Die Baumringdaten belegen den Bau der großen Kiva in der Mitte der 500er Jahre u.Z. Die Keramik aus der Niederlassung, in erster Linie Lino Gray (500-800 u.Z.) und La Plata Black-on-White (550-750 u.Z.), stimmt mit dieser Zeit überein. Eine Besiedlung kann auch in den frühen 700er Jahren aufgetreten sein. Die Proto-Kiva (ohne Sipapu), der Hof und einige Grubenhäuser können eine Pueblo I Wiederbesiedlung des Standortes irgendwann nach 700 u.Z. darstellen.
Die Kiva von Shabik'eshchee war ein runder Grubenbau mit ca. 12 m im Durchmesser. Seine Seitenwände waren sorgfältig mit Steinplatten verkleidet und eine niedrige umlaufende Bank hatte an der Basis entlang kleinere Verblendungsplatten und eine Stein- und Adobeauffüllung. Das Dach wurde, wie bei den Grubenhäusern, von vier Eckpfosten gestützt. Es gab keinen Seiteneingang, nur einen seitlichen Belüftungsschacht; anscheinend wurde die Kiva durch eine auch als Rauchabzug dienende Dachluke betreten. Das Feuerbecken lag zentral und wurde durch einen Deflektor gegenüber der Belüftungsöffnung geschützt.
Die Mesa-Hochflächen um den Chaco Canyon wurden ab 700 u.Z. als Siedlungs gebiet aufgegeben.
Die Grubenhaus-Niederlassungen waren noch kein Kennzeichen von Sesshaftigkeit, sondern - nach der Kleidung - die erste künstlich, durch Menschenhand geschaffene ortsfeste und wiederholt temporär genutzte (Körper-)Energie(einsparungs)ressource. Höhlen waren natürliche Schutzräume und alle Formen von Windschutzhütten oder -schirmen waren noch so wenig solide gebaut, dass sie relativ leicht durch Umwelteinflüsse zerstört und damit auch für die Archäologen wieder unsichtbar wurden.
Die Dauer der winterlichen Nutzung hing nicht nur vom energetischen Schutzpotenzial des Bauwerks ab, sondern auch vom vor Ort (Revier von ein bis zwei Tagesmärschen) in dieser kalten Zeit nutzbaren Nahrungsstoffpotenzial, den Brennstoffressourcen sowie - nicht zu vergessen - von einer ausreichenden Wasserquelle im Umkreis bis zu 5 km ab. Das im Winter karge florale Nahrungsstoffpotenzial musste über die Jagd und eingelagerte lagerfähige oder lagerfähig gemachte Wildpflanzenteile und gegebenenfalls auch schon durch gut lagerbare Bestandteile erster Kulturpflanzen abgedeckt und/oder ergänzt werden. Nachweise für genutzte Nahrungsstoffe waren für die Archäologen selbst im trockenen Südwesten nur sehr schwer zu erlangen und sind damit quanitativ sehr „dünn“ belegt. Bei Wasserressourcen ist zu beachten, dass bei den winterlichen Temperaturen des Colorado Plateaus frei fließende Wasserquellen zu Eis gefroren waren, von dem man bestenfalls mit steinernen Schlagwerkzeugen Stücke abschlagen konnte. Die Hauptwasserquelle war sicherlich der spärlich gefallene Schnee, den die Wintersonne bald „weggefressen“/sublimiert hatte. Ob außer natürlichen „Schneefallen“ wie Gräser, Büsche und Bäume auch von Menschenhand erstellte „Schneefallen“ wie „Schneezäune“ oder kleine Dämme mit Windschutzbereichen errichtet wurden, ist unbekannt. Man sollte diese Möglichkeit aber nicht außer Acht lassen. Durst lässt Menschen einfallsreich werden.
Das Grubenhaus war nur ein kleiner Schutzraum zum Schlafen und gegebenenfalls zum Kommunizieren. Bedeutungsvolle spirituelle Aktivitäten konnten nur als „Schönwetter“-Rituale im Freien (oft – so eine erkennbare Freifläche/ plaza nachweisbar war) auf sogenannten Tanzflächen/Plazas erfolgen. Als klimatische und spirituelle Alternative zur Plaza wurde nach dem Vorbild des Wohngrubenhauses der Großgemeinschaftsgrubenraum „Kiva“ geschaffen, ein Raum in der „Mutter Erde“. Ein solcher Großgrubenraum wurde von den Archäologen erst als Kiva anerkannt, wenn eine Sipapu nachweisbar war. Ähnliche Grubengroßräume ohne Sipapu waren für die Archäologen nur Proto-Kivas.
Eine Kiva war ein besonderer Raum, der von einer kleinen oder größeren Ritualgemeinschaft oder auch mehreren angelegt und genutzt worden war. Das zu rituellen/spirituellen Zwecken praktizierte Eindringen in den dunklen und „schützenden“ Schoß der Mutter Erde und die spätere glyphische Markierung der Erdvagina/Sipapu lässt auf eine starke, weib- und fruchtbarkeitsorientierte spirituelle Welt mit entsprechenden Ritualen schließen. Archäologische Indizien für die männergetragene Spiritualität, die mit Sicherheit auch im starken Maße vorhanden war, sind sehr schwer zu identifizieren. In der Haushaltsgemeinschaft musste es nicht nur im physischen Bereich weitgehend harmonisch, ohne tiefgreifende und damit lebensgefährdende Differenzen, zugehen, sondern auch entsprechend ausbalanciert im spirituellen Bereich.
Auf Grund der in der Basketmakerzeit unterstellten Winternutzung der Grubenhäuser ist zu folgern, dass auch die Kivas schwerpunktmäßig der Durchführung von „Winterzeremonien“ (Wintersonnenwende, Frühjahrstagundnachtgleiche u.a.) dienten. Was man außer einer spirituellen Beachtung der Wintersonnenwende noch alles in der kalten und dunklen Jahreszeit spirituell in der Kiva praktizierte (z.B. Erzählen von Geschichten und Erlebnissen, Gesänge und Gebete oder sich gar tänzerisch und/oder pantomimisch darstellend ausdrückte) bleibt den Vermutungen und der Phantasie der HEUTIGEN überlassen. Grundsätzlich wird es eine entspannte informationsaustauschende Palaverrunde zur mentalen (identitätsstiftenden) Stärkung der versammelten Gemeinschaft(en) gewesen sein.
Prähistorische Astronomie
Die Menschen waren entsprechend den Lebenserfordernissen physisch und geistig sehr mobil und „neben der Jagd“ nach Wasser und Nahrungsstoffen auch auf der Jagd nach Informationen. Kontakte zu anderen Gemeinschaften waren wichtig, lebensnotwendig und wurden gepflegt. Es gab mit hoher Wahrscheinlichkeit - um ein wünschenswertes Treffen nicht dem Zufall zu überlassen - vereinbarte Treffpunkte räumlicher und zeitlicher Art zur Pflege des Informationsaustausches. Oft waren dies sicher rituell hinterlegte Treffen.
Das Bedürfnis nach planbaren Informationsaustauschen führte zur Suche nach „Fixpunkten“ im physischen Raum und in der Zeit. Das Physische in der überschaubaren Landschaft war relativ leicht greifbar: markante und prominente Punkte in der Landschaft und am Horizont, wichtige Ressourcenstandorte und Wasserlauflinien – man musste ihnen nur verständliche und bedeutungsvolle Namen geben. Mit der unendlichen Zeit war es etwas schwieriger. Tag und Nacht waren einzeln und als Einheit jedem klar. Die mit dem Mondzyklus korrespondierende und die weibliche Fruchtbarkeit anzeigende Blutung war auch in der Gemeinschaft jedem als ein Zeitabschnitt bekannt. Der 28-Tage-Mond wurde durch die vier Monddphasen in 7-Tage-Abschnitte unterteilt. Für die Definition saisonaler Rhythmen waren aber außer Tag und Nacht, „Wochen“ und „Monde“ andere „Marken“ für eine Einteilung der Zeit in überschaubare Intervalle besser geeignet, die sich mit einfachen Mitteln nach dem „Sonnenuhr-Prinzip“ und nach sorgfältiger Beobachtung mit entsprechenden Skalen universell einsetzen ließen. Die Sonnenwenden und die Tagundnachtgleichen unterteilten das Jahr in Quartale. Man brauchte nicht die Tage zu zählen, sondern nur auf einem nach dem Licht- und Schattenwurf auf einer (Fels- oder auch Haus)wand aufgezeichneten Maßstab den „Stand“ des Lichtspenders (Sonne oder auch Vollmond) ablesen. Ein Kalender ist ein dokumentiertes Beobachtungsergebnis der Mond- und Sonnenbeobachtung und mit Sicherheit älter als seine archäologischen Nachweise. Diese Zeitmessung kann auch bei den Menschen der Grubenhauszeit unbesehen vorausgesetzt werden.
Dass Menschen die Bewegung der Gestirne beachteten und beobachten, um dadurch Hilfe für die Orientierung in Raum und Zeit zu bekommen, ist schon „uralt“. Bevor sie sich aber in archäologischen Indizien manifestierten und auch von Archäologen gemeinsam mit Astronomen erkennbar wurden, dauerte es offensichtlich aber noch eine ganze Weile. Zur Markierung bestimmter Gestirnstellungen für die Ermittlung von Zeitabschnitten bedurfte es aber „fester“ Beobachtungsplätze. Im nordamerikanischen Südwesten war in der Basketmaker-Zeit das Grubenhaus mit seinem Boden die trivialste Sonnenuhr. (Ich habe eine solche Ansicht noch bei keinem Archäologen gelesen, aber ich habe auch nicht alles gelesen!) Die dunkle, fensterlose „Raum-Kapsel“ hatte nur die mittige Dachöffnung als Einstieg und Rauchabzug – zwei ganz profane Funktionen. Sie ließ aber auch das Licht von Sonne und dem mehr oder minder vollen Mond als Lichtbalken auf den Boden des Grubenhauses auftreffen. Und entsprechend der Bewegung der Gestirne wanderte der Lichtfleck über den Boden. Der Weg der beobachteten Lichtfleckwanderung auf dem Boden oder auf der Wand konnte an wesentlich erscheinenden Stellen markiert werden. Damit war ein Kalender fertig.
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