„Das klingt spannend“, räumte Leo ein. „Anscheinend gibt es auch unentdeckte Morde. Wie ist das möglich?“
„Hier in Deutschland sind beispielsweise im Jahre 2003 etwa 850 000 Menschen gestorben“, erklärte sie. „820 von ihnen wurden offiziell Opfer von Mord und Totschlag. In fast 96 Prozent der Fälle ist es gelungen, den Täter zu ermitteln. Schmeichelhaft für die Polizei, aber Rechtsmediziner schätzen die Zahl der Gewaltopfer viel höher. Wir gehen von bis zu 2400 Tötungsdelikten aus.“
„Mit welcher Begründung?“
„Ungefähr 60 Prozent der Totenscheine sind nicht korrekt. Haus- und Notärzte sind weder zeitlich noch von der Ausbildung her in der Lage, eine gründliche Leichenschau vorzunehmen. Bei uns ist aber jeder Arzt dazu berechtigt. Ein Augenarzt ebenso wie ein Gynäkologe. Die meisten von ihnen haben ihre letzte Leiche während des Studiums gesehen.“
„Das ist einleuchtend“, befand Leo. „In der Gerichtsmedizin landen vermutlich nur diejenigen, deren Todesumstände von vornherein auf eine Gewalttat hindeuten.“
„Genauso ist es“, bestätigte Antonia. „Will jemand einen perfekten Mord begehen, braucht er nur ein gewisses Maß an Intelligenz und Geschick, um unentdeckt zu bleiben. – Es sei denn, er lässt das Messer gut sichtbar in der Brust des Opfers stecken.“
„Wahrscheinlich müssen Sie das so ironisch betrachten, weil es nicht nur frustrierend ist, sondern auch erschreckend.“ Einen Moment lang dachte er nach. „Heute Mittag haben Sie den Leichenfund erwähnt, von dem die HAZ berichtet hat. Bedeutet das, Sie haben das bedauernswerte Opfer obduziert?“
„Ja.“
„In der Zeitung stand, dass die junge Frau erdrosselt wurde. Haben Sie das sofort erkannt?“
„Schon am Fundort der Leiche habe ich patechiale Blutungen
in den Augen des Opfers festgestellt. Die drei häufigsten Ursachen dafür sind Strangulation, Ersticken oder Atemwegsverlegung. Wird beispielsweise jemand mit bloßen Händen erwürgt, verraten Würgemale am Hals des Opfers, wie es erstickt ist. Eine Atemwegsverlegung hingegen zeugt von einem Fremdkörper in der Luftröhre.“
„Was ist mit einem schnellwirkenden Gift? Erstickt man dann nicht auch?“
„Das nennt man innere Erstickung. Wenn die Erythrozyten – das sind die roten Blutkörperchen – nicht mehr fähig sind, Sauerstoff aufzunehmen und vom Blut ins Gewebe zu transportieren. Etwa bei Vergiftungen mit Kohlenoxyd oder Blausäure. Auf eine Blausäurevergiftung deutet außerdem der Geruch von Bittermandeln hin.“
„Zyankali“, überlegte Leo. „Davon habe ich schon gehört.“ Nun wurde er tatsächlich etwas verlegen. „Ich lese gern Krimis – oder ich sehe mir einen Thriller im Fernsehen an.“
„Dafür kann ich mich auch begeistern – besonders für Psychothriller.“
„Da haben wir ja was gemeinsam“, freute sich Leo. „Für mich ist es eine Herausforderung zu ergründen, weshalb beispielsweise ein Serienmörder irgendwelche Zeichen hinterlässt. Am liebsten würde ich dem Fernsehdetektiv dann auf die Sprünge helfen.“ Leise lächelnd griff er nach seinem Weinglas. „Ehrlich gesagt habe ich mir auch schon Gedanken darüber gemacht, weshalb der Orchideenmörder ausgerechnet diese Blüten bei seinen Opfern zurücklässt. Eine so hässliche Tat mit den wohl bezauberndsten und zartesten Blüten zu schmücken – das ergibt für mich keinen Sinn.“
„Irgendein Motiv muss es dafür aber geben.“
„Um welche Orchideenart handelt es sich dabei? Davon stand nichts in der Zeitung.“
„Da bin ich überfragt. Mit Blumen habe ich es nicht so.“
„Haben Sie die Orchideen gesehen?“ Und als sie nickte: „Würden Sie die Blüten wiedererkennen?“
„Sicher.“
„Kommen Sie, Antonia“, bat er und erhob sich. „Ich möchte Ihnen was zeigen.“
Über die Terrasse führte er sie in den Garten. Quincy folgte ihnen neugierig schnüffelnd um das Haus herum auf die andere Seite des Grundstücks. Es erwies sich als sehr viel weitläufiger, als man auf den ersten Blick erkennen konnte. Versteckt hinter hohen alten Bäumen lag ein großes Gewächshaus. Leo ließ ihr an der Glastür den Vortritt. Erwartungsvoll trat sie ein, blieb aber angesichts der Blütenpracht nach wenigen Schritten überwältigt stehen. Sie fühlte sich wie in eine andere Welt versetzt. Das gesamte Gewächshaus war wie ein exotischer Garten angelegt. Schmale Wege führten vorbei an üppig blühenden Pflanzen. Aber auch Palmenarten, Kakteen und duftende Blumen, die Antonia nicht kannte, wuchsen wie in einer tropischen Landschaft. Sogar ein kleiner künstlich angelegter Wasserlauf plätscherte über bizarr geformte Steine.
„Das ist unglaublich schön“, brachte sie beeindruckt hervor. „Haben Sie das alles angelegt?“
„Das ist meine Oase der Ruhe“, bestätigte er lächelnd und deutete auf eine Bank unter Palmen. „Ein perfekter Ort, um den Alltagsstress zu vergessen.“
„Ist es nicht sehr zeitaufwendig, das alles hier zu pflegen?“
„Einen Großteil davon übernimmt eine ausgeklügelte Technik“, erzählte er nicht ohne Stolz. „Computergesteuerte Bewässerung und Regulierung der Luftfeuchtigkeit genau wie Temperatur und Licht. An warmen sonnigen Tagen öffnet sich das Dach automatisch. Ich habe kaum noch was zu tun.“
„Sie untertreiben“, war sie überzeugt. „Sogar ich sehe, dass hier eine Menge Arbeit drinsteckt. – Und viel Liebe.“
„Das ist halt mein Hobby“, erwiderte Leo verlegen und führte sie zu den Orchideen. Sie waren einzeln oder in Gruppen gepflanzt; manche hingen in geflochtenen Körbchen oder wuchsen auf einem Stück Baumrinde.
„Diese Orchidee habe ich auch zu Hause“, sagte Antonia und zeigte auf eine weiß blühende Pflanze. „Ein Kollege hat sie mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt. Leider war sie sehr schnell verblüht.“
„Das ist eine Phalaenopsis-Hybride“, erklärte Leo. „Man nennt sie auch Nachtfalterorchidee oder Malaienblume. Bei richtiger Pflege blüht diese Pflanze sehr lange – und immer wieder.“
„Wahrscheinlich habe ich sie falsch behandelt. Oft vergesse ich, meine Zimmerpflanzen zu gießen, deshalb lasse ich immer eine ordentliche Pfütze im Übertopf stehen.“
„Haben Sie gern ständig nasse Füße? Ihre Phalaenopsis möchte zwar feucht gehalten werden, aber sie mag absolut nicht dauernd im Wasser stehen. Außerdem braucht sie eine hohe Luftfeuchtigkeit, deshalb sollten Sie die Pflanze häufig mit Wasser besprühen – mit einen feinen Zerstäuber, damit sich auf den Blättern keine Pilzkrankheiten ausbreiten können.“
Antonias Gesichtsausdruck verriet, dass sie sich damit etwas überfordert fühlte.
„Bringen Sie das traurige Exemplar am nächsten Wochenende mit. Ich werde es Ihnen wieder aufpäppeln.“ Mit weitausholender Geste umfasste er die Pflanzen. „Erkennen Sie die Orchideenart, die bei den Opfern gefunden wurde?“
Sie schaute sich nur kurz um, bevor sie auf eine üppig blühende Art deutete.
„Das ist eine Cymbidium-Hybride“, sagte Leo nachdenklich. „Auch Kahnlippe genannt. Normalerweise gelten Orchideen als schwer zu kultivierende Pflanzen, aber diese hier widerlegt dieses Vorurteil. Bei guter Pflege bringt sie bis zu fünfundzwanzig lang anhaltende Blüten hervor. Es gibt Hunderte von Zuchtformen mit Blüten in allen Farbschattierungen.“
„Ist diese Art wirklich leicht zu bekommen?“
„Heutzutage: ja – in jedem besseren Blumenladen oder in der Gärtnerei. Neuerdings bieten auch Baumärkte immer wieder Orchideen im Sonderangebot an. – Oder größere Supermarktketten. Cymbidiumblüten findet man dort vor Feiertagen auch oft in Gestecken oder Gläsern.“ Bedauernd schaute er Antonia an. „Ich fürchte, Ihr Serienmörder wählte absichtlich eine Pflanze aus, deren Herkunft man nicht zurückverfolgen kann.“
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