Sie hat einiges durchgemacht, dachte Milena. Eine Ehe, die in die Brüche geht, und dann diese Schlammschlacht. Haben sie und das Opfer sich gegenseitig in den Hass getrieben? Hat sie sich endgültig aus dem Teufelskreis lösen wollen? Reicht das als Motiv für einen Mord?
„Warum haben Sie sich nicht von ihm scheiden lassen?“
Anja Herlof schloss für einen Moment die Augen. „Ich hab den ganzen Gerichtskram nicht gewollt. Es ging ja auch so. Keiner von uns wollte wieder heiraten.“
„Mathias Bauer hat für seine Tochter Unterhalt bezahlt. Was ist mit Ihnen?“
„Ich bin Friseurin und hab einen Teilzeitjob. Selbst wenn ...“ Anja stoppte und schaute verlegen auf ihre Fingernägel.
Milena ahnte, was sie hatte sagen wollen. Selbst wenn ich das schwarz verdiente Geld dazu zähle, reicht es nicht. Doch Milena war nicht hier, um Anja wegen eines Steuerdeliktes zu verhören oder gar zu verhaften.
„Selbst wenn ich das Kindergeld und den Unterhalt für Laura hinzuzähle“, fuhr Anja fort, „dann reicht es trotzdem nicht. Laura, in der Schule, da muss sie dauernd erklären, warum sie dies nicht hat und das nicht bekommt. Ich kann es mir einfach nicht leisten. Und Mathias, der hatte keinen Sinn dafür. Die Mädchenhefte mit dem Plastikzeugs, die Alben für die Sammelbilder. Er hasste so etwas. ‚Clever ausgelegte Drogen der Konsumindustrie, schon für die Kleinen‘, sagte er immer. Und dann die ganzen Marken. Warum eine teure Barbiepuppe mit dümmlichem Gesicht, wenn es auch welche gibt, die nur die Hälfte kosten? Er hat Kinderwünsche nie verstanden. Ohne Barbiepuppe gehört Laura nicht dazu. Auf Armut kann man nicht stolz sein.“
Sie holte tief Luft. Ihr Gesicht hatte sich gerötet. Sich alles von der Seele zu reden, schien ihr gut zu tun. „Ulrich hat ihr anfangs hin und wieder etwas geschenkt, aber dann bekam er Ärger mit Mathias. Ulrich hat nachgegeben. Ist so seine Art, er weicht jedem Konflikt aus.“ Sie rutschte an den Rand des Sofas.
„Hatte Ihr Mann Freunde?“
Anja Herlof schnaubte und griff zum farblosen Nagellack. Sie begann, sich die Nägel der linken Hand zu lackieren. In Sekundenschnelle würde der Lack trocknen, versprach die Aufschrift.
„Früher mal. Aus der Schule noch. Mit denen ist er hin und wieder ein Bier trinken gegangen. Aber das ist schon lange her. Er hörte auf, sich mit ihnen zu treffen. Schon während unserer Ehe fing es an. Zuerst meinte er, er könne mich doch nicht mit dem Kind alleine lassen. Aber das war nicht der Grund. Er brauchte einfach niemanden. Nicht seine Eltern, nicht seine Geschwister, nicht seine Freunde. Noch nicht einmal uns, Laura und mich. Er hat alle von sich gewiesen.“
Sie griff wieder zum Fläschchen und strich mit dem Pinsel über die Nägel der rechten Hand. Nicht ganz so schwungvoll, bemerkte Milena. Also eine Rechtshänderin.
Aus ihrer Recherche wusste sie, dass Mathias Bauer und Anja Herlof keine zwanzig Jahre alt gewesen waren, als sie geheiratet hatten. Nur fünf Monate nach der Hochzeit war ihre Tochter geboren worden. Eine Muss-Heirat? Und wenn ja, wer hatte darauf bestanden?
„Sie sind sehr früh Mutter geworden“, sagte Milena.
Anja sah sie herausfordernd an. „Und das, obwohl es die Pille gibt, meinen Sie?“
„Das meinte ich nicht. Es ist nur ungewöhnlich. Die meisten Frauen ...“
„Haben Sie Kinder?“
„Das tut hier nichts zur Sache.“ Doch die Frage gab ihr einen unerwarteten Stich. Was sie ärgerte. Sie setzte sich aufrecht. Sie stellte hier die Fragen.
Doch Anja sprach schon weiter. „Mathias war anfangs ein ganz netter Junge. Kein sehr schöner Anblick, aber sensibel, freundlich und gut. Dankbar, dass ich ihn mochte. Und ich hatte die Schnauze voll von eingebildeten Schönlingen. Wir wollten beide eine große Familie. Drei oder vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Jungen, im Abstand von zwei Jahren. Und wir haben Laura bekommen. Dann hatte ich zwei Fehlgeburten. Der Arzt meinte, wir sollten uns nicht unter Druck setzen. Ich habe mich eine Weile geschont, dann wir sind in den Urlaub gefahren, tagsüber schön am Strand relaxen, abends romantisch Essen gehen und nachts wilder Sex.“ Sie lächelte kurz, dann legte sich ein Schatten über ihr Gesicht. „Es nützte nichts. Es wurde nichts aus der großen Familie. Alles wurde anders. Ich weiß nicht, warum. Mathias wurde hartherzig, ungerecht und zum Schluss unerträglich. Wir haben uns nur noch gestritten. Deshalb bin ich gegangen.“
***
„Wir haben als Kinder immer zusammengehalten“, sagte Ulrich Bauer. Er war mit Jan allein im Wohnzimmer zurückgeblieben. Sein Vater hatte über Herzrhythmusstörungen geklagt und war nach oben ins Schlafzimmer gegangen. Laura war nach draußen in den Garten geschickt worden, ihre Großmutter machte sich bereit für einen Spaziergang mit ihrer Enkelin durch den nahen Kurpark in die Stadt.
„Mathias war früher ein großer, stattlicher Junge. Er hat so manchen Raufbold auf dem Schulhof nur durch seine Anwesenheit in die Flucht geschlagen. Er hat nie jemanden verprügeln müssen, um respektiert zu werden. Alle fürchteten sich vor ihm, das langte. Es lebte sich angenehm in seinem Schatten. Obwohl ich der Ältere bin.“
Er reichte Jan ein Bild, auf dem ein etwas untersetzter Junge lachend mit einem Fußball posierte. Auf dem Trikot stand der Schriftzug „VfB Friedberg“ . Es war auf dem Platz am Burgfeld aufgenommen. Dort hatte Jan auch gespielt. E-Jugend. Bei Wind und Wetter hatten sie mit ihrem Trainer auf dem Fußballplatz gestanden. Vierundzwanzig Jungen, unbändig und überzeugt, berühmte Fußballer zu werden. Vierundzwanzig Jungen, die lernen sollten, hart zu schießen und elegant zu dribbeln. Auf die faire Art, darauf legte ihr Trainer wert.
Der Junge kam ihm bekannt vor. Jan hob das Bild näher an seine Augen. Matze? Im Hintergrund standen einige Jungen in einer Reihe und übten Torschüsse. Jans Herz setzte einen Schlag aus. Der zweite Junge war klein und schmächtig. Sein Trikot hatte eine Acht auf dem Rücken. Das war seine Nummer gewesen.
Jan ließ das Bild sinken. Erinnerte sich. Fairplay? Dreiundzwanzig Jungen hielten sich mehr oder weniger daran. Einer nicht. Matze foulte jeden, der sich ihm in den Weg stellte. Ja, Jan erinnerte sich gut. Matze hatte ihm diverse Prellungen verpasst.
„Dann hat er plötzlich angefangen, tonnenweise Chips zu fressen“, fuhr Ulrich Bauer fort. „Und literweise Cola in sich hineinzuschütten. Bald hatte er mehr Fett am Körper als Muskeln und der gute Ruf war dahin.“
Jan nickte. Die Veränderung hatte er noch mitbekommen. Auch er hatte Matze gehänselt, hatte ihm auf diese Weise die vielen Schrammen und blauen Flecke zurückgezahlt. Ein Jahr später war Matze gegangen. Seitdem hatte er nie wieder etwas mit ihm zu tun gehabt. Bis jetzt.
„Wir hatten beide unsere Probleme.“ Ulrich Bauer schien Jans Unbehagen nicht zu spüren, er plauderte unbekümmert weiter. „Pubertät eben. Ich hatte Akne und er fraß. Die Mädchen kicherten. Mathias fraß noch mehr. Ich hatte damals wenig Verständnis für seinen Kummer. Empfand meine Akne als den schlimmeren Feind. Er brauchte nur weniger zu essen. Aber ich hatte mich geirrt. Meine Pickel verschwanden. Sein Fett blieb. Die Frauen machten einen großen Bogen um ihn.“
„Als Sie vorhin in der Küche waren, sagte Ihre Mutter, Ihr Bruder habe sein Studium der Informatik abgebrochen und sei als Assistent in einer IT-Firma untergekommen.“ Jan verschwieg, dass Ute Bauer ihre Verachtung nicht hatte verbergen können.
„Während ich mein Betriebswirtschaftsstudium beendet und eine eigene, sehr erfolgreiche Firma aufgebaut habe.“ Ulrich Bauer breitete die Hände aus. „Hier sitzt die Hoffnung der Mutter Bauer. Noch nicht ganz zufrieden, da ihr Vorzeigesohn bis heute weder Frau noch Kinder hat. Aber sie hofft auf ein gutes Ende.“
Читать дальше