„Das möchte ich gern“, sagte sie mit dankbarem Lächeln. „Obwohl ich mit Pferden aufgewachsen bin, habe ich die Geburt eines Fohlens immer verpasst. Das hier wird eine echte Premiere für mich.“
„Für mich auch“, entgegnete er weich. „Bislang habe ich mich dabei noch nie in so attraktiver Gesellschaft befunden.“
Hell lachte sie auf.
„Meinst du damit mich – oder die Stute?“
„Schwer zu sagen. Aurora ist eine Schönheit, intelligent und perfekt gewachsen. Aber selbst ein Pferdenarr wie ich erkennt mühelos, dass du sie in jeder Hinsicht bei weitem übertriffst.“
„Allmählich solltest du dir eine Brille anschaffen“, riet sie ihm kopfschüttelnd. „Meine besten Jahre liegen längst hinter mir.“
„Das wage ich zu bezweifeln“, widersprach er nun ernst. „Du zählst zu den wenigen Menschen, denen das Alter nichts anhaben kann.“
„Wenn du wüsstest, wie viel Zeit es täglich kostet, diese Wirkung zu erzielen“, winkte sie ab und hockte sich neben den Kopf der Stute. Sanft strich sie dem Pferd über den Hals. „Hab keine Angst, Aurora. Eine Geburt ist etwas ganz Einmaliges. Du wirst einem wunderschönen Fohlen das Leben schenken.“
In den nächsten Stunden saßen Helen und Vincent nebeneinander an die Stallwand gelehnt und warteten geduldig. Sie sprachen nicht viel, hingen beide ihren Gedanken nach. Irgendwann fielen Helen die Augen zu; ihr Kopf sank an Vincents Schulter. Behutsam legte er den Arm um sie und genoss ihre vertrauensvolle Nähe. Vor Ablauf der nächsten Stunde war die Geburt so weit fortgeschritten, dass es sich nur noch um Minuten handeln konnte, bis das Fohlen das Licht der Welt erblickten würde.
„Helen“, weckte Vincent die Frau an seiner Seite. „Es ist gleich so weit.“
Benommen schlug sie die Augen auf.
„Ich muss eingenickt sein“, murmelte sie entschuldigend, rückte aber nicht von ihm ab. So beließ er seinen Arm um ihre Schulter, während sie das Schauspiel der Geburt verfolgten.
Zuerst erschien der Kopf des Fohlens; gleich darauf glitt sein Körper aus dem Leib der Stute ins Heu. Helen und Vincent tauschten einen innigen Blick. Sie ließen Mutter und Kind Zeit, einander kennenzulernen.
„Bei den beiden scheint alles in Ordnung zu sein“, sagte Vincent nach einer Weile und erhob sich. Er streckte Helen die Hand entgegen, um ihr hochzuhelfen. Während sie sich um die Stute kümmerte, untersuchte er das Neugeborene.
„Es ist ein Hengstfohlen“, sagte er zufrieden. „Möchtest du ihm einen Namen geben?“
„Darf ich wirklich?“, vergewisserte sie sich mit strahlenden Augen, worauf er lächelnd nickte. Sekundenlang betrachtete sie das kleine schwarze Pferd mit der weißen Blesse an der Brust nachdenklich. Plötzlich tasteten sich die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages durch das Stallfenster zu dem Fohlen, tauchten es in beinah überirdisches Licht.
„Morning Star“, sagte sie leise, bevor sie Vincent fragend anschaute. „Oder klingt das zu kitschig?“
„Der Name passt zu dem kleinen Burschen“, befand er, bevor er seinen Blick auf den eintretenden Verwalter richtete. „Aurora hat es geschafft. Kümmerst du dich um alles Weitere?“
„Va bene, Padrone“, sagte der Italiener. „Sie und la bella Signora jetzt müssen in Bett. - Buona notte!“
„Grazie, Luigi.“
Seite an Seite verließen Helen und Vincent den Stall. Im Haus begaben sie sich gleich ins Obergeschoss.
„Was für eine Nacht“, sagte Helen, als sie das Gästezimmer erreichten. „Das war ein wundervolles Erlebnis.“ Spontan stellte sie sich auf die Zehenspitzen und hauchte einen Kuss auf seine Wange. „Danke, Vincent.“
„Es war etwas Besonderes, weil wir es zusammen erlebt haben“, erwiderte er, wobei er ihr in die Augen schaute. Ihre Blicke tauchten ineinander. Langsam hob er die Hand und legte sie an ihre Wange.
Helen hielt ganz still und genoss seine sanfte Berührung. Sekundenlang standen sie ineinander versunken auf dem Flur.
„Ich glaube, ich muss dich jetzt küssen ...“
Wortlos schloss sie die Augen. Im nächsten Moment spürte sie seine Lippen auf ihrem Mund. Sein Kuss war zuerst zart und vorsichtig, doch als sie ihm antwortete, wurde er kühner, leidenschaftlicher. Dabei hielt er sie umschlungen, als wolle er sie nie wieder loslassen.
Obwohl er sie den Rest der Nacht am liebsten in seinen Armen gehalten hätte, mahnte er sich innerlich zur Vernunft, weil er fürchtete, sie könne sich sonst überrumpelt fühlen. Er durfte jetzt nichts überstürzen.
Vincent ahnte nicht, was Helen bei ihrem ersten Kuss empfand: Sie fühlte sich auf einmal wieder jung, begehrenswert – und sehr lebendig. Die Einsamkeit der vergangenen Jahre wich einer lang vermissten Sehnsucht – nach diesem Mann. In seinen Armen fühlte sie sich zu Hause.
Einen Seufzer unterdrückend, gab er sie unvermittelt frei.
„Wir sollten versuchen, wenigstens noch ein bisschen zu schlafen“, sagte er mit belegter Stimme. „Gute Nacht, Helen.“
Ehe sie ihm sagen konnte, dass sie sich nun nach etwas völlig anderem als nach Schlaf sehnte, entfernte er sich mit eiligen Schritten und verschwand in seinem Schlafzimmer. So blieb ihr keine andere Wahl, als ebenfalls zu Bett zu gehen. Allerdings gelang es ihr nicht, gleich einzuschlafen. Ihre Gedanken kreisten um den Mann, der sie auf so erregende Weise geküsst hatte. Offenbar hatte er dabei seine Wirkung auf sie gar nicht wahrgenommen. Oder wollte er überhaupt nicht bemerken, dass sie ihm in dieser Nacht vorbehaltlos alles geschenkt hätte, was eine Frau zu geben vermochte? Womöglich hielt er weitergehende Intimitäten in ihrem Alter aber auch für unangemessen? Oder war dieser sonst so selbstbewusste Mann in solchen Dingen einfach nur schüchtern?
All diese Fragen geisterten Helen durch den Kopf, bevor sie endlich in einen tiefen Schlaf fiel.
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