Etwas Wichtiges war mir dabei klar geworden: Roman war nicht hinter mir her um Rache zu nehmen, sondern hinter Alan. Dass bedeutete, dass ich aus vorerst – theoretisch – aus dem Schneider war. Was meine Familie betraf. Denn die schien nicht in unmittelbarer Gefahr zu sein. Für alle Fälle hatte ich Steward Bingham trotzdem telefonisch darum gebeten, bei ihnen hin und wieder nach dem Rechten zu sehen. Natürlich ohne dass sie etwas davon mitbekämen.
Ich verstand jedoch nicht, aus welchem Grund mich Roman auf den Baum verpflanzt hatte.
Welche Absicht hatte er damit gehegt?
Hatte er gehofft, dass ich mir den Hals brach?
Nein, eher schien er großen Wert auf Alans Anwesenheit zu legen. Warum sonst hätte er uns angreifen sollen, als wir zusammen unterwegs waren? Dazu passte allerdings nicht, dass er Alan außer Gefecht setzte.
Für Wochen!
Im Moment schien ich jedoch vor Romans Rachedurst an Alan relativ sicher zu sein. Es wäre möglicherweise sogar ganz praktisch, wenn Alan nicht mehr aufwachte. Schließlich war ich nicht an ihn gebunden. Was Roman wichtig sein musste. Sonst würde ich mir die Radieschen nämlich schon eine ganze Weile von unten ansehen. Vielleicht, weil mit der endgültigen Bindung ein Teil von Alan sehr viel mehr leiden würde als ohne diese?
Es war nur eine Vermutung, aber eine ziemlich nahe liegende.
Dennoch, der Baum passte überhaupt nicht in das Muster. Diese Aktion hatte – außer dass es mir hochpeinlich gewesen war – mich oder Alan weder von etwas abgehalten noch in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht.
So sehr ich auch darüber nachgrübelte – ich verstand es nicht. Unter Umständen war das aber auch einfach nur Romans Sinn für Humor.
Sofern man einem Vampir sowas unterstellen konnte.
„Du wirkst ein wenig nachdenklich, kleine Sam.“ Oh verflixt, wenn man vom Teufel sprach… beziehungsweise an ihn dachte! Dir passiert nichts. Solange mein guter Freund ein Nickerchen hält, wäre es wenig spaßig dich ihm zu entreißen… Stocksteif saß ich an Alans Bett und getraute mich nicht mich umzudrehen. Roman stand hinter mir. Aber warum hörte ich ihn in meinem Kopf? „Was willst du hier?“, fragte ich mutig, obwohl ich innerlich zitterte wie Espenlaub. „Eine gute Frage, nicht wahr, kleine Sam? Um ehrlich zu sein hatte ich gehofft, dass du und Alan euch ein wenig näher gekommen seid. Aber wie ich sehe, ist der Gute noch nicht aufgewacht. Ich habe meine Kräfte wohl unterschätzt. Allzu vertraut bin ich mit ihnen noch nicht.“ Pah, dass ich nicht lachte! Ich war mir ziemlich sicher, dass Roman genau wusste, was er tat. Nur die Absicht dahinter war mir unerklärlich. „Wenn du schon mal da bist, kann ich dich auch fragen, warum du mich auf den Baum gebracht hast. Was war der Zweck dahinter? Sollte ich mir das Genick brechen?“ Unbewusst hatte ich mich aufgestellt und Roman damit die Sicht auf Alans Gesicht genommen.
Nur für den Fall, dass Alan just in diesem Moment aufwachte.
Das tat er nicht.
Dafür betrat jedoch Josh den Raum. Und der war für Roman ein willkommenes Ziel. Bei ihm wäre es egal, ob Alan dabei zusah, wenn er starb. Woher ich das wusste, war mir schleierhaft, denn Roman ließ nichts erkennen, was mich zu dieser Einsicht brachte. Meine Entscheidung dauerte kaum länger als ein Augenblinzeln. Denn Roman war klar im Kopf. Viel klarer als jemand, den es nach Rache dürstete, sein sollte. „Bleib bloß hinter mir!“, zischte ich zu Josh, vor dem ich mich aufbaute. Eigentlich lächerlich, wo er mich doch mehr als zwei Köpfe überragte. „Du bist sein Ziel, nicht ich.“ Obwohl ich Josh nicht ins Gesicht sehen konnte, wusste ich, wie sehr er mit sich rang. Ich war seine Alpha. Er musste tun, was ich sagte. Gleichzeitig musste er jedoch auch für meine Sicherheit sorgen. „Bist du dir sicher, kleine Sam?“ Romans kaltes Grinsen ließ mich zittern, während ich schluckend antwortete, dass ich mir absolut sicher sei. Immerhin lebte ich noch. „Vielleicht möchte ich mit dir spielen, kleine Sam?“ Gezielte Fragen, die mich aus der Reserve locken sollten. Doch sie erreichten das Gegenteil.
Roman war nicht wahnsinnig, sondern eiskalt planend.
Ein Mörder, der keine Ruhe geben würde, bis Alan seelisch zerstört war und darum bettelte sterben zu dürfen. „Du willst mit Alan spielen, nicht mit mir.“ Roman schnalzte mit der Zunge, Josh hinter mir knurrte. „Reiß dich zusammen, Josh!“ So hatte ich bisher nie mit ihm gesprochen, aber es musste sein. In meinem Kopf ratterte es unaufhörlich, während ich nach einem Ausweg, einer Lösung suchte. Doch wie ich es auch drehte und wendete, es schien keine zu geben. Alan konnte Roman nicht aufhalten. Ich ebenso wenig. Fiat konnte ihn in Schach halten, aber nur für eine bestimmte Zeit. Die Pir waren ihm wahrscheinlich ebenso wenig gewachsen. Die einzigen, die ihn vielleicht stoppen konnten, waren die Ker-Lon.
Doch wie sollten wir an die herankommen?
Würden die uns überhaupt helfen?
Einen Grund hatten sie keinen dazu. Schließlich hatte Alan eine der ihren umgebracht. Zwar in Notwehr, aber soweit ich wusste, spielte das für Ker-Lon keine Rolle. Alan, ich und viele andere würden definitiv sterben. Egal wie lange Roman dafür brauchte. Und wenn er die Geduld verlöre, wäre es egal, ob Alan und ich aneinandergebunden waren oder nicht.
Ach was, ich wusste , dass ich früher oder später mit Alan schlafen würde.
Schon jetzt fiel es mir schwer, mich von ihm fernzuhalten. Wieso kürzte ich die ganze Sache also nicht einfach ab? Wenn Alan und ich nicht mehr lebten, würde Roman aufgeben müssen. Ich erinnerte mich an Humphreys Warnung, die mir lange Zeit wie eine Mahnung in den Ohren gehangen hatte… Wenn du dich dazu entschließt Energie aufzunehmen, egal ob bewusst oder unbewusst, kann niemand dich aufhalten. Ich nicht, ein anderer Ker-Lon nicht und auch sonst wer nicht. Noch nicht einmal ein Vampir oder die Pir. Sie mögen dazu in der Lage sein deinem Herzen zu befehlen, aufzuhören zu schlagen oder deiner Lunge, das Atmen einzustellen. Doch um deine Fähigkeiten als movere oder Saphi zu beeinflussen, müssten sie wissen, woher du diese nimmst. Und das Kleines, ist unmöglich. Denn du selbst bist diese Fähigkeit. Wenn du dich also entscheidest, kannst nur du selbst diesen Entschluss aufhalten…
Ich musste lediglich genug Energie in mich aufnehmen und diese dann gebündelt in uns beiden freilassen, während ich Alan sehr nah war. Wir würden beide sterben, ohne dass jemand etwas dagegen unternehmen konnte oder selbst in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Noch nicht einmal Roman.
Sofern er uns nicht berührte.
Josh atmete zischend hinter mir ein und wich einen Schritt zurück. „Sam, deine Haut…“ Ich drehte meinen Kopf zu ihm um und nickte. „Ich weiß.“ So wie er seine Augen aufriss, musste Josh wissen, was ich plante. Er setzte bereits an etwas zu sagen, als Romans Stimme wie eine reißende Brandung über mich donnerte. „Untersteh dich, Samantha!“
Herausfordernd drehte ich mich zu ihm um und setzte ein provokatives Lächeln auf. „Warum? Ich weiß, wo deine Rache endet, Roman. Doch vorher wirst du mir und Alan wehtun. Wieso sollte ich nicht selbstsüchtig sein und es aus eigenem Antrieb beenden? Ich mag Schmerzen nicht, weißt du? Weder seelische noch körperliche. Doch genau darauf wird es hinauslaufen, wenn ich jetzt keinen Schlussstrich ziehe. Das verstehst du doch, nicht wahr, Roman?“ Seine Gesichtszüge verzogen sich zu einer bedrohlichen Grimasse. „Es würde damit nicht aufhören, Sam. Deine Familie würde als Nächstes leiden. Und dann jeder einzelne aus dem Rudel.“ Es fiel mir schwer, mein provokatives Lächeln aufrecht zu erhalten. „Ach ja? Das glaube ich dir nicht. Du willst Alan leiden sehen. Vielleicht auch mich, sonst würdest du nicht meiner Familie drohen. Außerdem hat die Sache noch einen Haken: Wenn keiner mehr von Alans Rudel existiert, wird niemand die Wandler in Schach halten können. Ribberts Rudel allein schafft das nicht. Du weißt das. Noch nicht einmal du wirst das wollen.“ Roman lachte. Eisig wie ein Felsklotz. „Wenn es meinen Rachedurst sättigt, denke ich nicht darüber nach.“ Es war eine Lüge. Ich wusste es.
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