„Wenn es Ihnen nicht zu viele Umstände macht!?“
„Die Lasagne muss nachher nur noch in den Ofen.“
„Klingt verlockend“, befand er. „Wann soll ich da sein?“
„Um neunzehn Uhr?“
„Ich werde pünktlich sein. Ist Abendgarderobe erwünscht?“
„Da ich bislang nur einen Klapptisch und Campingstühle hier habe, wäre ein Smoking etwas overdressed“, erwiderte sie amüsiert. „Jeans reichen allemal.“
Vergnügt zwinkerte Leo ihr zu.
„Dann lasse ich die Lackschuhe besser auch im Schrank. Darf ich einen guten Tropfen mitbringen?“
„Sie dürfen“, erlaubte sie und wandte sich ab.
Während Leo sich wieder damit beschäftigte, Wurzeln auszugraben, verschwand Antonia im Haus. Dort zog sie ihre farbbefleckte Latzhose an, band ihr Haar zu einem Pferdeschwanz und griff zum Pinsel. Sie unterbrach ihre Arbeit nur, um die mitgebrachte Lasagne in den Ofen zu schieben. Sie lackierte den Türrahmen noch fertig, ehe sie nach oben ging, um sich frisch zu machen.
Vom Fenster aus sah sie, dass sich Leo nicht mehr im Garten befand. Demnach musste sie mit seinem pünktlichen Erscheinen rechnen. Nun war Eile geboten. Innerhalb der nächsten fünfzehn Minuten war sie geduscht und angezogen. Sie lief nach unten, stellte den Tisch und die Stühle in dem sonst leeren, aber frisch gestrichenen Wohnzimmer auf. Aus einem Korb nahm sie Teller, Gläser und Besteck. Zurück in der Küche öffnete sie den Backofen. Zuerst war sie irritiert, dass sich die Lasagne seit dem Einschalten des Ofens nicht verändert hatte; dann dämmerte es ihr.
„Verdammt!“, fluchte sie. „Funktioniert denn hier überhaupt nichts!?“
Das Klopfen an der Haustür ließ sie in die Diele laufen. Mit einem Seufzer öffnete Antonia die Tür und registrierte mit einem Blick, dass Leo Jeans und Polohemd trug. Seine Füße steckten in modischen Slippern. Außerdem duftete er nach einem herben Duschgel.
„Guten Abend, Frau Nachbarin“, begrüßte er sie. In der einen Hand hielt er eine Weinflasche; in der anderen einen Topf mit einer weißen Orchidee, den er Antonia reichte.
„Danke für die Einladung zum Abendessen.“
„Aus der Lasagne wird leider nichts.“
„Verbrannt?“
„Schlimmer“, gestand sie, während er eintrat. „Ich habe die Form pünktlich in den Ofen geschoben und mich nicht weiter darum gekümmert. Als ich wieder in der Küche war, habe ich festgestellt, dass der Backofen nicht heiß geworden ist.“
„Ist der Herd kaputt?“
„Die Kochplatten funktionieren“, wusste sie, da sie sich an den letzten Wochenenden darauf schon Konserven gewärmt hatte. „Es tut mir Leid, dass es nun nichts zu essen gibt.“
„Dann müssen wir eben auf Plan B zurückgreifen“, meinte er und ging an ihr vorbei in die Küche. Dort holte er die Auflaufform aus dem Ofen. „Wir gehen einfach zu mir rüber und schieben die Lasagne dort in die Backröhre.“ Schon beim Eintreten hatte er die verkümmerte Orchidee auf der Fensterbank gesehen. „Bei dieser Gelegenheit können Sie gleich die beiden Pflanzen austauschen. Sie nehmen den Blumentopf und den Wein; ich trage unser Abendessen. – Einverstanden?“
Zustimmend nickte sie.
„Wahrscheinlich halten Sie mich jetzt für völlig unfähig.“
„Darauf antworte ich erst, wenn ich die Lasagne probiert habe“, meinte er, bevor er nach dem Hund rief. „Komm, Quincy!“
Im Haus auf der anderen Straßenseite führte Leo seinen Gast in die Küche. Beeindruckt blickte sich Antonia um. Alles wirkte supermodern und blitzsauber. Sie schaute dabei zu, wie Leo die Form in den in Sichthöhe angebrachten Backofen schob. Auf einem Display tippte er Temperatur und Garzeit ein, bevor er Antonia fragend ansah. Als sie die Zahlen durch ein Nicken bestätigte, schaltete er das Gerät ein.
„Das läuft jetzt vollautomatisch. Um uns die Wartezeit zu verkürzen, könnten wir einen Spaziergang unternehmen. Das wäre sicher ganz im Sinne Ihres Vierbeiners.“
„Darauf können Sie wetten“, gab Antonia ihm Recht. „Quincy brennt bestimmt schon darauf, die Gegend zu erkunden.“
„Dann lassen Sie uns gehen.“
Leo schien sich im Deister gut auszukennen. Er zeigte Antonia einen Spazierweg, der hinter ihrem Haus entlang führte und am Ortsausgang endete. Auf halber Strecke schlug er jedoch einen Seitenpfad ein, der zu ihrem Ausgangspunkt zurückführte.
In der Küche warf Leo zuerst einen Blick auf das Display.
„Noch fünf Minuten“, teilte er Antonia mit. „Zeit genug, um den Tisch zu decken.“
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Gleich.“ Er nahm eine Schale aus dem Schrank, füllte sie mit Wasser und stellte sie für Quincy auf den gefliesten Boden. Danach bestückte er ein Tablett mit Tellern, Gläsern, Servietten, Besteck und einem Untersatz für die heiße Auflaufform.
„Nehmen Sie das schon mit rüber? Ich öffne die Weinflasche.“
Im Wohnraum deckte Antonia den Tisch dort, wo sie eine Woche zuvor schon einmal zu Abend gegessen hatte. Leo stellte den Wein und eine Schüssel mit Salat dazu.
„Wo haben Sie den denn so schnell hergezaubert?“
„Ursprünglich sollte der Salat Teil meines Abendessens sein“, erklärte er. „Fehlt nur noch die Lasagne.“
Die heiße Form in den durch Kochhandschuhe geschützten Händen kehrte Leo zurück. Bevor auch er sich setzte, zündete er noch die Kerze auf dem Tisch an. Ein Druck auf die Fernbedienung ließ leise Musik aus der Stereoanlage erklingen.
„Haben Sie oft Gäste?“, fragte Antonia, während sie sich von den Speisen auftaten. „Oder improvisieren Sie gern?“
„Besucher verirren sich eher selten hierher“, erwiderte er mit ernster Miene und griff nach der Weinkaraffe. „In den elf Monaten, die ich in diesem Haus wohne, konnte ich noch keinen großen Bekanntenkreis aufbauen.“
„Darf ich fragen, wo Sie vorher gelebt haben?“
„In Süddeutschland – in der Nähe von München.“
„Ist es Ihnen nicht schwergefallen, in den relativ kalten Norden zu ziehen?“
„Die Lasagne ist ausgezeichnet“, ging er über ihre Frage hinweg. „Sie scheinen was vom Kochen zu verstehen.“
„Sorry“, murmelte sie. „Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“
Einen Augenblick lang schaute er sie nachdenklich an – und entschloss sich spontan zur Offenheit.
„Nach dem unerfreulichen Ende einer ... Beziehung brauchte ich einen Tapetenwechsel“, sagte er völlig emotionslos. „Mich hat absolut nichts mehr in der alten Umgebung gehalten. Wirkliche Freunde habe ich nicht viele, und mein Vater lebt in der Toskana.“
„So ein Zufall! Meine Mutter ist gerade in Florenz.“
„Beruflich oder privat?“
„Sie wandelt auf den Spuren der Erinnerung“, erzählte sie. „Als meine Eltern frisch verliebt waren, haben sie in den Semesterferien eine Reise in die Toskana unternommen. Um den Feierlichkeiten zu ihrem 65. Geburtstag zu entkommen, hat sie sich einfach in einen Flieger Richtung Süden gesetzt. Sie wohnt sogar wie damals im Hotel Portofino.“ Nachdenklich blickte sie in ihr Weinglas. „Als wir vor ein paar Tagen telefoniert haben, klang sie ... irgendwie traurig. Sie sagte zwar, dass alles okay ist, aber ich bin trotzdem etwas beunruhigt.“
„Weil sie allein geflogen ist? Lebt Ihr Vater nicht mehr, oder sind Ihre Eltern geschieden?“
Ein Schatten flog über ihr Gesicht.
„Paps starb vor 16 Jahren ganz plötzlich an einem Herzinfarkt. Zuerst war es sehr schwer für meine Mutter, nach fast dreißig Jahren Ehe allein dazustehen. Um sich abzulenken, nahm sie ein paar Monate nach seinem Tod ihr Studium wieder auf.“
„Sie hat ...“, rechnete Leo nach, „... im Alter von neunundvierzig Jahren noch mal studiert?“
„Erstaunlich, nicht?“
„Zweifellos. – Welche Fakultät?“
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