„Sonst?!“, unterbricht Fidelitas und verstößt damit erneut gegen die auf einer Marmorplatte verewigten ´Benimmregeln für Himmlische Heerscharen`.
„Sonst müssen sie dir entzogen werden.“
Nun ist Schluss mit lustig, der Allmächtige hat gesprochen. Er scheint müde zu sein, gähnt sogar. Mit den üblichen Folgen im Universum. Kometen trägt es aus ihren Laufbahnen, manche explodieren oder kollidieren mit unkontrolliert herumtaumelnden Felsbrocken. Ein paar Milliarden Kilometer entfernt liegende Planeten sind in ihrer intergalaktischen Ruhe gefährdet, drehen sich plötzlich in die andere, die entgegengesetzte Richtung mit all den damit verbundenen Konsequenzen für die in Entstehung begriffene Flora und Fauna. Vulkane brechen zeitgleich aus, auch die sich gerade entwickelnde Tierwelt bleibt an vielen Orten nicht ungeschoren.
Dinosaurier, grotesk aussehende Flugvögel und anderes Getier müssen nach knapp zehntausendjähriger Existenz schon wieder dran glauben.
Dennoch, Fidelitas gibt nicht auf, will es genau wissen. „Dafür, für den Entzug der Privilegien, haben wir die Kontroller. Habe mich immer gefragt, wozu die eigentlich gut sind. Ganz schön Matcho mäßig, Chef. Nur, ohne himmlische Gaben ist unsereiner aufgeschmissen im Ausland! Ein verlorenes Schaf...“
„Die Emanzipation nach der du Ausschau halten sollst – ist e i n Apfel von meinem Baum der Erkenntnis...“ Und schon wieder unterbricht Fidelitas den allmächtigen Herrn.
„Bin ich denn ein Sündenfall?“ Der gibt sich gnädig geduldig, oder ist er schläfriger denn je?
„Im Gegenteil, deine Aufgabe ist zukunftsweisend für alle Engel der Himmlischen Heerscharen“.
„Vom Patriarchat zum Matriarchat? Hier im Himmel?! Das werdet IHR niemals durchsetzen - bei unseren geflügelten Machos“.
„Jetzt schau mer mal, Fidelitas. Was auf Erden vorangeht, sollten WIR im Himmel auch in den Griff kriegen“.
Er beginnt damit ein paar Wolken für das anstehende Mittagsschläfchen aufzuschütteln. Fidelitas zuckt die Achseln, denn was ´Ruhekissen` bedeuten, weiß natürlich jeder im Himmel: Gespräch beendet. Zufrieden ist sie allerdings nicht.
„Ihr Wort in Gottes Ohr, Chef. T’schuldigung, so sagt man, höre ich, auf Erden. Ach, übrigens, wo speziell soll ich anfangen?“
Der alte Herr kann ein weiteres Gähnen kaum unterdrücken.
„Bei einer Familie namens...äh...jetzt ist mir der Name entfallen. Am besten frag den Aloisius, den Dienstmann aus Bayern. Und für den Fall, dass etwas schief läuft: Über die Direktleitung sind WIR immer erreichbar“. Er wirft ein halbes Dutzend Wolkendecken über sich und ist damit verschwunden.
„Über den Privatanschluss, Chef?! Welche Nummer ist das?“, ruft ihm Fidelitas nach. Aber Gott der Allmächtige wäre nicht allmächtig, wenn es ihm nicht gelingen würde sich jederzeit vor den Mitgliedern seiner Heerscharen zu verbergen.
*
Ein unwidersprochen überirdischer Anblick ist und bleibt das Panorama des Universums. In letzter Zeit allerdings ein wenig getrübt durch millionenfach herumfliegenden Weltraumschrott, bestehend aus ausgebrannten Raketenteilen, Wetter Satelliten, Versorgungskapseln, Sonnensegeln, GPS und Spionage Satelliten, Schläuchen, Nägeln, Schrauben und dazu passenden, äußerst praktikablen Weltraum Bohrmaschinen.
Ertragen müssen diese von befähigten Wissenschaftlern enorm großzügig ausgelegte Müllhalde all jene Wesen, die da oben existieren, agieren, werkeln, spielen, dichten und denken, komponieren, musizieren oder auch nur friedlich vor sich hin philosophieren.
Außergewöhnlich hell ist die Sternschnuppe, die sich gemächlich durch den interstellaren Bereich auf die in den Weiten des Raumes bläulich vor sich hin schimmernde Erdkugel zu bewegt. Gemächlich ist relativ, denn Tempo und hohe Geschwindigkeiten im göttlichen Sinne sind nicht messbar, sind nicht zu vergleichen mit von Menschen erdachten Verbrennungskraftmaschinen oder mit elektrischem Strom, der in einer Sekunde siebeneinhalb Mal um die Erde saust. Das sind pro Stunde 1,08 Milliarden Kilometer.
Rein rechnerisch muss also davon ausgegangen werden, dass sich eine Reise vom Himmel zur Erde über viele Milliarden Lichtjahre hinzieht. Präzise ist das selbst mit einem computergesteuerten Rechner der neuesten Generation nicht zu schaffen.
Also lassen wir es gefälligst dabei.
Die Erzengel Raphael und Michael haben es in der näheren Vergangenheit,
also vor etwas über 2000 Jahren, auch ohne Probleme hingekriegt auf die Erde niederzukommen. Ein Teil der Menschheit besingt das zur Weihnachtszeit
heute noch mit dem Evergreen ´Vom Himmel hoch, da komm ich her...`
Lobenswert vorbildlich hat der Allmächtige ganz im Sinne der ´Mission Emanze` für Fidelitas eine ähnlich kurze Zeitspanne eingeplant. So wie der berühmteste aller Sterne, der ´Stern von Bethlehem`, wird ihr ganz persönliches Transportmittel, eine Sternschnuppe, auf Erden landen, damit der erste weibliche Engel in himmlischer Ruhe seinen Fuß auf irdischen, deutschen, auf bayerischen Boden setzen kann, und dies auf Anordnung von oben, von sehr weit oben.
Soviel hat die Splittergruppe ´Emanzipation in den Himmlischen Heerscharen` immerhin schon erreicht.
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Psalm 1 Vom Himmel hoch, da komm ich her
In Bad Tölz, einer kleinen Stadt im oberbayerischen Voralpenland, malerisch an der glasklaren von Schlick und Umweltsünden befreiten Isar gelegen, hat Herr Yüksel, knapp über vierzig und nach eigener Einschätzung ein echter Bayer wenn auch mit türkischen Wurzeln, einen Obststand fachmännisch vor seinem Lebensmittelladen aufgebaut, erstklassige Ware in der Auslage. Er akzeptiert die strengen deutschen Gesetze, hält seinen Laden penibel sauber und in Ordnung, seit vielen Jahren. Seine Tölzer Kunden wissen das zu schätzen, gehen gerne zum Türken einkaufen, da weiß man wenigstens was man hat.
Die drei Männer mit ausländischem Aussehen, die sich jetzt vor dem Obststand aufbauen und die ausgelegte Ware mit bloßen Fingern betasten, sehen das möglicherweise anders. Oder wollen sie den Türken nur mal so richtig provozieren? Das Aussehen, Vollbart, Sonnenbrillen Blick, täuscht übrigens. Die drei sind deutschstämmig, sogenannte Biodeutsche.
Kozak, ein äußerlich brutaler Typ, ledergewandet und mit Tattoos bestückt, scheint der Anführer des Trios zu sein. Fehrmann, der zweite im Bunde, wirkt eitel, ist geradezu geckenhaft gekleidet, trotzdem nicht schwul, was angebliche Kenner der Homo-Szene gerne vorschnell behaupten. Der Nummer drei heißt Blumenauer, ist das genaue Gegenteil seiner Kollegen. Rundlich, schlampig, ewig hungrig und insofern nicht immer Herr der jeweiligen Geistes-Lage. Gemeinsam eint die Mini-Gang ein T-Shirt mit einem Zähne fletschenden Pitbull, darunter ein in krassem Silber gehaltener Schriftzug: ´Underdogs`.
Immer wieder greifen die Männer ungeniert bei Äpfeln und Pfirsichen zu, beißen hinein und werfen das angebissene Stück wieder zurück. Yüksel hat das böse Treiben eine Zeitlang aus dem Laden beobachtet, jetzt kommt er heraus, man sieht ihm an, er hat Angst. Ängstlich ist auch Frau Schlatholt, eine treue Stammkundin, die mit äußerst kritischen Blicken von der anderen Straßenseite herüberstarrt. Was auch immer passieren wird, sie kann nicht eingreifen, denn erstens geht die alte Frau am Stock und zweitens, wer, wenn nicht sie, könnte den Menschen in und um Tölz berichten, was in und um den Feinkostladen vom Türken passiert, dafür, und allein dafür fühlt sie sich zuständig, genau daran hat sie unermüdlich gearbeitet, sich über Jahre hin einen Namen gemacht: als zweibeinige Tageszeitung. Für Nachrichten, auch wenn sie noch so aktuell sind und mündlich überbracht werden, interessiert sich Yüksel im Augenblick nicht, auch wenn die Überbringerin einen Teil ihrer monatlichen Rente bei ihm im Geschäft lässt. Sein Zorn gilt diesen Typen mit ihrem unverantwortlichen, geradezu saumäßigen Benehmen.
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