Ich öffnete sie ihm bereitwillig.
Es war kein sanfter Kuss.
Roman verschlang mich mit einem Feuer, dem ich nicht entrinnen konnte. Seine unbändige Macht schloss sich wie ein erdrückender Handschuh um mich. Ich konnte kaum atmen, so sehr war ich von ihm, seinem unnachgiebigen Mund und seiner forschenden Zunge gefangen. Romans Hände packten fester zu, während er sein Knie gegen meine pochende Mitte presste. Mein Wunsch, ihn zu flambieren oder schreiend wegzurennen, war abgelöst von dem wahnwitzigen Verlangen, mich von ihm in Besitz nehmen zu lassen.
Ein klitzekleiner Rest meines Verstandes ganz hinten im Kopf kreischte entsetzt auf, als ich mich begehrend an Romans Bein rieb, ihn umklammerte, meine Nägel in seinen Rücken bohrte, meine Hände durch seine Haare gleiten ließ, seinen Nacken umschlang und ihm damit signalisierte, dass er alles mit mir anstellen konnte, wonach ihm beliebte.
Mein Keuchen, als ich in einem derart intensiven Höhepunkt kam, dass ich haltlos zitterte, war selbst in meinen Ohren viel zu laut.
Umso größer war meine Beschämung, als ich bemerkte, dass Roman nicht annähernd so erregt war wie ich. Seine Lippen lagen immer noch auf meinem, verzogen sich aber zu einem Grinsen, das abwertender kaum sein konnte. Sein fester, schon schmerzhafter Griff lockerte sich nicht, als er seinen Mund von meinem löste und mich mit seinen silbrig-blauen Augen ansah, als wäre ich ein ekelhaftes Insekt.
„Wie schamlos.“ Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht.
„Sag, kleine Sam, hat Alan dich zum Schreien gebracht? Hat er dich gut gefickt?“ Vor Entrüstung klappte mein Kiefer nach unten. Ich weigerte mich, ihm eine Antwort zu geben. Das hier war beschämend genug. Ich musste ihm nicht mitteilen, dass ich weder mit Alan geschlafen hatte, noch gedachte, es in nächster Zeit zu tun. Natürlich wollte ich es, aber die Konsequenzen dessen wollte ich nicht tragen. „Oh?“ Überrascht zog Roman eine Augenbraue in die Höhe. Unmöglich!
Er…
Natürlich.
Ich Dummkopf!
Selbst wenn Roman jetzt ein Briam war – halb Ker-Lon, halb Vampir – so konnte er immer noch meine Gedanken lesen. „Er hat sich noch nicht an dich gebunden. Zu schade. Dann muss ich wohl noch eine Weile warten.“ Er nahm meinen Mund derart grob in Besitz, dass ich vor Schmerz wimmerte, ehe er sich mit ausdrucksloser Miene von mir verabschiedete. „Man sieht sich, kleine Sam. Bis dahin…“
Ich taumelte und plumpste rücklings auf meinen Allerwertesten, als Romans Griff sich durch dessen Verschwinden abrupt löste und ich den Halt verlor.
Gott, was habe ich nur getan?
Mein schlechtes Gewissen rang mit meiner Sorge um Alan, der sich nach wie vor bewegungslos neben dem Auto befand. Mit wackeligen Beinen rappelte ich mich auf, torkelte zu Alan und war froh, dass seine Atmung regelmäßig und sein Puls kräftig war. Abgesehen von dem kleinen Rinnsal Blut, was aus seinem Mund floss, sah er aus, als ob er schlief.
Mit großer Anstrengung gelang es mir, ihn in den Van zu verfrachten.
Ihn zu wecken hatte ich aufgegeben.
Ein paar Leute des Rudels waren immer noch da: Josh, Maya, Matthes und ein paar andere – der harte Kern.
Sie würden mir helfen können.
Sie mussten mir helfen können!
Alan wachte nicht auf.
Noch nicht mal zu meinem Geburtstag, an den ich mich nur erinnerte, weil meine Familie anrief. Egal wie sehr ich hoffte oder wie viele Heilungsrituale wir auch vollzogen: Alan blieb regungslos in seinem Bett liegen. In seinem Arm steckte ein dünner Schlauch für die Infusion. Unter der Bettdecke kam ein weiterer Schlauch zum Vorschein, der in einen Beutel führte. Glücklicherweise verfügte das Rudel über einen Arzt, dessen Dienste im Normalfall nicht von Gestaltwandlern in Anspruch genommen wurde. Er was derselbe, der mir den Gips verpasst hatte.
„Sam, lass uns ein wenig raus gehen. Den Kopf durchblasen. Irgendwas.“ Mayas flehende Blicke entlockten mir ein kleines Lächeln. Sie hatte Recht. Alans Anblick deprimierte mich. Da war es doch viel lustiger, ein wenig draußen herum zu spazieren und Zielscheibe für Roman zu spielen. „Glaubst du, das ist klug? Was, wenn Roman auftaucht?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wer sagt uns denn, dass wir hier sicher sind? Sind wir nicht. Das weißt du ebenso gut wie ich.“ Auch das stimmte.
Leider.
Genau wie ihr Mann Matthes, Josh und ein paar wenige andere Were, hatte Maya sich dazu entschlossen die Stellung zu halten. Dabei wüsste ich sie lieber in Spline. Als könnte sie meine Gedanken erraten, schüttelte sie leicht den Kopf. „Ich gehe nicht nach Spline, Sam. Selbst wenn mein Leben davon abhängt. Viel zu viele schlechte Erinnerungen. Alan weiß das.“ Ich runzelte die Stirn; hoffte, dass sie weiter sprach. Doch sie winkte schluckend ab. Anscheinend hatte sie schon genug gesagt.
Ich wollte nicht nachbohren.
Ich konnte es verkraften, nicht eingeweiht zu sein. Wenn sie mir mehr hätte sagen wollen oder können, ohne in den Strudel einer hässlichen Vergangenheit gerissen zu werden, hätte sie es getan. Dafür hatte ich Verständnis.
Ah… verdammte Scheiße!
Und ob ich es wissen wollte.
Sobald Alan wach war, würde ich ihn ausquetschen wie ein feuchtes Handtuch!
Doch Alans Zustand änderte sich nicht.
Fünf Wochen voller Sorge, was als Nächstes passierte und ob Alan überhaupt je wieder aufwachte, gingen an mir nicht spurlos vorüber. Ebenso wenig die Heilungsrituale, die laut Joshs Erklärung vollkommen nutzlos waren. Alan war gesund. Sein Körper funktionierte reibungslos. Nur sein Geist schien gefangen zu sein und erlaubte es Alan nicht aufzuwachen. Romans mentaler Schlag hatte verheerendere Folgen als eine Bekanntschaft mit einer ganzen Bullenherde.
Selbst das Lesen von Alans Chakren half nicht weiter; die waren makellos intakt.
Es schien vielmehr so, als habe Roman nicht Alans Gehirn, sondern dessen Seele beeinflusst und diese in seinem Körper eingeschlossen. Eine schreckliche Vorstellung, wenn ich bedachte, dass Alan eine Kämpfernatur war, die niemals aufgab.
Womöglich bekam er alles um sich herum mit. Konnte sich nur nicht verständlich machen.
Dieses Bild belastete mich weit mehr als Alans Regungslosigkeit. Was, wenn er für immer so bliebe? Wäre es ihm dann lieber…
Nein!
An sowas sollte ich nicht denken.
Ich sollte mich auf die Zukunft konzentrieren. Noch hatten wir das Problem Namens Roman, das sich nicht von allein lösen würde. Alan musste aufwachen. Eine andere Option kam überhaupt nicht in Frage. In der Zeit, in der ich nicht an Alans Bett saß, lief ich durch sein riesiges Anwesen, um mich abzulenken. Funktionierte selten länger. Dann wurde ich unruhig und musste mich zwingen, nicht sofort an Alans Seite zurückzukehren. Ich benahm mich wie eine Ehefrau, deren Liebster im Koma lag. Dabei war Alan nicht mein Liebster. Aber er und ich waren durch das Schicksal einander gekettet. Wenn er nicht aufwachte, wer sollte mir dann mit Roman beistehen?
Viele Stunden verbrachte ich in der Bibliothek, mit Maya in der Stadt oder einfach nur vor dem Fernseher. Oft beschäftigte ich mich mit Dingen, die eigentlich in den Zuständigkeitsbereich des Personals fielen und weswegen mich Scott bereits mehr als einmal tadelnd angesehen hatte. Und wenn seine Augen Funken sprühen würden: Es war mir schnuppe.
Hin und wieder schaffte ich es sogar, mich derart in Alans Fitnessbereich zu verausgaben, dass ich erschöpft an seinem Bett einschlief.
Es war kein Wunder, dass ich nach den endlosen Tagen meinen Rücken deutlicher spürte als jemals zuvor. Außerdem hatte ich während der nicht enden wollenden Stunden, die ich bei Alan saß, genug Zeit, um mir Gedanken zu machen.
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