
Als er fertig war, räumte die Frau den Tisch ab. 'Es sind Leute für Sie gekommen, die warten draußen auf Sie?' Georg Milden wusste nicht, ob er alarmiert oder erfreut sein sollte. Wer könnte denn etwas von ihm wollen? Natürlich diejenigen, die für diese abgefahrene Show verantwortlich waren. 'Was für Leute? Ich meine, ich kenne hier niemanden.' 'Es sind Bedienstete von Lord Firrenbrock, dem Magistrat. Ich habe ihm Ihr Kommen angezeigt. Und jetzt will er Sie sehen. Das ist so üblich.'
'Na, ich hoffe seine Lordschaft,' er legte soviel Ironie in seine Stimme wie er konnte, 'stört es nicht, dass ich so dreckig vor ihm erscheine.' Er zeigte auf seine Kleidung, die in der Tat nicht mehr besonders ordentlich aussah. Aber seine Ironie prallte an Ingrid Hansson ab. 'Sie sind nicht der erste, der hier in Wassenpol durch die Pforte aus Anderland kommt. Der Lord ist an eine etwas zerzauste Erscheinung seiner Besucher gewöhnt. Aber ich werde den Schneider bitten, dass er nachher vorbeischaut.' 'Na gut, vielleicht ist das keine schlechte Idee.' Natürlich hoffte Georg Milden noch immer, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen und er spätestens bis zum Abend nach Hause zurückkehren würde. Für einen Moment dachte er daran, was sein Chef wohl dazu sagen würde, dass er einfach nicht zur Arbeit erschienen war. Aber im Moment war das nun wirklich seine geringste Sorge. Dann erinnerte er sich an die alte Frau vom Vorabend, er hatte den Gedanken an sie völlig verdrängt. Vielleicht irrte sie da draußen herum. Nun, mittlerweile war sie sicher gefunden worden, aber trotzdem …
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