„Ist dieser Name nicht passend für einen Hund, dessen Frauchen am Gerichtsmedizinischen Institut arbeitet?“, entgegnete Antonia amüsiert. „Außerdem hat mein Vierbeiner mindestens einen so guten Riecher wie das Original.“
„Ausgezeichnete Argumente, ihn Quincy zu nennen“, stimmte er ihr belustigt zu. Durch den Garten führte er seine Gäste in das imposante Haus. Beeindruckt schaute sich Antonia in dem großen Wohnraum um. Alles, was sie sah, zeugte von erlesenem Geschmack: der Marmorkamin, die davor gruppierten hellen Polster, vereinzelte Antiquitäten, viele Grünpflanzen. In einer Nische war ein runder Tisch für zwei Personen gedeckt. Verwundert wandte sich Antonia zu Leo um, denn sie hatte eher erwartet, in der Gärtnerunterkunft zu Abend zu essen.
„Wem gehört dieses Haus eigentlich?“
„Einem Finanzmanager“, erklärte Leo. „Mein Chef ist fast ständig auf Reisen. Damit das Haus nicht monatelang unbewohnt ist, kann ich hier schalten und walten, wie ich will.“
„Ihr Chef muss Ihnen sehr vertrauen.“
„Wir sind zusammen aufgewachsen. Er hat Karriere gemacht – und ich wurde Gärtner. Letztes Jahr hat er mir diesen Job angeboten. Seitdem kümmere ich mich hier praktisch um alles.“
„Beneidenswert“, befand Antonia. „Sie leben in diesem tollen Haus, vertreiben sich die Zeit mit Gartenarbeit und werden dafür wahrscheinlich noch gut bezahlt. Was könnte man sich mehr wünschen?“
Er verzog den Mund zu einem freudlosen Lächeln.
„Es kommt nicht so sehr darauf an, wo und wie ein Mensch lebt“, sagte er mehr zu sich selbst. „Es gibt wichtigere Dinge: Freundschaft, Vertrauen ...“ Abrupt brach er ab und deutete auf die offenstehende Verbindungstür. „In diesem Raum halte ich mich nach der Arbeit am liebsten auf.“
Gespannt trat Antonia ein. Außer einer raumhohen Bücherwand und einem mächtigen Schreibtisch gab es noch einen niedrigen Tisch mit einem Schachbrett darauf. Auf der Ablage darunter entdeckte Antonia auch ein Backgammon – und ein Scrabblespiel. Davor standen zwei bequeme Ohrensessel.
„Lesen oder spielen Sie hier?“
„Überwiegend lese ich. Zum Schachspielen fehlt mir leider oft der Partner. Manchmal trete ich zwar gegen mich selbst an, aber das ist keine wirkliche Herausforderung. Ich gewinne immer. So oder so.“ Das brachte ihn auf einen Gedanken. „Beherrschen Sie das Spiel der Könige, Antonia?“
„Früher war ich mal ganz gut.Viermal hintereinander war ich Jugendmeisterin. Heute komme ich nur noch selten dazu.“
Treuherzig schaute er sie an.
„Würden Sie gelegentlich eine Partie gegen mich wagen?“
Wer konnte diesen Augen widerstehen?
„Wenn ich mit der Renovierung fertig bin, lasse ich Sie gern mal verlieren.“
„Ist das eine Drohung oder ein Versprechen?“
„Was wäre Ihnen lieber?“
„Habe ich Bedenkzeit?“
„Bis zu meinem Einzug.“
„Abgemacht“, entgegnete er lächelnd. „Wollen wir jetzt essen? Ich habe eine Kleinigkeit vorbereitet.“
Diese Kleinigkeit bestand aus Serranoschinken auf Melonenschiffchen als Vorspeise.
Anschließend servierte Leo seinem Gast zarte Rehmedaillons mit Preiselbeerbirnen, frischen Broccoli und Pellkartöffelchen. Als Dessert brachte er Panna Cotta mit einem Erdbeer – Rhabarbermix auf den Tisch.
Quincy bekam einen großen Kauknochen und eine Schale Wasser auf der Terrasse.
„Das nennen Sie eine Kleinigkeit?“, sagte Antonia später in scheinbarem Vorwurf, wobei sie sich leise seufzend zurücklehnte. „Ich habe lange nicht so gut gegessen – und schon gar nicht so viel.“
„Was sollte ich tun?“, fragte er mit lausbübischem Grinsen. „Sie hatten den Wein vorgegeben. Zu diesem edlen Tropfen konnte ich schlecht Eintopf servieren.“
„Der bestimmt auch ausgezeichnet geschmeckt hätte. Haben Sie irgendwann mal in einem Feinschmeckerlokal gearbeitet?“
„Nicht in diesem Leben“, verneinte Leo geschmeichelt. „Will man als Single nicht Dauerkonsument von fertiger Tiefkühlkost oder Fast Food werden, muss man sich was einfallen lassen. Entweder man heiratet eine Frau, die einen mit kulinarischen Köstlichkeiten verwöhnt – oder man lernt selbst kochen. Allerdings macht es für mich allein nur halb so viel Spaß.“
„Deshalb haben Sie die Gelegenheit ergriffen, mich zu mästen“, fügte Antonia hinzu. „Eigentlich wollte ich heute Abend noch ein paar Bahnen Tapete an meine Wohnzimmerwand kleben. Jetzt wird mir schon das Erklimmen der Leiter Schwierigkeiten bereiten. Dabei möchte ich in spätestens zwei Wochen umziehen.“
„Haben Sie denn niemanden, der Ihnen hilft?“
„Meine Freunde sind beruflich stark eingespannt, so dass ich sie damit nicht behelligen möchte. Außerdem ist dieses Haus mein persönliches Projekt, das ich allein gestalten will.“
„Auch den Garten?“, fragte er mit leisem Zweifel in der Stimme. „Verstehen Sie was davon?“
„Nicht wirklich“, gestand Antonia. „Wie man am Zustand meiner Zimmerpflanzen deutlich ablesen könnte, habe ich nicht gerade einen grünen Daumen.“
„Auch keine Gartengeräte wie Rasenmäher und Heckenschere“, vermutete Leo. „Wenn es Ihnen recht ist, stelle ich Ihnen meinen Maschinenpark, mein Knowhow und meine Muskelkraft gern zur Verfügung, um dem meterhohen Wildwuchs auf Ihrem Grundstück den Garaus zu machen.“
„Das würden Sie tun?“, freute sie sich, doch dann schüttelte sie den Kopf. „Das kann ich nicht annehmen. Jedenfalls nicht umsonst.“
„Offenbar glauben Sie, ich ließe mir Nachbarschaftshilfe bezahlen“, erwiderte er befremdet. „Wollen Sie mich beleidigen, Antonia?“
„Natürlich nicht, aber ... aber Sie haben mir schon bei der Therme so effektiv geholfen. Nachher denken Sie noch, dass ich Ihre Hilfsbereitschaft ausnutze.“
„Davon kann gar keine Rede sein“, wischte er ihren Einwand
vom Tisch. „Hier auf dem Grundstück bin ich mit der Arbeit auf dem Laufenden. Allmählich beginne ich mich zu langweilen. Ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie mir erlauben würden, bei Ihnen drüben ein wenig Unkraut zu zupfen.“
„Machen Sie das immer so?“
„Was?“
„Die Tatsachen so zu verdrehen, als täte ich Ihnen einen Gefallen – und nicht umgekehrt.“
„Wovon sprechen Sie eigentlich? Sie werden einem Mann, der am liebsten an der frischen Luft arbeitet, doch nicht diese kleine Freude verwehren?“
„Ich geb’s auf“, lachte Antonia. „Von mir aus können Sie sich auf meinem Grundstück so lange austoben, wie Sie wollen.“
Mit Lausbubenlachen verneigte sich Leo leicht.
„Ich bin Ihnen zu tiefem Dank verpflichtet. Während Sie in der nächsten Woche entspannt alles tippen können, was auf Ihrem Schreibtisch landet, mache ich mich in Ihrem Garten nützlich.“
„Ich glaube, ich muss endlich einen Irrtum aufklären, Leo. Als Sie kürzlich annahmen, dass ich als Sekretärin arbeite, bin nicht gleich dazu gekommen, das richtigzustellen. Danach habe ich es einfach vergessen.“
Seine braunen Augen nahmen einen überraschten Ausdruck an.
„Sie sind keine Sekretärin? Aber Sie arbeiten am Gerichtsmedizinischen Institut!? Sind Sie Laborantin?“
„Ärztin – Fachrichtung Gerichtsmedizin und Pathologie.“
Ungläubig schaute er sie an.
„Sie sind eine von denen, die an Leichen rumschnippeln?“
„Vereinfacht ausgedrückt – ja.“
„Macht Ihnen das Freude?“
„Wahrscheinlich ist es für jemanden, der mit lebenden Pflanzen arbeitet, schwer zu verstehen, wenn sich jemand mit toten Menschen beschäftigt. Ich gehe den Dingen gern auf den Grund. Wir sind sozusagen medizinische Detektive. Ohne uns kämen viele Mörder ungeschoren davon. Starb jemand eines unnatürlichen Todes, finden wir es raus. Vorausgesetzt, der Tote liegt bei uns auf dem Seziertisch. Leider ist das nicht immer der Fall.“
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