Zwei Wochen später erhielt ich nachts einen Anruf, bei dem mir mitgeteilt wurde, dass eine größere Lieferung ankommen sollte. Warum mitten in der Nacht? Weil der LKW auf der Autobahn liegen geblieben sei. Warum ich? Weil die beiden anderen Kolleginnen nicht erreichbar waren und er, mein Chef, einem wichtigen Kunden das Nachtleben der Stadt zeigte. Es würde mir doch sicher nichts ausmachen, die Lieferanten reinzulassen? Zähneknirschend fuhr ich in die Firma und verbrachte den Rest der Nacht auf meinem Bürostuhl. Unnötig zu erwähnen, dass diese eilige Lieferung nie ankam. Aber es sollte noch schlimmer kommen.
Die Schikanen waren schier endlos, und ich überlegte ernsthaft aufzugeben. Nur dann würden die nervige Suche und die unzähligen Bewerbungen von vorne losgehen. Außerdem würde ich bei einer selbst ausgesprochenen Kündigung eine Sperre der finanziellen Mittel bekommen, die ich mir einfach nicht leisten konnte. Dann musste mir eben gekündigt werden, wenn sich das in meinem Lebenslauf auch nicht besonders gut machen würde. Aber mein Chef dachte nicht daran, mich rauszuwerfen, wenn er es auch ständig ankündigte, aber es schien ihm viel zu viel Spaß zu machen, mich zu quälen.
Meinen Verstand in Zweifel zu ziehen, begann ich erstmals, als mehrmals hintereinander wichtige Dateien auf meinem PC unauffindbar waren. So sollte ich eine Jahresstatistik verfassen, an der ich wochenlang gearbeitet hatte, Erleichtert speicherte ich eines späten Abends die umfangreiche Datei ab und stellte selbstverständlich eine Sicherungskopie auf CD her. Am nächsten Morgen war beides verschwunden. Weg, als hätte es nie existiert. Sollte sich jemand an meinem PC zu schaffen gemacht haben? Überlegte ich. Aber ohne mein Passwort hatte niemand auf meine Dateien Zugriff. Kurz und schlecht, ich musste alles noch mal machen. Diesmal nahm ich die Sicherungs-CD mit nach Hause.
Einen anderen Tag erstellte ich einen mehrseitigen Bericht, den ich unvorsichtiger Weise nicht noch einmal vor dem Ausdrucken kontrollierte. Das hatte ich tags zuvor zur Genüge getan. Als die ersten Seiten vom Drucker ausgeworfen wurden, traute ich meinen Augen nicht. Der Text strotzte nur so vor Rechtschreibfehlern. Es würde Stunden dauern, alles mithilfe der Rechtschreibprüfung zu verbessern. Und die Sitzung sollte in einer halben Stunde stattfinden. Kurzum dieser Punkt auf der Tagesordnung musste verschoben werden. Mein Chef spuckte Gift und Galle und beschimpfte mich in der übelsten Weise. Den genauen Wortlaut möchte ich einfach nicht wiedergeben.
Als es schließlich darum ging, einem Kunden eine Präsentationsmappe vorzulegen, zweifelte ich ernsthaft an meinem Verstand. Ich hatte die fertige Mappe nachts in meinen Schreibtisch eingeschlossen und fand sie morgens auf den ersten Blick unverändert vor. Dann kam der hysterische Ausbruch meines Chefs. Die Fotos und Schaubilder hatten natürlich nicht auf normalem Papier ausgedruckt werden sollen, sondern auf Fotopapier beziehungsweise Folie. Das wusste ich und hatte es selbstverständlich nach Anweisung getan, aber in der Mappe befanden sich nur Ausdrucke auf normalem Papier. Konnte ich mich so geirrt haben? Nein, verdammt noch mal, da musste jemand dran gedreht haben. Vielleicht gab es einen Nachschlüssel für meinen Schreibtisch? Und das mit dem Passwort war auch ziemlich einfach zu erklären. Eine Kollegin musste mir beim Eintippen über die Schulter geschaut haben. Welche das gewesen war, versteht sich von selbst. Die, die dem Chef verliebte Blicke zuwarf und so gern an meiner Stelle in seiner Gunst gewesen wäre.
Was soll ich sagen? Das Maß war voll. Nicht einmal bei mir, sondern beim Chef. Denn durch die laienhafte Präsentationsmappe war ihm ein dicker Fisch von der Angel gegangen. Er kündigte mir zum nächsten Ersten und drohte mit Schadenersatzansprüchen. Mir fiel ein Stein vom Herzen und der künftig dunkle Punkt in meiner Vita kümmerte mich herzlich wenig.
Die letzte Woche ließ ich mich krankschreiben. Dem erneuten Psychodruck wollte ich mich nicht aussetzen. Ich zog sogar ins Kalkül, alle Fehler tatsächlich selbst gemacht zu haben. Aus Unsicherheit und immer größer werdendem Druck.
Da stand eines Abends die bewusste Kollegin in Tränen aufgelöst vor der Tür. Das habe sie nicht gewollt, dass ich die Arbeit verliere. Sie hatte mir nur eins auswischen wollen, gab sie zu, weil der Chef mich zum Ausgehen bevorzugt hatte, und nicht sie. Nach meinem Weggang war er tatsächlich mit ihr essen gegangen und sogar ins Bett. In einem billigen Stundenhotel, und anschließend hatte er sie liegen gelassen wie ein gebrauchtes Kleidungsstück, und sie hatte sehen müssen, wie sie nach Hause kam. Am nächsten Tag hatte er sie zu sich gerufen und gesagt, sie solle sich kein Schwachheiten einbilden. Das wäre eine einmalige Sache gewesen und würde ihr keinerlei Vorteile bringen, im Gegenteil.
So, das Biest war also aus Rache bei mir, und weniger, weil es ihr wirklich leidtat, erkannte ich. Ich habe sie weggeschickt und gebeten, mich nicht noch einmal zu kontaktieren.
Ich überlegte ernsthaft, mir einen Anwalt zu nehmen. Aber was sollte dabei herauskommen? An Wiedereinstellung war ich nicht interessiert. Außerdem traute ich der Kollegin nicht. Wenn erst einmal ihr Zorn verraucht war, würde sie vielleicht nicht mehr in meinem Sinne aussagen. Und wegen eines möglichen Vergleichs den Aufwand zu betreiben, ganz abgesehen von den Kosten … Nein, ich werde weitersuchen, aber eins ist sicher, entweder ist mein nächster Chef eine Frau oder er zeigt keinerlei Interesse an mir. Und ich werde sehr genau seine Blicke verfolgen. Nicht dass ich noch einmal an meinem Verstand zweifle, weil ein gewisser Herr sich in seiner Eitelkeit gekränkt fühlte.
Irgendwann bemerkte ich zu meinem großen Schrecken, dass meine biologische Uhr unablässig tickte. Bald würde es für eine Mutterschaft zu spät sein, dachte ich damals. Meine Freundin Gisi brachte die Sache auf den Punkt.
»Wenn der Ofen aus ist, kannst du immer noch ein Kind adoptieren.«
»Na, du hast Humor«, hatte ich geantwortet, »es kann ja nicht jede so fruchtbar wie du sein und schon vom Hinsehen schwanger werden. Und ein fremdes Kind stellt immer ein gewisses Risiko dar.«
Nein, viel lieber wollte ich ein eigenes haben. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Mr. Right hatte sich bis dahin nicht blicken lassen. Obwohl ich beileibe kein Mauerblümchen und von recht ansprechender Erscheinung war, teilte ich das Schicksal der vielen Singlefrauen, die diesen Status nicht so ganz freiwillig innehaben.
Dann schleppte mich Gisi zur Hochzeit ihrer Schwester, an der ganz zufällig diverse unverheiratete Herren teilnahmen, Freunde und Kollegen des Bräutigams jeglicher Alterstufe. Einer gefiel mir ganz besonders. Er war kultiviert und gut aussehend und schien sich die Hörner schon abgestoßen zu haben. Auch er zeigte unverhohlenes Interesse an mir, ob für längere Zeit oder nur für eine heiße Nacht, musste sich erst noch herausstellen. Wir waren den ganzen Tag unzertrennlich, und ich erfuhr viel über ihn. Seine Gesinnung, seine Bildung, den familiären Hintergrund, die Interessen, Begabungen und so weiter. Ja, dieser Herr der Schöpfung kam durchaus in Betracht und verfügte über gute Gene, war mein abschließendes Urteil. Jedenfalls warf ich all meine Prinzipien über Bord und stieg noch dieselbe Nacht mit ihm in die Kiste.
Lutz schien, in der Folgezeit sein Interesse an mir verloren zu haben, denn die erwarteten Anrufe blieben aus. Und wenn wir uns auf der Straße begegneten, grüßte er zwar freundlich, machte aber einen weiten Bogen um mich. Scheinbar gehörte er zu den Männern, die nur darauf aus waren, ihr Ziel zu erreichen. Es machte mir nicht allzu viel aus. So etwas hatte ich schon öfter erlebt und mit der Zeit gewöhnt man sich daran.
Meine Freude war grenzenlos, als ich feststellte, dass die Nacht im wahrsten Sinne des Wortes Früchte getragen hatte, denn ich war endlich schwanger. Vielleicht ertrug ich den Korb, den Lutz mir gegeben hatte, auch deshalb so leicht, weil ich kein so ganz reines Gewissen hatte. Der Gedanke, ihn als Samenspender zu benutzen, hatte nämlich durchaus Pate gestanden, als ich mich ihm hingab.
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