Ich kapierte bloß nicht, warum er sich zuerst das Rudel vornahm.
Gleichzeitig durchfuhr mich der Schrecken, dass er schon bei meiner Familie gewesen sein könnte. Deshalb bat ich Josh, kurz am Haus meiner Eltern vorbeizufahren. Das Vorhaben blies ich schnell wieder ab. Ich würde von außen nichts sehen. Andererseits könnte ich klingeln. Aber wenn es ihnen gut ging, würden sie sich nur Sorgen machen.
Himmel, Arsch und Wolkenbruch, das war so verkehrt! Zitternd folgte ich Josh zum Auto, stieg ein, schnallte mich an und krallte meine Nägel in den Sitz, als Josh wie der Teufel persönlich zum Garuschen Anwesen fuhr.
Ich überlegte, ob ich eine Lebensversicherung abschließen sollte oder ob es dafür schon ein bisschen zu spät war.
Niemand erwartete uns am Anwesen oder hielt uns auf, als Josh durch das Tor brauste, das wie von Geisterhand geöffnet und hinter uns wieder verschlossen wurde. Er bremste scharf. Schlitternd brachte er das Auto direkt vor dem Eingang zum Stehen. Ich zitterte jetzt noch ein wenig mehr und brauchte etwas länger als Josh, um den vermaledeiten Gurt zu öffnen. Doch so wie ich ihn offen hatte, eilte ich Josh hinterher ins Haus.
Was mich dort erwartete, traf mich wie ein Schlag ins Gesicht.
Mit einer Keule.
Einer verdammt riesigen Keule!
Überall lagen Verletzte. Das waren nicht nur ein paar Schürfwunden oder Prellungen. Das war weitaus schlimmer. Aufgerissene Bäuche.
Abgerissene Gliedmaßen.
Blut.
So viel Blut.
Stöhnen.
Schreie.
Ich hatte Mühe, den Inhalt meines Magens bei mir zu behalten. Mühsam folgte ich Josh in den Salon, darauf bedacht, weder auf einen der Verletzten zu treten noch auf dem Blut auszurutschen. Drinnen ging es weiter.
Mein Gott!
Wie viele waren das? Und warum waren sie alle in ihrer menschlichen Gestalt?
Alan.
Mein Herz setzte einen Moment aus, als ich ihn sah. Er presste seinen rechten Arm auf eine tiefe Bauchwunde, aus der seine Gedärme hervorquollen. Sein linker Arm sah aus, als wären ihm sämtliche Knochen abhanden gekommen. Blut lief ihm übers Gesicht. Seine linke Kopfhälfte ließ vermuten, dass jemand versucht hatte ihn zu skalpieren. Seine Augen bohrten sich in meine.
Nicht bernsteinfarben.
Nicht dunkel.
Sondern vollkommen schwarz. In ihnen erkannte ich keinen Schmerz, sondern Wut.
Ungläubigkeit.
Den Wunsch nach Rache.
Mein Gewissen schlug mir geifernd ins Gesicht. Hätte ich ihm nur gesagt, dass ich auf einem Baum aufgewacht war. Vielleicht… Nein, dafür war es zu spät. „Was kann ich tun?“ Josh führte mich in den kleinen Salon. Weg von den verletzten, halb toten Gestaltwandlern. Hin zu einer kleinen Gruppe, die ihm Kreis saß. Die Füße untergeschlagen, sich an den Händen haltend, die Augen geschlossen und leise meditierend. Unaufgefordert schloss ich mich ihnen an, öffnete ihnen mein Bewusstsein und wurde eins mit den magischen Kräften, die jetzt ihre Arbeit verrichteten.
Es war anders als die Vereinigung während des Bannrituals. Vielleicht, weil ich mich immer noch als eigenständige Person fühlte. Andererseits war es gar nicht so verschieden. Ich spürte, wie wir unsere Energien bündelten. Als Saphi hatte ich glücklicherweise mehr als genug davon.
Die teils gesprochenen, teils gesummten Worte, die aus mir sprudelten – wenn ich sie auch weder verstand noch auch nur die leiseste Ahnung hatte, woher ich sie eigentlich wusste – stärkten die Magie. Ließen sie potentiell anschwellen, bis sie wie ein großer, blaugrüner Teppich waberte und sich über den kleinen Salon auszustrecken begann.
Durch dessen Wände hindurch.
Ich spürte, wie weitreichend, wie groß, wie mächtig diese Heilenergie war. Dadurch fühlte ich mich unendlich viel kleiner. Allmählich verebbten die Schreie. Oder ich hörte sie einfach nicht mehr.
Aber ich sah !
Arterien und Venen, die sich verbanden. Muskelstränge und Haut, die zusammenwuchsen. Knochen, die sich zusammensetzten. Nervenbahnen und Sehnen, die zueinanderfanden. Nägel, Haut und Haare, die sich neu bildeten. Blut, dass rasend schnell erneuert wurde. Ich sah jeden mühsam gewonnen Herzschlag, der sich stetig normalisierte. Sah jedes Ausdehnen eines Lungenflügels, das Füllen der Lunge mit Sauerstoff, die Anreicherung des Blutes mit demselben. Ich sah Chakren, die aufflammten und zu dem Sternennetz wurden, dass ich kannte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit war es vollbracht.
Schwerfällig öffnete ich meine Augen und wurde geblendet von strahlendem Sonnenschein. Obwohl ich wissen wollte, ob die anderen tatsächlich geheilt und über dem Berg waren, kippte ich nach hinten und holte den Schlaf nach, den ich dringend brauchte. Dieses Wunder, sofern es denn vollbracht war und nicht nur in meiner Einbildung existierte, hatte mich meine ganzen Kraftreserven gekostet.
In einem großen, weichen Bett wachte ich auf. Ich brauchte nicht lange, um zu wissen, wo ich war. Jedoch hätte ich nicht erwartet, je wieder in diesem Zimmer zu sein.
Diesem Bett.
Oder besser ausgedrückt: So schnell.
Starke Arme umfingen mich und hielten mich fester, als notwendig war. „Alles gut, Baby?“ Alan nannte mich Baby? Hatte er eine Kopfverletzung gehabt? Erinnere dich, los! Seine Kopfhaut war auf der linken Seite abgerissen gewesen und hatte wie ein Lappen heruntergehangen. Sein Schädel an sich war jedoch intakt gewesen.
Glaubte ich.
Himmel hilf, ich wollte mich nicht umdrehen und ihn ansehen. Wer weiß, was mich erwartete. Mein Magen schlingerte schon bei der Erinnerung daran verdächtig genug.
Krächzend brachte ich ein ‚Hm, denke schon.’ zustande, woraufhin er mich noch fester an sich drückte. „Luft!“, keuchte ich, während ich besorgt lauschte, ob meine Rippen knackten. Er lockerte seine Umarmung ein wenig. „Ich hatte Angst, dass er sich nach dem Überfall auf das Rudel an dich heranmacht. Geht es dir wirklich gut?“ Ich nickte, auch wenn ich mir dessen nicht ganz sicher war.
Humphrey hatte all diese Were verletzt.
Anscheinend sehr schnell und ohne selbst dabei Schaden zu nehmen. Bloß gut, dass Ribberts Leute nicht ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen waren. Die waren zu dem Zeitpunkt wohl schon alle weg gewesen. Zumindest hatte ich keinen von Ribberts Rudel entdecken können… zwischen all dem Blut… und anderen Dingen.
Alan musste zu Recht vermuten, dass Humphrey anschließend mich heimsuchte. Ich sollte anfangen, von Humphrey mit seinem richtigen Namen zu sprechen. Sael, so hatte ihn die Ker-Lon genannt. Vielleicht fiel es mir dadurch leichter, ihn als Monster zu betrachten. Als Humphrey hatte er nicht dazu tendiert, solche Scheiße zu veranstalten. Sael – ein Name, der in mir keinerlei Gefühle hervorrief – war sozusagen die andere Seite der Medaille. „Ich habe gehört, deine Fenster sind wieder kaputt.“ Eine Feststellung; keine Frage. Trotzdem nickte ich. „Ich bin froh, dass du unverletzt bist. Er hat über hundert meiner Leute erwischt, Sam. Und nochmal genau so viele verletzt. Wir haben ihn kaum richtig sehen können. Oder hören. Er war wie ein Schatten. Eingehüllt in Dunkelheit. Ich denke, er ist nicht mal ins Schwitzen gekommen. Und dieses Lachen…“
Ich spürte, wie Alan schauderte.
„Die Zeit, bis Josh mit dir hier war, war die Hölle für mich.“ Ich erfuhr, dass Josh zum Zeitpunkt des Angriffs im Keller gewesen war. Schwein gehabt… sozusagen.
„Tut mir leid. Ich wollte das alles nicht. Es ist alles meine Schuld.“ Alan strich sanft über meine Haare und begann mich in seinen Armen zu wiegen wie ein ängstliches Kind. „Schh, nein. Sag sowas nicht. Ich hätte ihn vernichten sollen, als ich die Möglichkeit dazu hatte. Aber ich habe gezögert, weil er mein bester Freund war.“ Ha, bloß gut, dass Alan mein Stirnrunzeln nicht sah. Das waren schon keine Furchen mehr, das waren Gräben!
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