Balzer überlegte. „Informatiker sind nicht gerade die gesündesten Menschen auf diesem Planeten. Wenn es nicht die schlechte Ernährung ist, dann kämpfen sie mit erschlafften Muskeln und Hämorrhoiden vom langen Sitzen.“
„Ich bitte Sie, Balzer, das will Hauptkommissar Wege sicher nicht wissen“, schaltete sich Sänger ein. „Er fragt, ob Mathias Bauer Schwierigkeiten mit der Erledigung seiner Arbeit hatte.“
Das tue ich nicht, dachte Alex. „Er war also krank?“ Er richtete auch diese Frage direkt an Balzer.
„Nicht direkt. Wie gesagt, hier ist keiner wirklich gesund.“
„Was soll das denn heißen, Balzer?“, polterte Sänger. Das Bild auf dem Schirm zuckte. Alex hoffte, dass die Übertragung zusammenbrach.
„Wie oft hat er denn gefehlt?“
„Nie“, sagte Balzer.
„Nie?“, fragten Alex und Sänger gleichzeitig.
„Er ist vielleicht mal ein wenig später am Arbeitsplatz erschienen, hat die Zeit aber immer aufgeholt. Dafür gibt es schließlich die Gleitzeit.“
„Was heißt denn ‚später‘?“, fragte Alex.
„Warum denn ‚später‘?“, fragte Sänger.
Balzer warf zuerst einen Blick auf den Bildschirm, wandte sich dann aber an Alex.
„Er war manchmal erst nachmittags da.“
„Warum?“, griff Alex Sängers Frage auf.
Das Gesicht des Chefs begann, sich rötlich zu verfärben. Ob dies an der Sonne über Katar, an der farblich nicht korrekten Übertragung oder an seinem Gemütszustand lag, war nicht einwandfrei auszumachen.
„Er hat mir keinen Grund genannt“, sagte Balzer. „Unsere Mitarbeiter müssen flexibel sein. Also bin ich es auch. Hauptsache, die Deadline eines Projektes wird eingehalten.“
„Er hatte nie gefehlt, sagten Sie. Hat er nie über Unwohlsein geklagt?“
„Dass er nie gefehlt hat, bedeutet ja nicht, dass er sich immer wohl gefühlt hat. Ärzte machen krank, sagte er immer. Er nahm lieber ein paar Tabletten und ging zur Arbeit.“
„Hatte er Probleme mit Drogen?“
Balzer schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste.“
„Wer weiß das schon“, mischte sich Sänger ein. Inzwischen hatte seine Gesichtsfarbe zu Lila gewechselt. „Die saufen sich doch alle die Birne blind. Hocken dabei stundenlang vor der Mattscheibe und wundern sich dann, wenn sie nicht fit genug sind für eine kleine Treckingtour.“ Er schnippte mit den Fingern.
Alex versuchte, ihn zu ignorieren. „Mit Bauers Arbeit waren Sie zufrieden?“, fragte er Balzer.
„Eigentlich schon.“
„Was bedeutet ‚eigentlich‘?“
„Nichts, nur eine Floskel. Es gab nichts auszusetzen.“
Das kam sehr hastig, dachte Alex.
„Was war sein Arbeitsgebiet?“
„Er programmierte kundenbasierte Sicherheitskonzepte für IT-Systeme. Hauptsächlich zur Überwachung der Systeme gegen Angriffe von Viren, Trojaner und Worms. Jedes Land, jeder Kunde ist anderen Bedrohungen ausgesetzt.“
„Er hatte Kontakt zu den Kunden?“
„Ja, aber nur zusammen mit unseren Key Account Managern. Informatiker sind keine ausgebildeten Verkäufer.“
„Wie kam er mit den Kollegen klar?“
Balzers Blick flog kurz zum Bildschirm. Sänger ließ sich gerade einen Cocktail bringen. Die zarte, mit einem schweren Goldring verzierte Hand, die ihm die blaue Flüssigkeit mit Sahne reichte, gehörte sicherlich nicht der Servicekraft an der Hotelbar.
„Gut“, sagte Balzer.
Als ob du mir in Gegenwart deines Chefs etwas anderes erzählen würdest, dachte Alex. Unsoziales Verhalten eines Angestellten fiel immer auf den Vorgesetzten zurück. Balzer wollte Sänger gewiss keinen Grund geben, seine Führungsqualitäten in Frage zu stellen.
„Hat er sich mit Kollegen privat getroffen? Gab es eine besondere Freundschaft?“
Balzer rutschte verlegen auf seinem Stuhl hin und her.
„Es ist nicht meine Aufgabe zu wissen, was meine Mitarbeiter außerhalb ihrer Arbeitszeit unternehmen. Kann sein, dass er sich mit seinen Kollegen getroffen hat.“
Sänger hatte seinen Cocktail mit drei Zügen am Strohhalm geleert. „Der Bauer hatte keine Freunde unter den Kollegen. Der hat sich als was Besseres gefühlt. Nicht ganz ohne Grund. Aber, wie gesagt, er hätte mehr aus sich machen können.“
„Hat er aber nicht“, murmelte Balzer.
„Ich kann Sie nicht richtig hören“, beschwerte sich Sänger. „Verdammt. Da stirbt einer meiner Mitarbeiter und ich sitze hier in diesem Drecksland am Persischen Golf und verbrenne mir die Haut.“
Mit diesen Worten brach die Verbindung zusammen. Vielleicht hatten Beamte des Geheimdienstes von Katar entschieden, die Beleidigung ihres Vaterlandes nicht ungestraft zu lassen.
Balzer schaltete die Anlage aus.
Alex atmete auf. „Hat es Sie nicht gewundert, dass Mathias Bauer seit ein paar Tagen nicht zur Arbeit kam?“
Balzer schüttelte den Kopf. „Er hatte Urlaub. Zwei Wochen.“
„Wollte er verreisen?“
Balzer zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Er hat nicht davon gesprochen.“
„Gab es Streit zwischen Bauer und seinen Kollegen?“
„Nicht direkt.“ Balzers Ton blieb vorsichtig, obwohl sein Chef nicht mehr zugegen war.
„Was dann?“
„Er wirkte unnahbar. Er hat nie irgendetwas mitgemacht. Keine Feier, keinen Ausflug. Aber jede Menge Fortbildungen bezahlt bekommen. Und hat damit angegeben. Die anderen mochten ihn nicht besonders.“
„Und warum sollte Ihr Chef das nicht hören?“
Balzer wurde rot. „Sie haben eine bemerkenswerte Beobachtungsgabe.“
Das ist mein Job, dachte Alex. Und du machst es mir leicht.
Balzer schien mit sich zu kämpfen, dann hob er den Kopf. „Da war mehr als ein ,guter Draht‘ zwischen ihm und Bauer“, sagte er und starrte auf den dunklen Bildschirm.
***
„Das letzte Mal gesehen?“ Anja Herlof griff wieder zu einem Wattebausch und goss Nagellackentferner darauf. Langsam rieb sie die ohnehin schon blanken Fingernägel noch einmal ab. „Das ist sehr lange her. Aber am Telefon, da hatte ich vorletzte Woche das letzte Mal das Vergnügen. Hab ihn um Geld gebeten. Wieder mal. ‚Wenn er dich fickt, kann er auch für dich bezahlen.‘ Das war das Letzte, was ich von Mathias gehört habe. Passt zu ihm, passt zu unserer Beziehung.“
„Sie leben mit einem anderen Mann zusammen?“
Anja Herlof nickte. Sie legte den nassen Wattebausch auf einen Teller, auf dem bereits ein vertrockneter Teebeutel, die Krümel eines Brotes und einige Papierschnipsel lagen. Säuberlich zusammengetragen, um sie schnell entsorgen zu können.
„Sie haben Ihren Mann wegen ihm verlassen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe Heiko erst vor zwei Jahren kennengelernt.“
„Sie hatten zuletzt also Streit mit Ihrem Mann?“
„Wir hatten immer Streit, hauptsächlich wegen Geld. Seit Laura in die Schule geht, zahlt er nur noch für sie. Ich könnte ja arbeiten gehen. Wenn ich keine Lust auf das Kind habe, soll ich es seinen Eltern überreichen. Überreichen! Als ob Laura ein Paket wäre, das man einfach bei den Nachbarn abgibt.“
Milena runzelte die Stirn. Hatte Bauer ihr vielleicht sogar das Kind wegnehmen wollen? „Wie war das Verhältnis zwischen Vater und Tochter?“
Anja Herlof zuckte mit den Schultern. „Anfangs, also kurz nach unserer Trennung, da wollte er sie gar nicht sehen. Dann doch. Jeden Freitag ging sie nach der Schule zu ihm. Er ging mit ihr ins Kino oder zur Lochmühle, je nach Wetter. Dann brachte er sie zu seinen Eltern. Sie hat ein eigenes Zimmer in der Luisenstraße. Samstagabend brachte Ulrich sie wieder zu mir. Ulrich ist mein Schwager.“ Anja sprach mit leiser, gefasster Stimme. „Aber das war nicht Ihre Frage.“ Sie blickte auf und starrte auf den Fernseher, als ob dort ein Teleprompter mit ihrem Text stünde. „Wir haben das gemeinsame Sorgerecht. Leider. Mathias hatte das vor Gericht durchgeboxt. Und sich immer wieder eingemischt. Aber es ging ihm gar nicht um Laura. Mir wollte er das Leben schwer machen.“ Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Unsere Ehe war ein Albtraum. Es fing schön an und endete in der Hölle. Im Grunde ist es erst jetzt ganz vorbei. Jetzt, wo er tot ist.“
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