Die Bewegunglinie markierte den Tagesverlauf von Sonnenaufgang über den Mittagspunkt bis zum Sonnenuntergang. (Das war die kleine Zeitrechnung – so sie nötig war.) Die Wanderung der Mittagspunkte über das Jahr markierte an ihren Enden die Sommer- und die Wintersonnenwende und genau in der Mitte zwischen den beiden Endpunkten lag der Punkt der beiden Tagundnachtgleichen. Es liegt auf der Hand, dass diese (bedeutsamen) Punkte auf dem Boden markiert wurden/werden konnten. Ich unterstelle(!), dass der Platz der Feuerstelle und der des Deflektors sowie auch der der später in der Kiva erscheinenden Sipapu solche (Boden)-Zeitmarken waren/gewesen sein können bzw. in solchen Marken ihren Ursprung hatten. Diese waren nicht nur für eine abstrakte Zeitmessung wesentlich, sondern auch für die mit diesen Zeitpunkten verbundenen (ihnen gewidmeten) rituellen Aktivitäten. Die Feuerstelle (der Feueraltar) könnte (real oder nur symbolisch) den Punkt der Sommersonnenwende, der Deflektor(standort) den Punkt der Wintersonnenwende und die Lokalität der Sipapu den Beginn des fruchtbaren Frühlings oder den Zeitpunkt der Maisernte symbolisch angedeutet haben. Ich bin kein Astronom und überlasse es einem Astronomen, meine Ansichten zu bestätigen, zu verbessern oder zu widerlegen. Es kann für den Standort dieser Anlagen aber auch ganz profane Gründe gegeben haben.
Wenn meine Ansichten bestätigt werden sollten, dann wären auch andere Inneneinrichtungsanlagen von Grubenhäusern und Kivas als Zeitmarker auf der „Sonnenuhr“ auf ihre Sinnhaftigkeit zu prüfen, z.B. die Lage der Vorratsgruben oder der Flügelwände im Grubenhaus und der als „Fußtrommelbecken“ oder „Vorkeimgruben“ in der Kiva interpretierten Anlagen. Man müsste diese Interpretationsrichtung sogar auf in der Kiva verlaufende und/oder in die Kiva führende Kriechgänge/Tunnel ausdehnen. Auch der völlig sachliche Hintergrund der Belüftungsanlage, die mit der Feuerstelle, dem Deflektor und der Sipapu auf einer Linie (Hauptachse der Kiva) liegt, ist nach einem spirituellen Hintergrund zu befragen.
Es gab für die Zeitmessung im nordamerikanischen Südwesten nicht nur die vermuteten (nicht nachweisbaren) Horizontkalender und nachgewiesene Felswand-Sonnenuhrenskalen (meist Spiralen), sondern auch außer der astronomischen Ausrichtung von späteren Pueblohauswänden und deren möglichen Licht- und Schattenflächen auch „Hausmarken“, die durch spezielle „Lichteinfall-Luken“ in den Hauswänden als Lichtstrahlwege/„Lichtbalken“ auf Raumwänden verliefen und die - entsprechend skaliert - zu Zeitmessungszwecken genutzt wurden.
Die allseitig bekannten Zeitmarken waren steinzeitliche Allgemeinbildung und waren allgemeingültige Fixpunkte in der und für die großräumige Kommunikation und damit verbunden auch für spezielle spirituell getragene Ritualität im lokalen und regionalen Maßstab. Die direkte Nutzung der Kalenderdaten für Bodenbautermine erscheint unwahrscheinlich, da sich die konkreten günstigen Bedingungen für Aussaat und Ernte nach den Witterungsbedingungen richteten und diese sich nicht dogmatisch an Kalenderpunkte binden ließen. Kalender waren u.a. für den Bodenbau eine zeitliche Orientierungshilfe, aber kein zwingendes Erfordernis. Der Kalender hatte seinen Ursprung vor dem Bodenbau – unabhängig von archäologischen Nachweisen.
Jeder von Menschen geformte „feste“ Standort – ob Grubenhaus(niederlassung) oder eine spirituell bedeutsame Kalenderfelswand oder Wand mit Felzzeichnungen war ein „Mittelpunkt“ für eine mehr oder minder große Menschengemeinschaft (Haushalt, Sippe, Sippengemeinschaft, Clan, Lineage u.ä.), die fallweise oder periodisch aufgesucht und wo (zwischen den Menschen oder zwischen Menschen und Geistern) zur Stärkung der individuellen und gemeinschaftlichen Lebenskraft kommuniziert und interagiert wurde.
Um jeden „festen“ Standort gab es ein Revier (= Nutzungsbereich) der Gemeinschaft, die den festen Standort geschaffen oder bestimmt hatte, ihn nutzte und „verwaltete“. Die Reviere von Gemeinschaften konnten sich berühren oder es konnte zwischen ihnen von Menschen genutztes oder ungenutztes „Niemandsland“ geben. Wenn sich Menschen trafen, war „friedliche Koexistenz“ angesagt. Für Konfliktfälle (und die gab es, denn sie waren keine „idealen“ Menschen) gab es traditionelle Regularien zum Abbau derselben, um einen lebensgefährdenden Gewaltausbruch zu vermeiden.
Das Kommunikations- und Interaktionsnetz
Es bestand im Südwesten ein riesiges, grundsätzlich friedliches Beziehungsnetz zwischen größeren und kleineren Gemeinschaften mit sporadischen und/oder planmäßigen Kontakten. Diese Unterstellung von Kontakten ist nicht nur ein Schluss aus ethnographischen Erkenntnissen, sondern ist auch belegt durch „exotische“/nichtlokale sogenannte „Handelsprodukte“. Die Kenntnisse/die Allgemeinbildung der dieses Revier nutzenden Menschen betreffs Ressourcen aller Art und der Topographie waren sehr intensiv. Von ihnen hing ihr Leben ab. Kenntnisse über das „Niemandsland waren sporadisch, Kentnisse über das Nachbarrevier und seine Nutzer wurden als „Hören-Sagen“ von den Kontaktpersonen bei Interaktionen vermittelt. Außergewöhnliche Erscheinungen und Besonderheiten wurden aber auch über Hunderte von Kilometern weitergeben und, soweit möglich und erforderlich, als wissenswert/lebenswichtig im „geistigen Speicher“ einer Person oder einer Gemeinschaft bewahrt. Sie hatten, mitten in einem ariden Gebiet, eine – sicher diffuse - Kenntnis vom Golf von Kalifornien und von der Pazifikküste – Gebieten mit großen Wassermengen. Dies manifestierte sich im Material „marine Molluskenschalen“ und daraus hergestellter Artefakte. Ob die bei den Chaco-Anasazi gefundenen Artefakte aus mariner Molluskenschale auch alle bei den beziehungsweise von den Anasazi geformt wurden, bleibt eine offene Frage. Sie wird zumeist ungeprüft mit „Ja“ beantwortet.
Grundsätzlich ist festzustellen: Es gab keinen Handel und dementsprechend auch keine für einen Handel hergestellten Produkte – soweit hatten sich die Produktionsverhältnisse und die Produktivkräfte bei diesen Menschen noch nicht entwickelt. Aber es gab einen für die daran Interessierten und Ausführenden gebrauchswertgleichen/ reziproken Austausch von Objekten und Materialien und(!) solidarische Beziehungen der gegenseitigen Hilfe im Rahmen vorhandener natürlicher und menschlicher Potenziale. Später nannte man das Gastfreundschaft. Teilweise wird auch von einer Schenkökonomie gesprochen. Reziproker Austausch und Solidarbeziehung waren eng miteinander verflochten und waren im Erkenntnisprozess der HEUTIGEN nicht immer voneinander zu trennen. Was für Tauschende „gebrauchswertgleich“ war, unterliegt nur deren und nicht heutigen Maßstäben. Und diese stützen sich nur auf von den Archäologen freigelegte Artefakte, also physische und nicht verrottbare Gegenstände. Ob ein Produkt, ein Material oder eine Leistung getauscht oder geschenkt wurden (Gastgeschenk) ist heute nicht rationell zu entscheiden/zu unterscheiden.
Zu den exotischen Materialien zählen Molluskenschalen, besondere Mineralien und spezielle Federn (die nur selten nachweisbar sind). Das „Abdriften“ von archäologisch gut nachweisbarer Keramik aus dem Entstehungsgebiet/Produktionsbereich wird gern als Handel bezeichnet. Die Weitergabe von relativ stoß- und bruchempfindlichen Keramikgefäßen, die von den Weibern gefertigt worden waren, waren Geschenke(!) zwischen den Weibern bei sporadischen und/oder geplanten Kontakten.
[Die Bezeichnung WEIB ist korrekt und präzise analog der Bezeichnung MANN. Die FRAU war eine gesellschaftliche Erfindung der Feudalherren, die ein WEIB gesellschaftlich zu ihrer FRAU zwecks sexuellem Ausschließlichkeitsanspruchs zur Fortsetzung „ihrer“ Erblinie erhoben. Ein ihnen untertäniger Bauer hatte keine Frau, sonden nur ein Weib. Im feudalen, auch heute noch üblichen Sprachgebrauch bekam der Begriff WEIB einen diffamierenden Unterton, wurde eine gesellschaftlich diskriminierende Bezeichnung. In der deutschen Sprache bekam das WEIB sogar den diffamierenden Artikel DAS, womit sie in Fortsetzung der römischen Tradition (Werkzeug ohne Stimme {z.B. Hammer}, Werkzeug mit Stimme {Vieh}, Werkzeug mit Sprache {Sklave}) als zum „ Werkzeug mit Vagina“ gesellschaftlich herabgesetzt wurde.]
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