Entschuldigung, dass ich jetzt schließen muss, aber mein neuer Nachbar steht vor der Tür. Ich habe das untrügliche Gefühl, dass er zu den Männern gehört, die eine Frau nicht nach ihrem Bilde erschaffen wollen. Und derart unmoralische Liebesbeweise würde er auch nie verlangen, da bin ich mir ganz sicher.
Vor zwei Jahren ging die Firma, in der ich ausgebildet und danach übernommen worden war, in Konkurs. Damit trat etwas ein, vor dem ich mich immer gefürchtet hatte, arbeitslos zu werden und in die Maschinerie der Job-Center zu geraten. Meine Freundinnen erzählten mir wahre Horror-Storys über den Druck, der dort ausgeübt würde. So sei man gezwungen, ständig die Anzeigen zu studieren und unentwegt Bewerbungen zu schreiben. Und schließlich würde einem nahe gelegt werden, eine Stelle zu akzeptieren, die einem eigentlich nicht gefiele. So weit die Theorie. Die Praxis übertraf all meine Befürchtungen.
Die junge Frau, kaum älter als ich, begrüßte mich sehr freundlich hinter ihrem Schreibtisch. Als Erstes klärte sie mich darüber auf, dass es den Beruf „Bürokauffrau“ eigentlich gar nicht gäbe. Es sei nur eine Bezeichnung für eine Vielzahl von Tätigkeiten, die man praktisch in jeder Firma ausüben konnte.
»Aber ich bin doch unter dieser Berufsbezeichnung ausgebildet worden«, wagte ich zu bemerken, »und ich weiß, dass es noch immer Umschulungen zu diesem Beruf gibt.«
»Das ist richtig. Damit wurde aber nur eine Berufsbezeichnung übernommen, die sich mittlerweile eingebürgert hat. Und sie gilt, wie gesagt, als Sammelbezeichnung für alle Art von Tätigkeiten, die man in einem Büro ausüben kann«, wurde ich belehrt.
»Wie sieht es denn mit Ihren PC-Kenntnissen aus?«
»Gut, ich habe ja täglich damit gearbeitet. Ich bin mit den Office-Anwendungen vertraut, beherrsche die Tabellenkalkulation und kann auch mit Zeichen- und Bildbearbeitungsprogrammen umgehen.«
»Fein, wären Sie auch bereit, an Fortbildungsmaßnahmen teilzunehmen? Sprechen Sie Fremdsprachen? Sind Sie örtlich gebunden?«, und so weiter und so fort. Die Liste der Fragen war endlos. Dabei erfuhr ich, dass ich praktisch von der kleinen Klitsche im Büro eines Einzelhandelsgeschäftes bis zum Großraumbüro vermittelt werden konnte. Dabei war es durchaus zumutbar, täglich mehrere Stunden Anfahrtsweg in Kauf zu nehmen. Na, Mahlzeit!
Ich schrieb mir die Finger wund und erhielt haufenweise Absagen. Als dann endlich ein Angebot übermittelt wurde, das sich sogar ganz gut anhörte, schöpfte ich neue Hoffnung. Ich musste täglich nur eineinhalb Stunden unterwegs sein und es war eine mittelgroße Firma, in der ich weder den ganzen Schreibkram allein erledigen noch eine Nummer in einem riesigen Großraumbüro sein musste.
Zum Vorstellungsgespräch zog ich eines meiner besten Kleider an, nicht zu mondän und nicht zu sexy. Ich war gut frisiert und dezent geschminkt. Der Herr, der mich in seinem Büro erwartete, zog mich mit den Augen förmlich aus. Ein Umstand, der mir eine Gänsehaut verschaffte. Sein Lächeln war falsch und aufgesetzt, und sein Tonfall etwas zu jovial.
»Nun, Frau Weber, Ihre Bewerbungsunterlagen sind ja ganz ordentlich. Was sollte mich veranlassen, gerade Sie unter der Vielzahl von Bewerberinnen auszuwählen?«, fragte er ohne Umschweife.
»Ich habe die entsprechende Ausbildung und eine gewisse Berufserfahrung.«
»Das haben die anderen auch. Was haben Sie noch zu bieten?«
»Ich bin unabhängig und schaue abends nicht auf die Uhr, wenn es mal später wird.«
»Schon besser. Heißt das, Sie sind privat ungebunden?«
»Zurzeit, ja«, antwortete ich ehrlich.
»Dann könnten Sie doch einmal mit mir ausgehen, damit wir uns besser kennen lernen. Haha.«
»Wenn Sie es wünschen, warum nicht?«
»Gut, ich denke wir können es miteinander versuchen«, war seine doppeldeutige Aussage.
Das fiel mir aber erst hinterher auf. Ich war viel zu froh, endlich eine akzeptable Anstellung gefunden zu haben und aus der Hartz IV-Mühle herauszukommen. Und mit dem schmierigen Kerl würde ich ja nicht allzu viel zu tun haben, in seiner Position. Das war mein Fehler Nummer eins. Und wenn er es wagen sollte, mir ein unmoralisches Angebot zu machen, würde ich ihn in die Schranken weisen und danach Ruhe haben, dachte ich. Das war Fehler Nummer zwei.
Ich war schon einige Wochen in der Firma und hatte mich recht gut eingearbeitet, als mein Chef auf die Einladung zurückkam. Warum sollte ich nicht mit ihm essen gehen? Die Gefahr, dass er im Restaurant über mich herfallen würde, bestand ja kaum.
»Ich bin sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit, Frau Weber. Noch zufriedener wäre ich, wenn Sie hin und wieder etwas nett zu mir sind.«
»Nett? Ich verstehe nicht.«
»Doch, ich glaube schon. Sie sind eine reizvolle Frau, die bestimmt auch etwas Zärtlichkeit braucht. Und ich könnte Ihnen diese geben. Und so ganz unattraktiv bin ich schließlich auch nicht.«
»Was würden wohl Ihre Frau und Ihre Kinder dazu sagen?«, trumpfte ich auf.
»Meine Frau ist äußerst tolerant, und die Kinder geht das absolut nichts an.«
»Trotzdem, ich möchte es nicht«, sagte ich etwas milder, »seien Sie mir nicht böse, aber das ist nicht mein Stil.«
Er schluckte und sah mich durchdringend an.
»Doch, ich bin Ihnen böse, sehr sogar. Welcher Mann holt sich schon gerne einen Korb? Ich nehme es geradezu persönlich.«
»Das tut mir leid, aber mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Im Übrigen würde ich jetzt gerne gehen. Einen schönen Abend noch.«
Die nächsten Tage ließ er sich im Büro nichts anmerken, nur seine Blicke wurden immer abschätzender, deshalb rechnete ich damit, dass da bald etwas kommen würde. Und es ließ nicht lange auf sich warten.
»Wir haben hier Publikumsverkehr, Frau Weber. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn Sie nicht ganz so unscheinbar daher kämen. Das Kleid mag für den Haushalt seinen Zweck erfüllen und ein blasses Gesicht fällt bei einer Hausfrau nicht ins Gewicht, aber warum tragen Sie nicht wenigstens eine getönte Tagescreme auf Ihrer weißen Haut? Und etwas Lidschatten und Wimperntusche könnten auch nicht schaden. Nicht dass man annehmen muss, Ihnen sei elend zumute, und ich beschäftige Sie während Ihrer Krankschreibung.«
Ich war viel zu geschockt, um entsprechend reagieren zu können, aber eine Kollegin, die mir gegenübersaß, konnte sich ein gehässiges Grinsen nicht verkneifen. Ich hatte schon bemerkt, dass sie förmlich an den Lippen des Chefs hing und seine Einladungen bestimmt nicht ablehnte.
Als Kind wurde meine Großmutter geneckt, indem man ihr einen Birnenstiel hinhielt und meinte, sie solle den Pinsel zum Maler bringen. Meine Schwester hatte man in ihrer Friseurlehre sogar losgeschickt, eine Haarspaltmaschine zu besorgen, aber was man mir zumutete, spottete jeder Beschreibung. Angeblich war in der Materialausgabe das Druckerpapier ausgegangen. Deshalb sollte ich kurz vor Feierabend einige Pakete bei einem Großhandel abholen, damit wir am nächsten Tag weiterarbeiten konnten. Die Firma lag etwas außerhalb, und natürlich sollte ich meinen privaten Pkw dazu nutzen. Ich blöde Kuh hatte ja geäußert, nichts dagegen zu haben, abends etwas länger zu machen. Na, und das bisschen Benzin … Auf dem weitverzweigten Industriegelände wollte nur niemand die Firma kennen. Ich suchte geschlagene zwei Stunden, bis ich endlich jemanden traf, der sich erinnerte, dass es vor mehreren Jahren eine Firma dieses Namens gegeben hatte, aber die war längst umgezogen. Stinksauer fuhr ich nach Hause und war überzeugt, absichtlich in die Irre geführt worden zu sein.
Das Donnerwetter am nächsten Tag war vom Feinsten. Ich hätte mich schließlich vorher telefonisch informieren können, hieß es. Und warum ich nicht wenigstens auf die Idee gekommen sei, Papier aus einem Copy-Shop zu besorgen?
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